Gregor Samsa: Nicht verwandelt

Alexander Ochs

Wie man ein ausverkauftes Haus halb leer spielt, haben die Postrocker Gregor Samsa aus den USA am Sonntagabend im White Rabbit eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Alex ist für fudder wachgeblieben.



Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.

Es klang alles so gut im Vorhinein: die Ankündigung der Veranstalters, die vorab gehörten Songs, der musikalische Anspruch, mal wieder ein Konzert im Weißen Hasen... Allein der Bandname Gregor Samsa ist schon verführerisch. Kurzum – Post-it auf die Stirn: "18.01. Postrock mit Gregor Samsa". Um es vorwegzunehmen: das „Post“ überwog, von Rock oder Post abgehen keine Spur. Missing in Action.


Rockkonzert verzweifelt gesucht.



Als die ersten Hochrechnungen zufolge siebenköpfige Band (laut Bandwebsite sind es 25 Bandmitglieder) vors Publikum tritt, ist das White Rabbit gestopft voll. Zwischenzeitlich müssen Leute an der Tür abgewiesen bzw. auf später vertröstet werden. Aufnahmestopp und Ausnahmezustand zugleich: Mit Rücksicht auf die Musiker dürfen an diesem Abend keine Rauchwaren im Hasenstall konsumiert werden, und der manchmal (ver)störend laute, laue Händetrockner darf heute auch nicht röcheln. Wer zur Toilette muss, geht praktisch über die (nicht vorhandene) Bühne zwischen den Musikern hindurch. Ein schmaler Grat.

Und stockdunkel ist es! Es gibt ja immer wieder Locations, die mit Licht dermaßen geizen, dass man seinen Augen nicht traut (in jeder Hinsicht), doch wie spärlich hier das meist pinkfarbene Licht in die innerstädtische Katakombe sickert, macht klar: Leute, es gibt heute nix zu sehen, bitte konzentriert euch auf die Musik. Okay. Man hört nur – und schweigt tunlichst.

Gitarre, Bass, Schlagzeug sowie Violine und gleich dreifach Keyboards zeichnen hauptsächlich für den Sound verantwortlich, der passend zur Beleuchtung ausfällt: düster, dämmrig. Elegisch-melancholisch beginnt das Konzert mit sanften Pianoklängen, behutsamer Violine und zart gestreichelter Gitarre. Sachte tupft der Drummer mit dem Besen oder mit dem Schlegel hier und da ein paar Schläge. Verträumt startet die Klangwolke zum Mitschweben, begleitet von ätherischem Frauengesang (tolle Stimme!). Typisch für Gregor Samsa sind eben die ruhigen, bisweilen episch langen Nummern mit teilweise entrückenden Momenten.



Sphärisches Wummern ertönt, sehr konzentriert, und zwar so monoton, dass es fast schon konsterniert. Phasenweise leben die Songs von minimalen Variationen, bis es den ein oder anderen einlullt, die Aufmerksamkeit schwindet – oder derjenige gleich selbst. Doch ein paar gewaltige Beckenschläge steigern das Ganze schlagartig und wenden es ins Hymnische, Dramatische; für 20, 30 Sekunden bricht der Rock gewitterartig über den Hasen herein, abgrundtiefes Dröhnen, Klanggewitter im Auge des Hurrikans. Das versiegt so schnell, wie es urplötzlich aufgezogen ist. Kurzzeitig hege ich die Hoffnung, dass die musizierenden Kafka-Fans den Laden in Schutt und Asche legen werden, und zwar in aller Ernsthaftigkeit und Seelenruhe.

Doch weit gefehlt. Ein, zwei Schlaglichter, in denen der Rock wie ein im Moment der Entdeckung schon ersterbendes Glühwürmchen aufflackert, vergeigt die Band leicht. Das alles klingt auf ihrer MySpace-Seite ausgefeilter, ausgereifter. Eine knappe Stunde später hat sich die Kunst der angezogenen Handbremse selbst ausgebremst und das Publikum halbiert. Zu selten blitzt der Furor des Rock auf, von dem sich die ellenlangen ruhigen Passagen ja erst so richtig abheben können. Da wurde nur am Saum gekratzt.



Franz Kafkas Anfangssatz aus "Die Verwandlung" lautet: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“. Erstaunlich, dass der Namenspatron der Band überhaupt erwacht – ist ihre Musik an diesem Abend phasenweise doch eher zum Einschlafen.

Mehr dazu:

Gregor Samsa: Website& MySpace