Halbmond oder Schwarz-Rot-Gold: Für wen schlägt Dein Herz?

Nina Braun

Heute Abend findet mit dem Halbfinale Deutschland-Türkei fast eine Art innerdeutsches Kräftemessen statt. Wir haben Ali Günes vom SC Freiburg, ehemals türkischer Nationalspieler, und Mustafa Yarayan, Ex-Spieler der deutschen Jugendnationalmannschaft, sowie einige türkische und türkischstämmige Fußballfans in Freiburg befragt: wo sie das Spiel schauen, für wen sie die Daumen drücken und ob es schlimm wäre, wenn die Türkei ausgerechnet gegen Deutschland verliert.

Die Fußballspieler



Ali Günes (29) wurde in Donaueschingen geboren und kam 1996 zum SC Freiburg, wo er ab 1998 bei den Profis spielte. Zur Saison 2000/2001 wechselte er in die türkische Liga, spielte bei Fenerbahce und Besiktas Istanbul und kam 2007 zum SC zurück.


Dein Tipp für das Halbfinale Deutschland-Türkei?

1:0 für die Türkei, vielleicht auch 2:1.

Für wen drückst du die Daumen?

Natürlich für die Türkei, weil ich selbst Türke bin. Meine Kultur ist türkisch, mein Umfeld, meine Familie. Ich lebe in Deutschland und fühle mich auch wohl hier. Das heißt aber nicht, dass ich mich als Deutschen sehe.

Du bist hier geboren und aufgewachsen, hast aber auch viele Jahre in der Türkei gespielt. Wo bist du zuhause?

Es ist sehr schwierig, das genau zu sagen. Ich fühle mich hier wie dort zuhause, in Deutschland ebenso wie in der Türkei.

Du hast schon in der türkischen Nationalmannschaft gespielt. Hättest du dir auch vorstellen können, stattdessen für die deutsche auf dem Feld zu stehen?

Eigentlich nicht. Es war immer ein großer Kindheitstraum von mir, einmal in der türkischen Nationalmannschaft zu spielen.

Spieler wie Hakan Yakin in der Schweizer Nati oder auch, ähnlich, Lukas Podolski in der deutschen Nationalelf haben da eine andere Wahl getroffen – verzichten aber dann in Spielen gegen das Mutterland auf Torjubel...

Ich kann gut nachvollziehen, mit welchen Gefühlen diese Spieler auf dem Platz stehen. Es ist einfach eine Frage des Respekts gegenüber Freunden und Familie, sich zurückzuhalten – auch wenn man sich natürlich trotzdem über ein Tor freut. Das können die schweizer oder deutschen Zuschauer aber glaube ich auch verstehen.

Zu guter Letzt: Wer wird Europameister?

Russland. Das habe ich schon vor dem Turnier gesagt. Es ist eine sehr starke Mannschaft, gegen die es auch für die Türkei im Finale sehr schwer würde. Aber natürlich hoffe ich trotzdem, dass wir den Titel holen.



Mustafa Yarayan (27) wurde als Sohn türkischer Eltern in Deutschland geboren, hat in der deutschen Jugendnationalmannschaft gekickt und bei den Amateuren des SC Freiburg. Mit 20 Jahren ging er in die Türkei, um dort in der ersten und zweiten Liga zu spielen. Nach dem verletzungsbedingten Karriereende kehrte er vor eineinhalb Jahren wieder nach Freiburg zurück und betreibt heute zwei Imbiss-Läden in der Tulla- und der Elsässer Straße.

In Deutschland geboren, türkische Eltern: Für wen bist du beim Halbfinale Deuschland-Türkei?

Bei mir ist es wirklich absolut ausgeglichen, es fällt mir schwer, mich da zu entscheiden. Es wäre sehr schön, wenn die Türkei gewinnt, und ebenso, wenn Deutschland weiterkommt. Ich rechne aber damit, dass das Finale Deutschland gegen Russland heißt.

Siehst du dich eher als Deutschen oder eher als Türken?

Schon bei uns in der Familie war die Unterscheidung Türke oder Deutscher nie wichtig. Überhaupt sollte man nicht mehr in Kategorien wie deutsch, türkisch, französisch oder englisch denken. Wenn ich mich irgendwo wohlfühle, dann bin ich einfach da und lebe, egal wo es ist. Ähnlich sehe ich es übrigens mit der Religion. Beides, Religion und Nationalität, spaltet die Menschen zu schnell. Wir sind zum Beispiel einer der ganz wenigen türkischen Läden in Freiburg und Umgebung, die auch Schweinefleisch verkaufen.

Du hattest die Wahl zwischen türkischer und deutscher Jugendnationalmannschaft. Warum Deutschland?

Für mich war es klar: Ich lebe hier, also spiele ich auch hier. Einmal aber, bei einer Hallen-Fußballweltmeisterschaft, mussten wir gegen die türkische Mannschaft spielen, das war dann schon seltsam und für mich sicher anders als vielleicht gegen Frankreich. Das Türkei-Trikot, das ich damals im Anschluss an das Spiel ertauscht habe, hängt nun zur EM neben einem meiner deutschen Trikots hier im Ladenfenster.

Dein Tipp fürs Spiel?

Es ist schwer, aber ich würde sagen, 2:0 oder 3:0 für Deutschland. Das heißt nicht unbedingt, dass ich die Deutschen für besser halte. Von den Einzelspielern her waren die Türken schon immer sehr gut. Aber die deutsche Mannschaft ist erfahrener und auch disziplinierter, die taktische Schulung ist besser. Für die Türkei ist das Halbfinale immerhin schon ein Riesenerfolg.

Wo schaust du?

Im ganz kleinen Kreis, mit meiner Frau zuhause. Ich sehe mir Spiele allgemein lieber alleine an. Wenn ich mir von rechts und links anhören muss, das war Foul, das war Abseits, dann nervt mich das schnell.

Und wer wird Europameister?

Ich habe von Anfang an gesagt, entweder Deutschland oder aber ein Außenseiter wie vor vier Jahren Griechenland. Insofern könnte es auch Russland machen.



Die Fans



Kerem A. (23), Auszubildender, in Deutschland geboren & Özgür Güleryüz (32), Geschäftsführer des Café Istanbul, seit 23 Jahren in Deutschland:

Kerem: "Ich werde mir das Spiel vermutlich mit anderen Türken ansehen, mit Familie und Freunden, und auf jeden Fall für die Türkei mitfiebern. Wir sind schon so weit gekommen. Jetzt zu sagen, die Deutschen seien besser und es mache nichts, zu verlieren, würde mir auf der einen Seite unheimlich schwer fallen – auf der anderen ist das Halbfinale schon ein so großer Erfolg, dass es wiederum gar nicht so schlimm wäre, auszuscheiden. Aber ich glaube fest daran, dass wir weiterkommen. Es ist schließlich Fußball. Jeder kann gewinnen."

Özgür: "Das Spiel werde ich hier im Café mit deutschen und türkischen Gästen gemeinsam ansehen. Den Türken würde ich den Sieg ein bisschen mehr gönnen, damit sie endlich mal etwas erreichen. Deutschland hat ja schon einige Erfolge gehabt. Aber das wichtigste ist natürlich, dass es ein faires Spiel wird. In jedem Fall wäre es für mich viel leichter, wenn die Türkei gegen Deutschland ausscheidet, als gegen eine andere Mannschaft. Hier lebe ich, ich habe einen starken Bezug zu dem Land. Würden wir etwa gegen Portugal verlieren, wäre das viel schlimmer."



Mustafa Yagci (32), Metzger im Istanbul Basar und seit 9 Jahren in Deutschland:

"Ich möchte mir das Spiel bewusst ganz alleine ansehen, weil ich keine große Hoffnung habe, dass die Türkei gewinnt. Es sind immerhin neun Spieler nicht dabei. Sollten wir ausscheiden, bin ich im Finale aber auf jeden Fall für Deutschland. Das sind meine beiden Länder. Ich wollte von Anfang an, dass eines von beiden Europameister wird, umso enttäuschender, dass sie schon im Halbfinale aufeinander treffen. Ansonsten hoffe ich nur, dass es nicht zu Schlägereien kommt – wobei ich aber nicht glaube, dass es in Freiburg große Probleme gibt. Da wird es in anderen deutschen Städten wie Berlin sicher härter zugehen."



Saadet Özcan (37), Inhaberin des Istanbul Basars in der Egonstraße, seit 26 Jahren in Deutschland:

"Ich schaue das Spiel morgen mit meiner Familie, und natürlich sind wir ganz klar für die Türkei. Gegen Deutschland ist es eigentlich ein Spiel wie jedes andere – nur, dass wir uns dann auch mit den Deutschen freuen können, selbst wenn wir verlieren. Wir hoffen wirklich von Herzen, dass die Türkei gewinnt, aber es sind so viele Stammspieler verletzt. Die Chance sehe ich bei fünfzig zu fünfzig. Und wenn wir verlieren, ist das auch nicht das Ende der Welt."