Headlights im Waldsee

Alexander Ochs

Die amerikanische Indiepopband Headlights beschloss ihre Europa-Tournee nicht in Paris, Dublin oder London - nein, in Freiburg. Was auf CD verhalten, verträumt, melancholisch und poppig daherkommt, wird live zur rockenden Höllenfahrt. Alex war für fudder an Bord.



Die Freiburger Band Ein Stück Heile Welt darf zuerst ran. In veränderter Formation, nämlich mit neuem Mann an den Synthies, neuer Technik und neuen Songs scheinen sie die drei Monate im Proberaum noch nicht ganz hinter sich gelassen zu haben. Sie sind noch nicht ganz da, nicht ganz bei der Sache, lassen ein wenig zu lange Pausen zwischen den Songs. Trotz kleiner Abstimmungsprobleme und Gitarrenstimmproblemen – der Stimmung tut das keinen Abbruch.


Im Gegenteil: Sie haben ihre Homebase und ihr Fangirlquartett dabei, als sie ihren „Hit, den ich leider nicht mehr hören kann“, so Sänger Konrad Bechler, spielen: Die Beine baumeln lassen. Sanfte Orgelharmonien (Die Sterne lassen grüßen), dezent rockige Gitarre, solide Rhythmussektion – die Band versprüht ihren ganz eigenen Charme. Das fast schon selbstbezügliche und vorzügliche Stück, in dem es heißt, „dass ich Stück für Stück Stück deiner Welt sei darf“, beschließt die gute halbe Aufwärmstunde.



Dann die Headlights. Ruhiger Frauengesang, bis das Schlagzeug auf einmal in irrem Tempo auf und davon galoppiert – es rockt! Erin Feins energisches und energetisches Orgelspiel, das superschnelle Schlagzeug, die gelegentlichen Gitarrengewitter, der treibende Bass – all das rast in einem Wahnsinnstempo straight nach vorn, als würde ein laut lärmender, dabei melodisch tönender Güterzug seine nicht enden wollende Höllenfahrt durch das Waldsee aufnehmen. „Indiepop mit shoegazigem Nachgeschmack“, nennt die Band ihre Musik. Vielleicht auf Platte. Live rocken sie, was das Zeug hält.



Hin und wieder ruhige Gesangspassagen, süße Boy-Girl-Vocals, mit sanfter Stimme vorgetragen, dann fast schon elysische, ahnungsvolle Klänge von der Gitarre, dann die Explosion: eine Wand aus Schlagzeug-Bass-Gitarre, dazu Fiepen, Rückkopplungseffekte – und dann Stille. Ein Wedeln mit dem Schellenkranz und der Überlandexpress aus Champaign, Illinois, nimmt seine rasante Fahrt wieder auf. Das Ganze bringt die fünfköpfige Band mehrfach und gekonnt auf die Bühne. Auch wenn die Headlights ruhigere Töne anschlagen, halten sie die Spannung hoch.



Als Zugaberufe ertönen, lacht Tastenfrau und Sängerin Erin sich schlapp, sichtlich gelöst. Sie schießt noch ein Foto der jubelnden, überschaubaren Menge. Die Band spielt lachend Zugabe um Zugabe, bis das komplette Repertoire gespielt ist. Let’s do it nice and fast, meint Erin, als das Konzert und damit auch die dreiwöchige Tour durch Europa sich dem Ende nähern. Dabei war das Quintett so schnell, als habe es sich selbst überfahren.