Haben Salafisten oder türkische Nationalisten die Facebook-Seite dieses Islamwissenschaftlers sperren lassen?

Daniel Laufer

Das vermutet der Freiburger Abdel-Hakim Ourghi. Im fudder-Interview berichtet er von anonymen Drohungen, wegen denen er den Staatsschutz eingeschaltet hat - und erzählt, was er von der Internet-Propaganda der Salafisten hält:



Facebook hat neulich Ihre Seite gesperrt. Sie bezeichneten sich als vermeintlichen "Störfaktor". Was war passiert?

Abdel-Hakim Ourghi: Ich glaube, es gibt viele Leute, die mich melden, da ich als Enfant terrible gelte. Ich bin Islamwissenschaftler und gelte als liberaler, moderner Muslim.

Immer wieder kritisiere ich den konservativen Islam, sowohl bei den Dachverbänden als auch bei den Salafisten - teilweise öffentlich, in Zeitungen oder Vorträgen. Damit könnte die Sperre zu tun haben. Das ist aber nur eine Vermutung.

Wofür wurden Sie denn gesperrt?

Ich weiß nicht mehr genau, was ich veröffentlicht habe, was dazu geführt hat. Das war vor ungefähr zehn Tagen.

Ich habe das erst mitbekommen, als mich jemand angerufen und mir gesagt hat, meine Seite sei nicht mehr da. Ich habe dann versucht, sie wiederherzustellen. Nachdem ich Facebook ein paar Fragen beantwortet hatte, war sie wieder da - und ich erleichtert.

Facebook-Screenshot:



In einem Post kündigten Sie an, Salafisten und türkische Nationalisten bei Facebook von nun an konsequent zu blockieren. Welche Probleme hatten Sie mit denen?

Ende Juli habe ich einen Drohbrief erhalten - mit Beleidigungen und Schmähungen. "Wenn wir Sie in der Moschee erwischen, kriegen Sie alle Schuhe auf den Kopf!" Solche Sätze. Ich glaube, dass mich manche Menschen zum Schweigen bringen wollen.

Wie gehen Sie damit um?

Ich habe das dem Staatsschutz gemeldet. Wenn jemand hinter mir läuft, kriege ich allerdings schon einen Schreck. Das ist kein angenehmes Gefühl. Damit muss man leben. Bis jetzt ist Gott sei dank nichts passiert.

Warum kritisieren Sie die Dachverbände?

Es geht um die Vertretung der Muslime. Es gibt mehrere Dachverbände, die im Namen aller Muslime in Deutschland sprechen wollen und versuchen, einen sehr konservativen islamischen Diskurs zu etablieren.

Mit denen reden der Staat und die katholische und evangelische Kirche, nicht aber mit den liberalen Muslimen. Das erachte ich als falsch. Diese Dachverbände vertreten nur 20 Prozent der Muslime!

Für eine aufgeklärte Religion und eine aufgeklärte Gesellschaft ist das ein Risiko. Die Dachverbände vertreten die Interessen ihrer Heimatländer. So finanzieren sie sich auch - aus dem Ausland.

Sie und die Salafisten wollen die Deutungshoheit und keine Konkurrenten, die andere Thesen vertreten. Deshalb versucht man, Leute wie mich zum Schweigen zu bringen.

Welche Erfahrungen haben Sie in diesem Konflikt speziell bei Facebook gemacht?

Ab und zu kriege ich Privatnachrichten. Leute fragen mich, warum ich mache, was ich mache. Es gibt aber auch Verleumdungen. Einige sagen, ich solle zum Beispiel zum Christentum konvertieren.

Sie bezeichnen mich als "ungläubig". Das ist nicht so toll: Wird ein Muslim zu einem Ungläubigen erklärt, was mir bei Facebook schon mal ein paarmal passiert ist, gilt er gemäß der islamischen Rechtslehre als vogelfrei.

Ich hoffe, dass die Menschen voneinander lernen. Es ist nicht meine Aufgabe, sie zu ändern. Ich stelle ein paar Fragen in den Raum und die Menschen sollen sich Gedanken darüber machen, mehr nicht. Ich will niemanden von meinen Ansichten überzeugen, eher indirekt dieses archaische Islamverständnis in Frage stellen.

Überzogene Reaktionen scheinen ja ein generelles Problem der Meinungskultur in den in den sozialen Netzwerken zu sein.

Das passiert alles in der Anonymität. Die Leute, die bei mir kommentieren, kenne ich nicht. Wenn eine Person anonym schreibt, ist sie sehr frei. Sie zeigt nicht ihr Gesicht, aber was sie denkt. Ab und zu wird der Ton dann mal rauer.

Wie effektiv ist Facebook als Werkzeug für Salafisten, die dort ihre Weltsicht verbreiten wollen?

Das machen sie sehr gut, sehr professionell. Man muss sich nur mal ein paar Seiten anschauen - wie die von Pierre Vogel. Die betreiben da Propaganda! Sie versuchen, Nicht-Muslime vom Islam zu überzeugen. Diese Missionierungsarbeit ist, wenn ich mir erlauben darf, das zu sagen, sehr erfolgreich.

Wie wäre das in den Griff zu kriegen?

Facebook und überhaupt das Internet sind nicht zu kontrollieren - egal, wie man das macht. Unter Pseudonymen werden diese Leute wieder neue Seiten ins Leben rufen und einfach weitermachen.

Unsere Sicherheitsbehörden können sie dadurch stärker kontrollieren. Das ist wichtig. Man weiß, wie sie ticken.

Zur Person:

Abdel-Hakim Ourghi ist Islamwissenschaftler. Er leitet den Fachbereich Islamische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Mehr dazu:

[Foto: privat, Screenshot]