Google-News-Archiv: Das größte Zeitungsarchiv der Welt

Christoph Müller-Stoffels

Die Googlelisierung der Welt schreitet voran: Nachdem sich Street View anschickt, jeden Zentimeter unseres Planeten zu fotografieren, will Google in einem neuen Service alle Zeitungsarchive der Welt virtuell bereitstellen. Den Anfang machen jetzt Zeitungen aus den USA und Kanada. Christoph hat einen Blick auf den gestern gestarteten Service geworfen.



Google News Archive Search heißt das neue Produkt des Internet-Giganten und ist bereits jetzt beeindruckend. Per Schlagwortsuche kann man damit die Archive vieler großer und kleiner US-amerikanischer und kanadischer Zeitungen durchforsten, ohne extra auf die Homepage der jeweiligen Zeitung zu gehen.


Begonnen wurde mit dem Projekt bereits 2006, als Google zusammen mit der New York Times und der Washington Post anfing, schon bestehende digitale Archive zu indizieren; nun wandte man sich auch den analogen Beständen zu. Zur Archivierung ließ das Unternehmen in Zusammenarbeit mit ProQuest, Heritage und Quebec Chronicle-Telegraph tausende Mikrofilme alter Zeitungen scannen. Das letztgenannte Blatt bot dabei selbst ein umfangreiches Archiv, denn beim Quebec Chronicle-Telegraph handelt es sich um die älteste Zeitung Nordamerikas, die seit über 244 Jahren ununterbrochen veröffentlicht.



Mittelfristig sollen die Ergebnisse in die normale Google-Suche einfließen, so dass man etwa bei der Suche nach "Freiburg" auch Artikel wie diesen aus der New York Times erhält: CATHOLIC PRIESTS SILENT ON NAZI-CHURCH DISPUTE, EXCEPT IN SOUTH GERMANY; CRITICISM READ IN BADEN. Leider ist dieser Artikel vom 22. Juli 1935 nur kostenpflichtig einzusehen, und er teilt damit das Schicksal vieler Artikel größerer und großer Zeitungen. Hier zeigt sich, dass viele Printmedien noch immer Schwierigkeiten mit dem Medium Internet haben.

Dabei finanziert Google den Service durch Werbung und lässt die Zeitungen sogar an den Erlösen teilhaben. Ob auch deutsche Verleger bald ihren Kassenstand aufbessern können, ist noch unklar. Zwar plant Google die Ausweitung auf andere Länder, Gespräche mit hiesigen Unternehmen seien aber noch nicht geführt worden.

Während sich manche beglückt die Hände reiben ob des neuen Services, heben andere bereits wieder warnend den Zeigefinger und verweisen auf die sich anbahnenden Probleme. Denn so schön es auch sein mag, jede Zeitungsnotiz auf der Welt archiviert zu haben, so unangenehm kann auch das Ende sein.



So stellt Ole Reißmann bei medienlese.com die Schattenseite dar: das Nichtvergessen. "Die 20-jährge Eve hat einen Schaukelstuhl mitgehen lassen – und wurde dafür zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Nach drei Monaten kommt sie frei, ein Foto zeigt sie bei ihrer Entlassung. Schluchzend, die Hand vor dem Mund. Das war im April 1974, die St. Petersburg Times berichtete. Mit Angabe des vollen Namens."

Bisher war diese Meldung Teil eines Archivs, zu dem fast nie jemand vorgedrungen ist. Nun kann jeder, sei es ein potenzieller Arbeitgeber, sei es der neue Bekanntenkreis, schauen, ob und wenn ja welche Jugendsünden verzeichnet sind. Diebstähle, wie oben dargestellt, oder doch nur der undankbare vierte Platz beim Tischtennisturnier.

Dass der Service aber jenseits aller Bedenken auch sehr viel Spaß machen kann, soll nicht verschwiegen werden. Und dass in den vergangenen 100 bis 200 Jahren auch in den USA über Freiburg und Umgebung berichtet wurde zeigen unsere Top-Ten der Meldungen:

Platz 10: Mothers discuss "Twilight Sleep"
Auf Platz zehn landet dieser Artikel aus der New Yourk Times vom 18. November 1914. Diskutiert wird eine Methode der sanften Geburt im Dämmerschlaf, die in Freiburg entwickelt wurde. Den Frauen wird Scopolamin gegeben, wodurch die Geburt absolut schmerzfrei verlaufen soll.

Platz 9: Savings Bank Deficit in Offenburg
Mit großem Erstaunen wird am 3. Januar 1896 festgestellt, dass die „Civic Savings Bank“ in Offenburg ein Defizit von 370.000 Mark aufweist. Finanzdirektor Franz Bauer will es nicht gewesen sein, wird aber trotzdem verhaftet.

Platz 8: Billy and Hans: A True Story
Eine herzzerreißende Geschichte von seiner Liebe zu den Eichhörnchen Billy und Hans bringt der Autor W. J. Stillman am 1. Februar 1897 aus Laufenburg mit, "my favorite summer resort at the lower edge of the Black Forest."

Platz 7: In the wild Raven's Glen

Ein recht dramatisches Stück brachte dieser Autor am 23. August 1884 aus der Rabenschlucht mit. "Über mir kreist ein Rabe, der schon darüber nachdenkt, welchen Teil von mir er als erstes anpickt, wenn ich hier in die Tiefe stürze."



Platz 6: Prince Chun at Basel

Es ist nicht der Kaiser von China, der am 26. August 1901 Basel besucht, sondern nur sein Bruder, Prinz Chun. Er ist auf dem Weg nach Berlin, wo er sich für die Ermordung Baron von Kettelers in Peking entschuldigen möchte.

Platz 5: The Drake of Freiburg

Die Enthüllung der Statue eines Enterichs in Freiburg war dem Time Magacine am 7. Dezember 1953 eine Meldung wert. Der Enterich hatte am die Stadtbewohner am 27. November 1944 als einziger vor einem Fliegerangriff der Alliierten gewarnt. Er selbst überlebte nicht.

Platz 4: Work by Dürer found in Offenburg

Der 17. Mai 1905 bringt die Kunstwelt in Aufruhr. Im Hause eines "obscure resident" in Offenburg wird ein Bild Albrecht Dürers gefunden. Prof. Hans Thoma, Direktor der Karlsruher Kunsthalle, ist von der Echtheit überzeugt, auch Kaiser Wilhelm nimmt das Werk in Augenschein.

Platz 3: Women help rule German town

Am 7. Juni 1903 erreichte die NYTimes die bahnbrechende Meldung, dass Offenburg die erste deutsche Stadt ist, in der Frauen mit für die Regierungsgeschäfte verantwortlich sind.

Platz 2: Chicago Tourists escape German mob

C. Willey aus Chicago hat Glück. Am 23. August 1914, kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs, fährt er mit dem Auto nach Offenburg und wird von einem aufgebrachten Mob angegriffen. Die Badener hatten ihn für einen Russen gehalten. Willey kann entkommen.

Platz 1: Life in the Black Forest

Die Nummer eins! "What a magic sound that name had in our schoolboy days," schwärmt der Autor am 10. August 1884 über seinen Besuch im Schwarzwald. Der Artikel ist eine einzige Liebeserklärung an die Region.

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