Hauptschulabschluss - Und dann?

Carolin Buchheim

Hauptschüler sind dumm, kriminell und zu einem Leben mit Hartz IV verdammt: soweit die Klischees. Doch die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit und der morgen erscheinende Bildungsbericht von Bund und Ländern zeigen auch abseits aller Vorurteile die schwierige Lage der rund eine Millionen Hauptschüler in Deutschland. Wie planen Freiburger Hauptschüler ihre berufliche Zukunft? fudder-Redakteurin Caro hat Neuntklässler der Gerhart-Hauptmann-Schule in Freiburg-Betzenhausen besucht.



„Hätte ich gewusst, dass es so wichtig ist, nicht auf der Hauptschule zu landen, dann hätte ich mich in der vierten Klasse mehr angestrengt“, sagt Linda Leka.


Die 15-Jährige ist eine von 29 Neuntklässlern der Gerhart-Hauptmann-Schule, die in dieser Woche den letzten Teil ihrer Abschlussprüfung, die mündliche Projektprüfung, absolvieren. Die drei Abschluss-Klausuren in Deutsch, Mathe und Englisch sind geschrieben, die Noten noch nicht bekannt gegeben, die Vorbereitungen für die Projektprüfung laufen noch.

Ein wenig ist die Luft raus, in dieser Zwischenprüfungswoche, die Anspannung für Linda aber noch nicht. „Für mich ist es wichtig, meinen Notendurchschnitt zu halten“, sagt sie.

Kein Ziel sondern nur ein Zwischenstopp



Denn für Linda und ihre Freundin Jiro Ahmad (Bild oben, von links nach rechts) ist der Hauptschulabschluss, den sie in wenigen Wochen in der Tasche haben werden, nur ein Zwischenerfolg. Beide möchten nach den Sommerferien an der Gerhart-Hauptmann-Schule bleiben, die zehnte Klasse besuchen und den Werkreal-Abschluss machen.

„Das ist der schnellste Weg, an einen Realschulabschluss zu kommen“, sagt Jiro. „An der Berufsschule bräuchten wir dafür zwei Jahre.“ Für die Teilnahme an der zehnten Klasse ist ein Notendurchschnitt im Abschlusszeugnis von höchstens 2,5 Pflicht. Zur Zeit stehen beide deutlich besser, aber Linda sorgt sich trotzdem.

"Ich hatte viel Liebe als ich klein war, aber nicht viele Sachen“, erklärt Linda ihren Ehrgeiz. Ihre Eltern stammen aus dem Kosovo, Linda wurde in Deutschland geboren und erlebte eine Kindheit in der Schwebe: Die Familie bekam kein Asyl, sondern eine Duldung. Vor drei Jahren stand die Abschiebung unmittelbar bevor und wurde doch nicht vollzogen. Mittlerweile hat die Familie eine Aufenthaltserlaubnis auf Grund von Bleiberecht.

„Ich möchte etwas erreichen, weil ich jetzt hier bleiben kann“, sagt Linda ernst. „Ich würde gerne nach dem Realschulabschluss das Abitur machen und vielleicht sogar einmal VWL studieren.“ Ihr Traumberuf? „ Ich wäre gerne Managerin.“



„Ich hab' mir nie Gedanken über einen Traumberuf gemacht“, sagt hingegen Sebastian Bremer (Name von der Redaktion geändert). „Ich würde ihn eh' nie erreichen."

Der Sechzehnjährige hat eine Schulodyssee hinter sich. Diverse Real- und Gesamtschulen hat er besucht. Jetzt ist er in der Hauptschule gelandet – wegen „Stress“, den er nicht näher beschreiben will. Heute ist Sebastian deswegen ein bisschen sauer auf sich selbst. „Ich verstehe das alles jetzt besser. Ich hätte mich damals zusammenreißen können.“

Sebastian hat zwar keinen Traumberuf, aber einen Ausbildungsplatz. Ein großes Freiburger Unternehmen, in dem er ein Schulpraktikum absolvierte, hat ihm einen Ausbildungsplatz als Industriemechaniker angeboten. Allerdings erst für 2009. Doch wie die Zeit bis dahin vertreiben?

Mit diesem Problem ist Sebastian nicht alleine: Nur acht Prozent aller Hauptschüler beginnen direkt nach dem Schulabschluss eine Ausbildung. Die meisten versuchen sich – wie Linda und Jiro – an einem Realschulabschluss oder hangeln sich von einer Nachqualifizierungs- und Überbrückungsmaßnahme zur anderen. Doch die Ergebnisse sind schlecht: Zweieinhalb Jahre nach dem Hauptschulabschluss sind noch immer 40 Prozent aller Absolventen ohne berufliche Qualifikation. Sebastian geht zur Überbrückung zwei Jahre auf eine Berufsfachschule, Fachrichtung Metall.



Im Werkunterricht sitzt er konzentriert am Tisch und baut an einem kleinen Elektroauto. Seine Klassenkameraden bitten ihn wiederholt um Hilfe. „Das kommt bei Schülern, die von der Realschule wechseln häufig vor,“ sagt Sebastians Lehrer Hans-Joachim Petzold (Bild unten). „Die haben eine positive Wirkung auf die ganze Klasse.“

Für ihn ein Argument für die Integration von Haupt- und Realschule. „Das hätte den Vorteil, dass vernünftige Schüler die Klassendynamik steuern und das Niveau insgesamt heben würden.“



Die berufliche Ausgangslage seiner Schülerinnen und Schüler sei zwar schwierig, eine Verbesserung zu den Vorjahren aber spürbar. „Es werden nun mal händeringend Facharbeiter gesucht, und durch die neuen Fachrichtungen an den Berufsschulen müssen sich die Schülerinnen und Schüler auf eine Berufsrichtung festlegen. Das hilft.“

Erst das Berufsleben zeigt, wo es langgeht

Zufrieden ist er allerdings noch lange nicht. „Ich glaube, wir konfrontieren sie nicht früh genug mit der Realität“, sagt Hans-Joachim Petzold selbstkritisch. „Wenn man unsere Neuntklässer auf Ausbildungsplatzsuche schickt, dann sind die Schülerinnen und Schüler ganz klar überfordert. Wo es wirklich langgeht – das merkt man erst im Berufsleben.“ Praktika alleine würden da nur wenig helfen.

„Wenn ein Schüler zwei Wochen lang in einem Einzelhandelsgeschäft Dosen nach dem Haltbarkeitsdatum sortiert, dann ist das weder Arbeitsalltag, noch sonderlich interessant.“ Viel wichtiger seien Kundenkontakt und Verantwortung. „Aber welcher Betrieb riskiert das schon mit Hauptschülern?“

Für die Absolventen dieses Jahrgangs hat er einen klaren Wunsch: realistische Ziele. „Viele haben hochtrabende Pläne. Unsere Schüler sollen aber mit dem, was sie hier mitbekommen haben, erst einmal den nächsten Schritt an die Berufsschule machen, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten aufbauen und dann eine Ausbildung machen. Das sollte das Ziel sein.“

 



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179 000 der 619 000 Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg besuchen nach Angaben des Statistischen Landesamts Hauptschulen. 56 Prozent sind männlich, rund ein Viertel hat Migrationshintergrund. Auf dem Land entscheiden sich mehr Schüler für die Hauptschule als in der Stadt: Während in Freiburg 14,9 Prozent eines Jahrgangs Hauptschulen besuchen, sind es im Breisgau-Hochschwarzwald 24,6 Prozent, in Emmendingen 28 Prozent, in der Ortenau 31,9 Prozent, in Lörrach 32,1 Prozent und in Waldshut 34,1 Prozent. Das tun sie zum Teil, um lange Schulwege zu vermeiden.

Die Land-Hauptschüler sind erfolgreicher als die Stadt-Hauptschüler: In Freiburg erreichen rund 30 Prozent aller Hauptschüler den Hauptschulabschluss nicht, auf dem Land sind es nur 15 Prozent.

Auf dem Arbeitsmarkt haben es Hauptschüler laut des morgen erscheinenden Bildungsberichts von Bund und Ländern besonders schwer: Nur acht Prozent beginnen nach dem Abschluss direkt eine Berufsausbildung, 13 Monate später hat rund die Hälfte aller Hauptschüler keinen Ausbildungsplatz gefunden; 30 Monate nach Schulende sind immer noch 40 Prozent ohne Ausbildungsplatz.