Glotter Groove

David Weigend

Fasnetsfriddig im Glottertal: Fackelumzug, Triiblitumult, Klöpferletrinken und Wolfgang Petry. Eine Reportage vom Land in neun Fragmenten.



Fragment 1

Eugen Jehle, der Bürgermeister der Gemeinde Glottertal, steht um 19.15 Uhr auf der Höhe des Rathauses, nachdem er daheim zur Stärkung zwei Weißwürste und eine Brezel gevespert hat. Ohne Verkleidung erwartet er mit einigen Familienmitgliedern den Fackelumzug.

Die Schlüsselübergabe am schmutzigen Dunnschdig hat Jehle gut überstanden. Allein Getränke, die ihm von Maskierten angeboten wurden, hat er nicht angenommen. "Vor ein paar Jahren habe ich von der Flasche getrunken, die mir eine Hexe gereicht hat. Es war Knoblauchschnaps. Der hat mir komplett die Kehle zugeschnürt. Den Knoblauchgeruch wird man dann tagelang nicht los."



Fragment 2

Der Zug passiert das Rathaus. Er besteht aus Denzlinger Eisbären, Teufeln aus dem Höllental und vielen anderen Larven. Die stärkste Gruppe bilden die Glottertäler Triibli. Ihre Masken zeigen ein weinseliges Schelmengesicht, das Häs ist farblich dem Herbstlaub der Reben angepasst. Die Fleckle gleichen Rebenblättern. Als Lärminstrument tragen die Zunftmitglieder ein Glockentriibl in der Hand, eine Art Weintraube aus hell klingenden Schellen.



Fragment 3

Viola (12, Berufswunsch: Pathologin) empfindet beim Anblick der vorbeilaufenden orkartigen Monster, die seit den Tolkienverfilmungen in Mode gekommen sind, eine Mischung aus Schrecken und Anziehung. Plötzlich löst sich eine grün-gelbe Hexe aus dem Zug, reißt Viola ein Haargummi aus dem Zopf und ruft: "Das wird an Aschermittwoch verbrannt!" Viola kreischt. Andere Mädchen werden von den Hexen huckepack genommen und einige Meter mitgeschleppt.



Fragment 4

Das Lieblingsthema der Faschingswagen, hier wie drüben am Kaiserstuhl, ist heuer eindeutig die Fußball-WM 2006. Für einige Schmunzler in den Gesichtern der Zuschauer sorgt ein motorisierter Kinderwagen mit der Aufschrift " ,Deutschland, ein Sommermärchen, neun Monate später: Poldi, Schweini, Klose Junior'". Zugteilnehmer und Zugbetrachter (er)kennen sich, die Frau Sowieso hat sich extra für die Fasnet ein Goldinlay machen lassen, solche Informationen gehören zum gepflegten Triibliklatsch. Der Höhepunkt: Das imposante Riesenschiff der Glotterpiraten.



Fragment 5

In der Eichberghalle (Fassungsvermögen geschätzt: 600 bis 800 Menschen) geht es ungefähr so zu wie im Studio 54, als man dort noch keinen Ärger mit der Steuerfahndung hatte. Nun ja, vielleicht nicht ganz so glamorös. Aber der Reinkomm-Druck ist vergleichbar. "Hänner Bändli?", diese Frage hört man oft, und wer ein Eintrittsband ergattert hat, feiert dies ausführlich mit Vodka Bull, Limonadenbier oder, wenn man als Gärtnerin verkleidet ist, mit in einer Gießkanne transportierten Klöpferle (Schnaps). Ausgewiesene Spaßvögel geben ihre Bestellungen per Megafon durch. Die Bardamen nehmen es mit Humor.



Fragment 6

Der Discjockey setzt auf bewährte Kracher. "Weiß der Geier oder weiß er nich?", eine Frage, die Wolle Petry öfters stellt an diesem Abend. Großer Beliebtheit erfreut sich auch Andrea Bergs "Du hast mich tausendmal belogen", bereits 2006 ein Ankommer. Um 22.10 Uhr ist das Gedränge an den Toiletten so groß, dass die Mädchen kichernd ins Herren-WC gehen. Gesprächsfetzen aus der Kabine: "Hasch net en Freund?" "Des isch e Grund, aber kei Hindernis!"



Fragment 7

Die "Ohrenquäler Ringsheim" betreten gegen 23.30 Uhr mit Guggemusik die Eichberghalle. Alles von Robbie Williams bis zu Pink Floyd wird verguggegroovt. So macht Winteraustreibung Laune.

Fragment 8

Den Hallenboden überdeckt ein klebriger Teppich aus Colabier, Dreck, Papierschnipsel, teilweise auch Erbrochenem. Wer hier morgen sauber machen muss, leistet Schwerstarbeit. Es wird dennoch allerorten herumgeknutscht, auch am Boden. Die Knutschorgien werden höchstens von Besoffenen unterbrochen, die den Küssenden ins Ohr raunen: "Huhu! Bitte kein öffentliches Ärgernis!"



Fragment 9

Halb eins. Die Untersechzehnjährigen trollen sich langsam oder werden abgeholt. Draußen erlösend frische Luft. Die Glotter sprudelt hell und klar. Würde jetzt ein Heimatredakteur von S4 Baden-Württemberg vorbeikommen, würde der sagen: "Ja, das ist gut. Genau so muss das sprudeln." Hinter dem Clubheim der SV Rot-Weiss, wo die Nacht durchgefeiert wird, stehen noch zwei Busse. Die Fahrer warten auf die Narren in der Halle. Bei laufendem Motor lösen sie Sudokurätsel.