Grammatikfehler in deutschen Popsongs

Eva Hartmann

Deutschsprachigen Bands und ihren Liedern wird seit längerer Zeit wieder ziemlich viel Aufmerksamkeit geschenkt: Sie räumen einen Preis nach dem anderen ab, sorgen für Diskussionen über eine "Zweite neue deutsche Welle" - und mancher ihrer Texte wird sogar in der ein oder anderen Deutschstunde besprochen. Angesichts der mitunter oft katastrophalen Grammatik, derer ihre Verfasser sich bedienen, bleibt nur zu hoffen, dass sie wenigstens dort anständig verrissen werden. fudder-Autorin Eva hat eine hübsche Sammlung der fiesesten Patzer in deutschsprachigen Popsongs zusammengestellt.


Seit ich meinen Fernseher abgeschafft habe, höre ich verstärkt Radio. Abends meistens Radio Dreyeckland; Morgens und nachmittags dann eher SWR3. Letzterer Sender spielt ja doch eher so diesen typischen Mainstreampop - nicht mein Geschmack, aber es macht mir in den meisten Fällen auch nicht besonders viel aus.


Wie gesagt, in den meisten Fällen. Wenn aber mal wieder das Liedgut einer der mittlerweile vielen so hochgelobten deutschsprachigen Bands gespielt wird, werde ich mitunter zum HB-Männchen. Der Grund: Die meisten dieser Bands können kein Deutsch. Diese Tatsache ist jedoch genauso wenig neu, wie der Umstand, dass selbsternannte Sprachfetischistinnen, wie ich eine bin, sich darüber aufregen.

Als beispielsweise im Jahre 1965 ein gewisser Drafi Deutscher 21 Wochen lang mit „Marmor, Stein und Eisen bricht“ Platz 1 der deutschen Hitparade belegte, wurde dieses Lied auf fast allen Radiostationen 'rauf und 'runter gespielt.

Einzig der Bayerische Rundfunk boykottierte den Hit mit der Begründung, er bediene sich einer vollkommen falschen Grammatik - eigentlich müsste der Titel des Liedes nämlich „Marmor, Stein und Eisen brechen“ heißen. Das ist zwar richtig, klingt aber doof und außerdem lässt es sich darauf nicht gar so gut reimen.

Ähnlich sehen das wohl auch viele unserer heutigen nationalen Popsternchen – „reim dich, oder ich fress’ dich“, beziehungsweise „pass’ in den Takt, oder ich fress’ dich“ scheinen beliebte Konzepte bei der Erdichtung neuer Liedertexte zu sein. So singen beispielsweise Silbermond in ihrer aktuellen Ballade  "Das Beste": Dein Verlassen würde Welten zerstören.



Das ist ob des Fehlens wahlweise eines Akkusativ- oder eines Genitivobjektes schlichtweg unvollständig, und damit falsch. Richtig müsste es heißen: „Dein mich Verlassen“ oder „dein Verlassen meiner“.

Auch Juli scheinen entweder einen nur mittelmäßig befähigten Grammatikberater im Team, oder ein etwas ambivalentes Verhältnis zur deutschen Sprache zu haben. Wie sonst ließe sich erklären, weshalb ihre aktuelle Singleauskopplung zwar ganz richtig „Wir beide“ heißt; die Sängerin im Refrain aber aus voller Brust, „wir beiden (stehen auf der guten Seite)“ trällert?

Während ich in der Oberstufe eine Deutschlehrerin hatte, die ihren Schülerinnen schlechten Stil stets mit einem passenden Machtwort eines renommierten Dichters austrieb, ist Xavier Naidoo, der unangefochtene Meister der lyrischen Sprachvergewaltigung vermutlich sein ganzes Leben lang ohne eine einzige Deutschlehrerin ausgekommen. Zumindest wurde er ganz sicher niemals von meiner unterrichtet; andernfalls wüsste er nämlich, dass es einem ziemlich schlechten Stil entspricht, Sätze mit „und“ zu beginnen. Bereits Goethe hat sich darüber mokiert: 1765 schrieb er in einem Brief, man solle doch besser „man gibt sich Mühe“, anstatt „und man gibt sich Mühe" schreiben. 

Seine Begründung: letztere sei eine Ausdrucksweise des gemeinen Volkes, welche sich für die feine Gesellschaft nicht gezieme. Nun gut, zu Gunsten Naidoos, der sich ja selbst gerne als Emporkömmling des Mannheimer Untergrundes sieht, könnte man noch mutmaßen, dass er gerade mittels solcher Satzanfänge demonstrieren wolle, wie sehr er doch „down“ sei mit dem gemeinen Volk. Als einer, der nicht vergessen hat, wo er herkommt, yo. 

Man könnte ebenso argumentieren, dass, hätte Goethe Recht, ja auch Teile der Bibel stilistische Blindgänger seien. Genesis 1 strotzt nur so von Satzanfängen mit „und“ – vielleicht hat sich der fromme Xavier ja daran ein Beispiel genommen.  Wie auch immer: Es nervt einfach trotzdem, wenn, grob geschätzt, jede dritte Textzeile mit einer unter- oder nebengeordneten Konjunktion beginnt – ganz egal, ob es dabei um Gott oder um Xavier Naidoo geht.

Das ist aber noch nicht alles: Herr Naidoo hat auch unabhängig von Konjunktionen ein äußerst miserables Sprachgefühl - wie er in "Was wir alleine nicht schaffen" auf das Vortrefflichste beweist, scheint er jedenfalls nicht zu wissen, dass das Wort "Vorhut" den Genitiv regiert.  Die Textzeile "Spürst du die Vorhut auf kommenden Frohmut" ist daher ein weiteres hübsches Beispiel für dem Genitiv seinem Tod. Richtig hieße das: "Spürst du die Vorhut kommenden Frohmuts".

Naidoos neuestes Verbrechen heißt ausgerechnet "Zeilen aus Gold" und in dessen Refrain heißt es: "Ich schreib dir Zeilen aus Gold Schreib aus meiner Seele/  Ich hab nur zeigen gewollt, was hier passiert."
Wo ich das gehört haben hatte, hätte ich ja am liebsten kotzen gewollen tutet. Schön und gut: Musik ist Geschmackssache. Ich möchte jedoch nicht recht glauben, dass es keinen einzigen Naidoo-Fan gibt, der beim Mitgrölen solcher Gassenhauer nicht wenigstens ein Mal über derartige semantische Tretminen stolpert.

Irgendwie kein Wunder, dass deutsche Schüler kaum noch einen vernünftigen Satz zu Papier bringen, wenn ihre sogenannten Vorbilder schon so eine Grütze produzieren. Mittlerweile hat der Bayerische Rundfunk den Boykott von "Marmor, Stein und Eisen bricht" übrigens wieder aufgehoben. Ein humorvoller Journalist wies den Interpreten anschließend darauf hin, dass der BR "nun endlich deutscher gelernt" habe. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, dürften Germanistikstudenten des Jahres, sagen wir mal, 2240 große Freude bei der Lektüre ihrer Fachbücher zum Entwickelntun von deutschem Sprachen haben.