Grünen-Chefin Claudia Roth über Musik: "Nach den Scherben geht gar nichts mehr"

Bernhard Amelung

Zwischen Wahlkampf und Bundestagsdebatten steht Claudia Roth, die Bundesvorsitzende der Grünen, immer wieder mal an den Plattentellern. Am Donnerstag legt sie bei der "Grüne Jugend"-Party in der Jackson Pollock Bar auf. fudder-Autor Bernhard Amelung hat mit ihr über Musik geredet: Robbie Williams, die Texte von Ton Steine Scherben und Konzertbesuche.



Frau Roth, Sie befinden sich im Endspurt zur Bundestagswahl 2013. Mit welchem Song unterlegen Sie die kommenden drei Wochen?

Claudia Roth: Zum einen mit 'Candy' von Robbie Williams. Der Song ist catchy, poppig, überhaupt nicht désolé. Er passt deshalb gut zu der positiven Resonanz, die ich im Wahlkampf erfahre. Zum anderen würde ich Gloria Gaynors 'I Am What I Am' auswählen. Die Verse "I am what I am, I am my own special creation", und so weiter und so fort, bestätigen mich immer wieder, mich nicht zu verbiegen, mich nicht zu verstellen. Ich bin, was ich bin, ich bin wer ich bin.

Welches Musikalbum haben Sie sich zuletzt gekauft?

 
Zuletzt gekauft habe ich mir 'Der König tanzt', das Album des gleichnamigen Projekts von Boris Lauterbach, der auch Mitglied der Band Fettes Brot ist. Da sind ganz tolle Stücke drauf. Geschenkt bekommen habe ich 'Europa', das neue Album von LaBrassBanda, einer unglaublich guten Band, die wunderschön mitreißende, tanzbare Musik spielt. Dass LaBrassBanda nicht für den Eurovision Song Contest nominiert wurden, halte ich für den größten Betrug überhaupt.

Das sind deutliche Worte. Deutliche Worte wählten auch Ton Steine Scherben - die Band, die Sie von 1982 bis 1985 gemanagt haben. Welche Band würden Sie heute gerne betreuen?

Nach den Scherben geht gar nichts mehr. Diese Zeit war so intensiv und diese Arbeit hat mich so sehr vereinnahmt, dass ich mir nicht vorstellen konnte und es auch heute nicht kann, eine andere Band zu managen. Nachdem sich die Scherben im Jahr 1985 einvernehmlich aufgelöst hatten, habe ich mich bewusst für die Politik entschieden und bin auch nicht wieder ans Theater zurück gekehrt.

In einem Lied der Scherben heißt es: "Keiner hat das Recht, Menschen zu regieren. Keine Macht für Niemand" ...

... der Song 'Keine Macht für Niemand' ist in den politisch bewegten Zeiten nach 1968 entstanden. Es war die Zeit vieler Protestbewegungen, Hausbesetzungen und so weiter. Doch die Scherben sind nicht auf diesem einen Anarchie-Gedanken hängen geblieben. Das zeigt sich zum Beispiel in dem Lied 'Der Traum ist aus'. Da singen sie: "Aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird." Auch heute sollten wir aufstehen und uns für unsere Ideale einsetzen.

In welchen Situationen denken Sie an diese Texte?

 
Gestern fand im Bundestag die Debatte zum Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses statt. Da habe ich mich gefragt, in was für einem Land wir leben. Ich habe mich gefragt, ob es ein Land ist, in dem sich Minderheiten sicher fühlen können? Unser aller Ziel sollte es sein, alle Minderheiten gegen Diskriminierungen jeglicher Art zu schützen. Songzeilen wie "Und doch fragt mich jeder neue Tag auf welcher Seite ich steh'", wie sie Rio Reiser in dem Lied 'Wann' singt, können einen täglich dazu ermahnen.

Andererseits hat sich in den vergangenen 30 Jahren sehr viel verändert. Als ich in die Politik gegangen bin, war es beispielsweise nicht selbstverständlich, 'proud to be out' zu sein.    

Berlin ist ja eine Stadt mit einer reichen Subkultur. Wie nahe sind Sie noch dran am pulsierenden Leben?

 
Leider bekomme ich nicht mehr allzu viel mit. Zum Glück arbeite ich mit vielen Menschen zusammen, die noch etwas näher am städtischen Leben dran sind. Einer meiner Mitarbeiter ist ein großer Techno-Liebhaber. Mit ihm trage ich kleinere Streitereien aus, wenn es ums Auflegen geht und um die Frage, ob Musik von Peter Fox und Seeed in die Playlist darf oder nicht. Außerdem bekomme ich über den befreundeten Musiker Rainer von Vielen oder Tim Renner weitere Impulse.

Wie viel Zeit bleibt Ihnen, um auf Konzerte zu gehen?

 
Leider habe ich dazu auch nicht viel Zeit. Allerdings habe ich vergangene Woche Massive Attack im Rahmen der Ruhrtriennale in Duisburg erlebt. Das Konzert der Triphop-Band fand im Landschaftspark Nord statt, einem stillgelegten Stahlwerk. Die Kulisse war gigantisch, der Sound von Massive Attack war es auch, ebenso die Videoclips, die auf große Leinwände projiziert wurden. Das war der absolute Wahnsinn. Danach war mein Akku wieder voll.

Und wie viel Zeit bleibt Ihnen, um sich auf Ihre DJ-Sets vorzubereiten?

 
Ich bin oft tausende Kilometer unterwegs. In unserem Bus haben wir eine ziemlich gute Soundanlage. Da höre ich viel Musik und wähle die Stücke aus, die ich bei meinen Auftritten spielen möchte. Alles, was ich spiele, muss mir gefallen und muss mit mir und dem konkreten Anlass zu tun haben.

Wie sieht dann Ihre Playlist für Donnerstag aus?

 
Das weiß ich noch nicht. Ich lasse mich stets auf den jeweiligen Abend ein. Zu meinen derzeitigen Favoriten gehören allerdings "Get Lucky" von Daft Punk, Songs von Robyn und Shantels "Disko Partizani", auch wenn dieses Stück schon etwas älter ist. Ein Lied von Marianne Rosenberg könnte ich auch spielen und zum Schluss vielleicht Rio Reisers "Junimond".

Mehr dazu:

Was: Grüne Jugend Party w/ Claudia Roth, Michael Ellis
Wann: Donnerstag, 5. September 2013, 21:30 Uhr
Wo: Jackson Pollock Bar