Gunter Gabriel: "Countrymusik ist Männermusik"

Matthias Cromm

Gunter Gabriel ist nicht der nette Herr von nebenan, den jeder mag. Der Musiker ist kantig, nicht immer diplomatisch, und pflegt eine polternde und sehr direkte Ehrlichkeit; er ist zugleich ein intellektueller Proll, ein bescheidenes Großmaul. Am Samstag tritt Gabriel mit seinem Johnny Cash-Musical 'Hello, I'm Johnny Cash' im Konzerthaus auf. fudder-Autor Matze, der Cash verdammt verehrt, hat mit ihm ein Interview geführt. Es war Matzes Allererstes - und es war super. Lest selbst:



Hallo! Du bist Gunter Gabriel. Heißt du eigentlich wirklich so?


Gunter Gabriel:
Ja, doch, eigentlich schon. Klar, in meinem Pass steht was anderes. Ich hatte damals, 1971, eine Freundin, die hieß Gabriele und wir waren auf so einem Sängerwettstreit und der Typ sagt zu mir: 'Mit so einem blöden Namen, wie du den hast, kannst du doch nicht auftreten!' Seitdem heiße ich Gunter Gabriel. Ich hab ja auch immer die Namen von meinen Frauen angenommen, ich hab' also vier, nein fünf, Namen. Aber ich bin Gunter Gabriel.

Ich habe da so eine Single, da singst du unter dem Namen Bobby Ford.

Damals wollte die Plattenfirma, dass ich sowas singe. Ich sagte ''Nee, das kann ich nicht unter meinem Namen machen - viel zu schnulzig!' Dann haben wir das dann unter dem Namen Bobby Ford gemacht.

Bevor du angefangen hast Countrymusik zu machen, hast du ja, ich nenne das jetzt mal „Wegwerfschlager“ für Leute wie Rex Gildo, Roland Kaiser und Manuela geschrieben. Country ist für mich mit einer gewissen Art Ehrlichkeit, Geschichten über das harte Leben, Kummer, Verlust und so verbunden. Wie passt das zum Heile-Welt-Schlager?

Ich war halt angestellt bei meiner Plattenfirma. Für mich war das natürlich eine gute Schule, ich habe mit den ganz Großen wie Frank Farian und Dieter Bohlen gearbeitet. Ich habe viel gelernt, wie man Songs schreibt. Aber da musste man halt auch liefern, was die wollten...

Aber eigentlich bist du doch eher Geschichtenerzähler als Musiker, wenn ich das mal so sagen darf?

Ja, das hast du ganz richtig erkannt. Ich habe das damals von den Amis gelernt, die Art, wie sie Geschichten erzählen. Meine Vorbilder waren Kris Kristofferson, Johnny Cash und so Leute. Ich hab' das ja damals alles gehört. Andere haben auch Geschichten erzählt, aber deren Vorbilder lagen eher im französischen Chanson.

Deine erste Platte war 'Ich werd gesucht in Bremerhaven'. Hat die Dich mit Johnny Cash zusammen gebracht?

Nein, meine erste Platte war 'Freiheit ist ein Abenteuer', eine Kris-Kristofferson-Nummer ,Me And Bobby McGee'. Immerhin ein kleiner Achtungserfolg damals, die zweite Platte war dann gleich ein Hit. Naja, und meine Plattenfirma hatte damals auch ein Büro in Nashville, wo Cash ja gewohnt hat und die Szene dort ist ja recht klein. Er hat dann gehört von dem deutschen Typen, der da seine Songs auf deutsch übersetzt und singt. Ja, und dann hieß es: Wenn der Junge mich mal kennenlernen will...

...große Ehre und großes Glück?

Naja, dann musste halt noch hinfliegen, oder du bleibst auf deinem Arsch Zuhause hocken. 78 bin ich dann rüber.

Wie Johnny Cash warst du ganz oben und ganz unten. Mega-Erfolg, Alkohol, Frauen, Koks, Immobilienpleite und Schuldenberg. Wo ist es am besten, spannesten, wichtigsten?

Im Nachhinein muss ich sagen, die schönste und wichtigste für mich war meine Zeit auf der Straße. Ich war pleite, und habe mit meinem Wohntruck auf den Autobahnraststätten und in alten Werkstätten gepennt. Das war eine harte Zeit, ich habe richtig aufs Maul bekommen aber im Nachhinein hat mir das viel gebracht. Ich bin angstfrei, mir ist alles passiert, was einem passieren kann. Klar ist mein Leben jezt auch schön, jetzt wirst du halt wieder hofiert. Aber ich hab' auch Verantwortung, ich muss das jetzt machen, das Musical läuft super.

Trotzdem halten dich doch viele Leute für den Pleite gegangenen Schlageralkoholiker auf seinem Hausboot, den armen Irren, der für 1000 Mark in Wohnzimmern spielt. Wirst du häufig belächelt?

Weißt du, ich bin 70 Jahre alt und ich hab alles gemacht. Ich bin ja auch oft so, ich krieg' ne Information und mache mir ein Urteil. Wer mich jetzt noch für einen Alkoholiker, hält kann mich mal am Arsch lecken.

Ich hab' meine Kohle ja auch nicht verprasst. Ich war jung, und ich wusste ja gar nicht mehr wohin mit meinem Geld. Ich bin ganz übel beschissen worden mit diesem Immobilenkram. Das ist bitter, und da war es natürlich einfach, zur Flasche zu greifen, ganz wunderbar, fühlt sich alles besser an. Ich war fertig damals.

Seitdem kann ich Leute verstehen die unter Brücken wohnen. Ich kann auch verstehen, wenn die da nicht mehr weg wollen. Klar hab ich dafür auch Mitleid, aber ich kann das auch verstehen, wie das ist, wenn sich niemand für dich interessiert.



Für dich haben sich, wie auch für Johnny Cash, lange nur Wenige interessiert. Platten sind gefloppt und ihr wart zu betrunken, um auf die Bühne zu gehen...

Gut, Johnny Cash war ja weltweit uterwegs und ich nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aber das ist ein hartes Gefühl. Ich kann verstehen, was er da durchgemacht haben muss, denn mir ist es ähnlich ergangen. Viele Sätze, die ich im Musical als Johnny Cash sage, könnten so auch von mir sein.

Johnny Cash wurde duch die große Liebe gerettet. Bist du gerettet, geläutert worden?

Gerettet und geläutert, das sind blöde Wörter. Letztendlich habe ich gemerkt, ich gehe vor die Hunde, wenn ich nichts unternehme. Ich hätte mir die Kugel geben müssen. Ob Johnny Cash von der großen Liebe gerettet wurde? Ich weiß nicht, das muss man auch selber machen und wollen. Und was heißt da geläutert und gerettet? Das System, in dem wir Leben, ist doch auch nicht gerade das Gelbe vom Ei.

Und jetzt das Musical, der unbeugsame Gunter Gabriel, in ein Drehbuch gequetscht, Texte spechen, die jemand anderes geschrieben hat, eine Rolle spielen. Passt das zu dir?

Eigentlich wollte ich die Rolle ja gar nicht. Ich hab' mir das nicht zugetraut. Aber ich hab' da auch viel gelernt. Da kann man halt nicht sagen: 'Nee, ich bin gestern den ganzen Tag auf der Autobahn von Hamburg nach Freiburg gewesen - darum kann ich heute meinen Text nicht.' Eigentlich war das Ganze ja auch nur für vier Wochen geplant. Die hatten Sommerpause am Theater, und suchten einen Lückenfüller. Jetzt läuft das schon so lange und auch quer durchs Land. Aber natürlich stehe ich lieber mit Band auf der Bühne und gebe ein Konzert.

Abgesehen vom Musical, wie stellt du dir deine musikalische Hinterlassenschaft vor? Johnny Cash kam mit Rick Rubin zurück. Du bist nicht Johnny Cash, hier gibt es keinen Rick Rubin - wie stellst du dir das für dich vor, du hast ja schon Ideal und Peter Fox gecovert...

Ideal und Peter Fox, das hab ich mal probiert als Übung. Ich bin alter Rock'n'Roller, ich kann das. David Bowie hab ich auch gecovert, aber im Moment arbeite ich gerade an meinem neuen Album, das kommt im Frühjahr. Das wird eine Abrechnung.

Außerdem hätte Rick Rubin ja nichts mit Johnny Cash gemacht, wenn da nicht dieses großartige  musikalische Fundament von Cash gewesen wäre. Countrymusik ist aber viel mehr als Johnny Cash mit Rick Rubin. Das wisst ihr jungen Leute gar nicht, da gibt es so großartige Songs! Hank Williams, Merle Travis, Kris Kristofferson und die ganzen Leute, das ist Männermusik, das ist kein Dancefloorkram nur um den Mädels an die T****n zu fassen. Das ist ehrliche Musik, Musik die das Leben schreibt!



Wo wir gerade bei so schönen Schlagwörtern sind, ich habe da ein paar Wortpaare vorbereitet und du entscheidest dich für ein Stichwort. Wenn das blöd wird, dann lassen wir es weg, ok?

Gut!

Hank Williams oder Johnny Cash?

Beide! Nee, warte mal. Einen Johnny Cash hätte es ohne Hank Williams nie gegeben. Also ich sag' Hank Williams

So hab ich mir das vorgestellt, also Truck Stop oder BossHoss?

Boss Hoss.

Feinripp oder Westernhemd?

Feinripp.

Schlager oder Punk?

Punk.

Kühler Norden oder Wilder Westen?

Wilder Westen.

Udo Jürgens oder Dieter Bohlen?

Udo Jürgens.

Ahoi oder Howdy?

Auf jeden Fall beides!

Letzte Frage: Du warst überall unterwegs. Es kann also kaum einen Ort geben, der keine Gunter Gabriel-Geschichte hat. Wie ist die für Freiburg?

Ich habe in Freiburg bei einem Wohnwagenhändler im Industriegebiet seinerzeit meinen alten Pickup in Zahlung gegeben und einen Wohntruck gekauft. Außerdem habe ich noch einen Wohnmobilhändler in St. Georgen, dort ist auch das Hotel in dem ich auch immer übernachte, wenn ich in Freiburg bin. Ich habe dort ein paar Freunde, ich mag das mit den kleinen Bächen in der Stadt, ich freu mich schon...

Ich mich auch! Bekomme ich dann ein Autogramm?

Klar, auch auf deine T****n wenn du willst. Melde dich wenn du da bist.

Prima, wird gemacht! Bis dann und gute Reise!


Gunther Gabriel - Ich werd gesucht in Bremerhaven - Wanted Man - Johnny Cash - Bob Dylan

Quelle: YouTube


Gunter Gabriel: Meine Freundschaft zu Johnny Cash

Quelle: YouTube


Gunter Gabriel & John Carter Cash



Quelle: YouTube


Mehr dazu:


Was:
Hello, I'm Johnny Cash
Wann: Samstag, 20. Oktober 2012, 20 Uhr
Wo: Konzerthaus Freiburg
Eintritt: ab 34,50 Euro [Bilder: Promo]