Gut Kirschen essen

Lilian Kaliner

Seit drei Wochen arbeiten Lilian und Patrick nun schon auf einer australischen Kirschfarm. Am Anfang waren sie die einzigen. Inzwischen hat sich das Camp zu einem lebhaften Multikultibecken entwickelt. Lilian inspiziert es bei einem Rundgang.

Immer wieder trudeln Arbeitswillige ein und es wird jeden Tag rühriger. Die große Pickerschar aus Asien ist ausgeblieben, daher bekommt unser Farmer seine Leute nun von einer Arbeitsvermittlung, die auch andere deutsche Backpacker schickt.Eines Tages erklärte man uns, es kämen Schweden zu uns ins Camp. Die zwei schwedischen Jungs entpuppten sich als Nicole und Marco aus Deutschland. Nette Überraschung.

Einige Zeit später stand plötzlich ein riesiges Wohnmobil auf dem Platz. Wir hatten drei neue Mitbewohner: Fonso und Christine, zwei australische Frührentner, die mit ihrem erwachsenen, geistig behinderten Sohn David seit zwei Jahren durch ihre Heimat touren. Zwischendurch arbeiten sie als Erntehelfer. Auch David. Das Kirschenpflücken scheint ihm viel Spaß zu machen. Dann kamen Saidu und Alhaji aus Afrika. Ein Vater mit seinem Sohn, Kriegsflüchtlinge. Vor zwei Monaten kamen sie in Australien an, nun sind sie zum Kirschpflücken verdonnert worden. Meistens laufen sie in dicken Jacken rum. „Australien ist unheimlich kalt“, sagen sie. Als wir erzählten, in Deutschland sei es noch viel kälter und im Winter würde es sogar schneien, sahen sie uns mit großen Augen an.Als die Kirschernte richtig losging, kamen noch mehr Leute. Zum Beispiel eine komplette Familie mit drei Kindern. Der Vater ist Australier, die Mutter aus Südamerika. Sie haben zwei kleine Mädchen und einen älteren Sohn, die sie selbst unterrichten. Während die Eltern mit dem Sohn bei der Arbeit sind, beschäftigen sich die beiden Mädchen mit sich selbst.Die Familie lebt wohl schon seit vielen Jahren ein zufriedenes Vagabundenleben. Die Mädchen sind vorbildlich erzogen. Wann immer sie allein sind, singen sie, spielen Flöte oder sitzen über ihren Lernunterlagen.

Inzwischen steht neben uns der Van von zwei sportbegeisterten Tasmaniern. Kathrine arbeitet mit mir an der Kirschpackanlage, wir verstehen uns prächtig. Zwischen all den Deutschen hier kann ich mit ihr wenigstens mein Englisch verbessern. Ansonsten arbeiten hier noch ein paar junge Australier, ein weiteres deutsches Pärchen und seit zwei Tagen noch Antje und Nadja aus Erfurt, die doch tatsächlich behaupten, wir hätten eine komische Aussprache. Diskussion zwecklos. Sie haben uns im tiefsten Ossi-Slang erklärt, wir würden „voll merkwürdig“ reden. Als wir meinten, bei ihnen sei aber auch deutlich zu erkennen, woher sie kämen, meinten sie total entsetzt: „Mir sin dooch nischd auus Läipzisch.“ Wir sind vor Lachen fast vom Stuhl gekippt.Neben all der Arbeit haben wir mit unserer Truppe hier einigen Spaß. Die Tage vergehen wie im Flug. Patrick arbeitet meist von morgens bis abends und gehört jetzt offiziell zum Management. Er darf sich von uns, dem gemeinen Kirschenpickpackvolk, natürlich einige Sprüche anhören („An der Spitze ist es einsam“). Doch ich denke, wir können mit unserem neuen Chef ganz gut leben. Er spielt schon mit dem Gedanken, 2007 noch eine Saison hier mitzuarbeiten, selbst wenn er dafür extra aus Deutschland kommen muss.

Die Arbeit auf der Farm teilt sich in zwei Bereiche auf, Pflücken und Packen.Die Pflücker, hier Picker genannt, fangen morgens um halb sieben an und werden nach gepflückten Kisten bezahlt. Für eine 15 Kilo-Kiste bekommen sie zirka zehn Dollar. Davon geht noch die Steuer ab. Da muss man schon richtig schnell pflücken, um etwas zu verdienen. Wir haben aus Spaß mal mitgepflückt und erkannt, dass wir, wenn wir Picker statt Packer wären, vermutlich verhungern würden. Eine gewisse Begabung ist dabei von Vorteil. Die haben wir eindeutig nicht.Dafür arbeiten wir gern in der Scheune an der großen Packmaschine. Dort kommen die Kirschen zuerst ins Wasserbad, dann landen sie auf einem Fließband, auf dem unsere Hände die schlechten Früchte aussortieren. Anschließend werden die Kirschen von der Maschine nach Größe geordnet und über verschiedene Fließbänder in Fünf- oder Zweikilokisten gepackt. Die werden dann gewogen, gestempelt und im Kühlhaus gelagert. Nachmittags kommt der Truck und bringt alles nach Sydney auf den Großmarkt.Ich habe mir als Arbeit das Abwiegen und Einpacken der Kirschen ausgesucht. Ist zwar stressig, aber man kann sich dabei bewegen, immer hin und her flitzen. Mit meiner tasmanischen Kollegin macht die Arbeit doppelt Laune. Bonus: wir können so viele Kirschen essen, wie wir wollen.