"Insania"-Wein

Warum ein Eichstetter Ökowinzer und ein US-Rocker gemeinsame Sache machen

Peter Disch

Geoff Tate hat mit seiner Band Queensryche 25 Millionen Platten verkauft. Jetzt steht er am Eichstetter Herrenbuck beim Herbsten. Denn mit dem Ökowinzer Friedhelm Rinklin verbindet ihn Freundschaft – und das Weinbusiness.

Auf dem Eichstetter Herrenbuck ist die Weinernte im Gange. Eineinhalb Tonnen Spätburgundertrauben will Winzer Friedhelm Rinklin an diesem Spätsommersamstag ernten. Drei Dutzend ungeübte Helfer verteilen sich zwischen den Reben. Die Traubenhenkel von unten mit der hohlen Hand halten und oben abschneiden. Keine fauligen und keine grünen Beeren. Und bitte nicht in den Stock schneiden, hat Rinklin ihnen mit auf den Weg gegeben. Nun mühen sich alle. So gut es eben geht, wenn man noch nie vorher eine Rebschere in der Hand hatte.


Ein Rockstar in den Reben

Zwischen den Anfängern ist einer, der weiß, wie es geht. Der Mann – Schiebermütze, Pulli, Jeans, schlammbesprenkelte Gummistiefel – füllt Eimer um Eimer. Geoff Tate kann das gut. Der Winzer würde ihn bestimmt sofort anstellen. Aber dafür fehlt Tate die Zeit. Denn der 57 Jahre alte Amerikaner ist ein Rockstar. Neben der Liebe zum Wein verbindet ihn mit Rinklin das Familienbuch. Genauer gesagt: der Stammbaum seiner Frau Susan, geborene Wahrer.

Die Verbindungen der weitverzweigten Eichstetter Familien Rinklin und Wahrer reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück. Susan Tates Urgroßvater August Wahrer wanderte 1895 nach San Francisco aus und lebte später mit seiner Familie in Chicago. 2004 kamen Geoff und Susan Tate, auf den Spuren ihrer Ahnen, das erste Mal an den Kaiserstuhl und lernten Friedhelm Rinklin kennen. Es stellte sich heraus, dass sie zwar nur sehr entfernt verwandt sind, aber eine Passion teilen. "Ich habe das erste Mal Wein gemacht, als ich 14 war", sagt Geoff Tate. Das war bei den Pfadfindern. Die Aufgabe: Selbst ein Getränk herstellen. Bei seiner Oma fand Geoff das Selbsthilfebuch "Auch Du kannst Wein machen!". "Ich habe es versucht. Hat furchtbar geschmeckt", sagt Tate und grinst. Also überlässt er das heute lieber Friedhelm Rinklin.

600 Flaschen "Insania"-Grauburgunder

Der Ökowinzer aus Eichstetten hat für den Musiker aus Seattle 600 Flaschen Grauburgunder abgefüllt, den Tate in Europa unter dem Namen "Insania" vertreibt.

Früher haben Rockmusiker Alkohol getrunken. Heute verdienen sie Geld damit. Die Band Rammstein hat den Wodka "Feuer & Wasser" im Sortiment. "Back in Black" aus dem Hause AC/DC, "ein tiefroter Traum aus dem australischen Weinbaugebiet Barossa Valley", steht auch in badischen Supermarktregalen. Flüssige Fanartikel – ein Nebenerwerb mit dem Verkaufsargument Bekanntheitsgrad.

An dem mangelt es auch Geoff Tate nicht. Seine Band Queensryche hat 25 Millionen Platten verkauft.





Wie sie vertrackten Prog Rock und harte Gitarren verband, das war stilbildend. Der Hit "Silent Lucidity" gehört zu den unsterblichen Powerballaden des Mainstreamradios. Queensryches Konzeptalbum "Operation: Mindcrime" von 1988 ist für den Rock, "was Pink Floyds ‚The Wall ’ für den Pop ist", sagt Dirk Limberg bei einer Pause auf dem Herrenbuck. Eine Klinge seiner Rebschere ist abgebrochen. Zeit zum Fachsimpeln.

Herbsten mit den Fans

Limberg ist Finanzbeamter in Neuss, zuständig für das Kindergeld der Beamten des Landes Nordrhein-Westfalen. In Eichstetten ist er, weil er für die Internetseite metal-heads.de schreibt. Tagsüber mit Geoff Tate herbsten, Flammkuchen essen und Neuen Süßen trinken, abends ein Unplugged-Konzert im Innenhof des Weinguts: Das haben sich Journalisten von Fachblättern wie Rock Hard oder Classic Rock eben so wenig entgehen lassen wie zwei Dutzend Fans, die für das Paket 120 Euro bezahlt haben. Sie kommen aus Freiburg und Weil am Rhein, aus Düsseldorf und Berlin.

Der IT-Fachmann Mark ist mit Frau Diana und 18-jährigem Sohn Garrison aus Chicago eingeflogen. Geoff Tate bewegt sich entspannt zwischen Presseleuten und Freunden seiner Musik. Er posiert für Selfies, plaudert. Kaum vorstellbar, dass dieser Mann eine andere, unbeherrschte Seite haben soll, die 2012 zur schmutzigen Scheidung von Queensryche führte. Der Streit um Namensrechte beschäftigte die Gerichte bis 2014. Tate nutzt heute den Titel seines berühmtesten Albums für seine Projekte.

Das Musikgeschäft aber ist am Samstag in Eichstetten weit weg. Die Rinklins sind Freunde, der Kaiserstuhl eine zweite Heimat. Neben seiner Frau sind diesmal seine Musiker und Freunde dabei. Sie alle wohnen für ein paar Tage in einem leerstehenden Haus gegenüber dem Weingut, Rinklin hat dort ein Matratzenlager eingerichtet. Die Tates wollten das so, denn dort haben Susans Vorfahren gewohnt. Am liebsten würde sie es kaufen, sagt Rinklin. Aber das ist Zukunftsmusik. Im Gegensatz zum nächsten Besuch. Der steht im Dezember an.

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