Heiligendamm aus Demonstrantensicht

Helena Barop

Stefan, 20, studiert in Freiburg Jura und war mit ein paar Freunden in Heiligendamm. Er hat angeblich keinen Stein geschmissen, aber dennoch Tränengas zu spüren bekommen. "Vom Umgang der Polizei mit den friedlichen Demonstranten wurde viel zu wenig gesprochen", sagt Stefan im fudder-Interview.



Wie war's in Heiligendamm?

Ich bin mit ein paar Freunden am Samstag hingefahren, als die Großdemonstration war. Wir sind da bei einer Sambagruppe aus Freiburg mitgelaufen und eigentlich war alles ziemlich friedlich. Bis zum Schluss. Da ist die Sache ausgeartet. Die erste Gewalt ging eindeutig von den Autonomen aus. Aber dann sind einige Polizisten ausgerastet. Die haben friedliche Leute vertrimmt, Gas gegen uns eingesetzt, sind mit Wasserwerfern in eine friedliche Demo reingefahren.

Das war eine riesige Demonstration, da gibt es nicht so einfach einen schwarzen Block, der klar von allen anderen getrennt ist. Auch wenn wir nicht im schwarzen Block waren, haben wir natürlich viel von der Gewalt mitbekommen.  Da hat sich eine Gewaltspirale hochgeschraubt, deren Ausgang man, wenn auch verzerrt, dann in den Medien sehen konnte.

Waren die Straßenschlachten so schlimm, wie sie im Fernsehen ausgesehen haben?


Das Bild in den Medien war sehr verzerrt. Es waren gewiss keine kriegsähnlichen Zustände da, wie behauptet wurde. Klar war es eine harte Auseinandersetzung, klar ging am Anfang die Gewalt von den Autonomen aus, aber die Darstellung war einfach nicht richtig. Vom Umgang der Polizei mit den friedlichen Demonstranten wurde viel zu wenig gesprochen.

Außerdem waren die Bilder überspitzt. Diese Steinewerfer und die brennenden Autos, das waren Momentaufnahmen, aber so sah es da größtenteils wirklich nicht aus.



Warum bist du hingefahren?

Der G8-Gipfel ist in meinen Augen eine undemokratische Veranstaltung, bei der acht herrschende Industrienationen Leitlinien der Weltpolitik vorgeben, die maßgeblich auch die Politik in den Dritte-Welt-Ländern bestimmen. Die Länder, um die es geht, haben dann selbst aber überhaupt nichts mehr zu sagen. Ich finde es gut, gerade beim G8-Gipfel zu demonstrieren, weil sich dort das politische System in der Weltpolitik manifestiert.

Das ist ein guter Anlass, um auch eine grundsätzliche Kritik an dem ganzen System zu üben, die nicht unbedingt beschränkt sein muss auf den G8-Gipfel oder die Globalisierung. Da kann man auch kapitalismuskritische Punkte vorbringen.



Was genau hast du von der Gewalt mitbekommen?

Ich habe Tränengas abgekriegt und einen Schlag ins Gesicht bekommen, obwohl ich nichts getan habe. Ich musste nachher von Sanitätern versorgt werden, weil ich geblutet habe im Gesicht und weil ich eine Stunde nichts sehen konnte, wegen des Tränengases. Es war ein riesiger Platz, auf dem die Auseinandersetzung tobte. Man war sehr schnell mittendrin.

Wir haben uns friedlich da hingestellt und wurden dann von der Polizei attackiert. Der Schwarze Block war ja nicht separiert vom Rest und die Gewalt hat nicht an irgendwelchen Markierungen aufgehört.



Wie war die Stimmung?

Wir haben in einem Camp in Reddelich gewohnt. Die Stimmung dort war richtig gut. Alles war super organisiert, es gab ein Infosystem, Internetplätze, sogar eine Bar. Man konnte dort für eine Spende campen und essen, man wurde rundum versorgt. Insgesamt waren in unserem Camp mehr als 5000 Leute. Es war ein internationales Camp mit vielen, netten, jungen Leuten.

Wir haben bei den Freiburgern gezeltet, aber auch viele Leute aus anderen Städten und Ländern kennengelernt, die extra für den Gipfel angereist waren. Leider standen aber auch immer wieder Hubschrauber über den Zelten.



Habt ihr was bewirkt?

Ich glaube, dass der Protest auf den Gipfel wenig Einfluss genommen hat. Aber ich glaube, dass durch solche Bewegungen eine linke Stärke erreicht werden kann. Ansonsten fand ich es unverschämt, wie abgeschirmt der Gipfel war. Ich glaube nicht, dass die Politiker etwas mitbekommen haben von den Demonstranten. Egal, wie wenig wir bewirkt haben, ich fände es schlimm, wenn es gar keine Proteste gegeben hätte.