Interview

Gisbert zu Knyphausen ist jetzt "noch genauer und grüblerischer"

Carolin Buchheim

Kann man Musik machen, wenn man trauert? Gisbert zu Knyphausen brauchte nach dem plötzlichen Tod von Nils Koppruch eine Pause. Jetzt ist er mit "Das Licht dieser Welt" wieder da – und klingt ganz anders.

Sie haben eine lange Pause gemacht, sich die Zeit mit der Band Husten vertrieben. Was macht den Reiz dieses Nebenprojekts aus?

Zu Knyphausen: Moses und Tobias, der Dünne Mann, die haben mich gefragt, weil sie gerne einen guten Sänger haben wollten. Und da denkt man natürlich gleich an mich! So habe ich mich an den Husten-Songs versucht habe. Das fanden wir alle so geil, dass wir dachten: Wir sind dann jetzt eine Band. Allerdings nur eine Studio-Band, die ab und zu mal EPs herausbringt, und bis lang keine Pläne hat, live aufzutreten. Noch nicht mal im Proberaum spielen wir live, wir basteln die Sachen am Computer zusammen.

Die Songs schreiben Sie bei Husten nicht selbst. Worin liegt der Reiz, einmal fremde Texte zu singen?

Es ist eine ganz andere Arbeit. Ich habe mir nur die Gesangsmelodien ausgedacht, das hat viel Spaß gemacht, mich so ganz losgelöst von dem, was ich sonst mache, einfach mal auszuprobieren. Ich musste da erstmal ein bisschen herumsuchen und die Phrasierung so ändern, dass es klingt, als hätte ich das geschrieben, damit ich mich reinfühlen kann. Ich singe einfach für mein Leben gerne. Von daher bin ich froh, wenn mir jemand einen Text in die Hand drückt. Ich bin ja sehr langsam im Texte schreiben.



Dafür sind Sie bekannt. Das hat sich nicht verändert?

Nein. Ich dachte, im Alter würde es einfacher, aber ich habe in den letzten Jahren sehr viele Songideen angesammelt, die alle auf Text warten. Da bin ich viel genauer und grüblerischer geworden.

Im Alter wird man ja sowieso genauer und pedantischer?

Stimmt, vielleicht dauert es dann jetzt noch länger? Die nächste Platte gibt’s dann vielleicht erst in neun Jahren, nicht nur in sieben.

"Das Licht dieser Welt" ist, musikalisch gesehen, eine Überraschungstüte. Wie sehen Sie das Album selbst?

Das sind sehr unterschiedliche Songs, bei denen ich auch erst nicht wusste, wie das alles zusammenpasst. Aber ich mag die Songs zusammengenommen noch mehr als einzeln. Es gibt viele Unterschiede zu den alten Alben. Es ist mehr Optimismus drin, mehr Licht. Manche sagen sogar, zu viel. Ich finde es ganz gut, dass es mal mehr ausgewogen ist. Es gibt ja auch pechschwarze Songs.

Manche Songs sind ja beides: optimistisch und pechschwarz. Am Ende von "Etwas Besseres als den Tod finden wir überall" hört man Nils Koppruch einige Zeilen singen. Durch das ganze Album zieht sich die Trauer um ihn. "Deine heile Welt sie geht verloren mit Dir" singen Sie in "Keine Zeit zu verlieren". Was meinen Sie damit?

Jeder hat seine eigene Gedankenwelt, aus der er sich die Welt zusammenbaut. Wenn ich nicht mehr da bin, dann ist diese Welt weg. Das ist der selbe Gedanke wie in dem "Niemand"-Lied: Deine Welt ist nicht so wichtig wie es jetzt erscheint im Laufe der Geschichte. Man ist nur ein kleines Sandkörnchen. Das ist tröstend und befreiend. Wenn man merkt, dass man nicht so wichtig ist, kann man loslassen.

Kann man Musik machen, während man trauert?

Nach Nils plötzlichem Tod war ich zu geschockt und zu traurig, um Musik zu machen. Da war so eine Stille in mir. Ich habe erst ein Jahr später wieder angefangen, ernsthaft Songs zu schreiben. Die Songs auf meiner Platte, die sich mit dem Tod beschäftigen, sind ein Nachhall auf diese Zeit, nicht direkt aus dieser Zeit.

In den Texten auf dem Album geht’s weniger um Sie selbst, öfter um andere. Woher kam dieser Blickwechsel?

Ich hatte beim Schreiben das Gefühl, dass ich mal andere Geschichten erzählen wollte als nur von mir. Das ist natürlich trotzdem alles ich, aber einfach aus anderen Perspektiven. "Sonnige Grüße aus Khao Lak, Thailand" ist in der dritten Person erzählt und fast eine Kurzgeschichte, so etwas hatte ich noch nicht gemacht. Es war ein Versuch, eine neue Sprache zu finden. Nicht, dass die alte schlecht gewesen wäre, aber ich wollte nicht immer nur das selbe machen, sondern weitergucken. Dieser Prozess hatte schon mit der Kid-Kopphausen-Platte angefangen. Da habe ich mir so ein bisschen von Nils abgeguckt, wie er Songs schreibt. Er hat ja viele Figuren, die er sich ausgedacht hat und darüber aber auch viel über sich selbst erzählt. Auch bei Kid Kopphausen habe ich schon über andere Themen gesungen, andere Perspektiven eingenommen. Die neuen Texte sind eine Weiterentwicklung davon, die ich selbst sehr interessant fand.



Auch der Klang hat sich verändert, ist breiter geworden. Und Sie haben diese gut gelaunten Bläser dabei!

Ich wollte schon immer mal Bläser haben. Ich finde Blechblasinstrumente wahnsinnig seelenvoll, wenn sie der richtige Mensch spielt. Sie klingen dann fast wie eine Stimme. Das spricht mich einfach an in der Musik von anderen Menschen und ich habe mich gefragt, warum ich das noch nicht in meiner eigenen Musik gemacht habe.

Und Cigarettes & City lights ist total jazzy!

Und auf Englisch!

Kommt als nächstes dann das Album "Gisbert zu Knyphausen: The Jazz Standards"?

Das wär auch geil, aber nein. Ich mag Jazz mega gerne, aber das überlasse ich erst mal anderen Leuten. Ich bin schon Jazz-Fan aber kein Jazz-Kenner. Dieser Klang ist einfach in der Musik aufgetaucht, keine Ahnung, wo das herkam. Bei dem Song sind die Akkorde offen und wir haben uns an so poppigen Sachen orientiert. Der Zusammenbruch erinnert dann vielleicht an Wilco; die sind Meister darin, ein Lied aufzubauen, es zusammenzubrechen zu lassen und dann wieder zusammen zu setzen. Ich habe diesmal mit anderen Musikern zusammengearbeitet, weil ich darauf auch Lust hatte, mal mit anderen was zu machen. Wir haben es nicht so wie früher im Proberaum eingeübt, um es dann live aufzunehmen, sondern mehr am Computer getüftelt und mehr Zeit auf die Arrangements verwendet, haben verschiedene Musiker eingeladen, viel ausprobiert.

Die Tour zur Platte ging im Herbst los, dann hat Sie eine Kehlkopfentzündung erwischt und sie mussten Termine absagen. Wie sehr haben Sie sich über diesen Fehlstart geärgert?

Das war schon ein bisschen übel, aber es ging stimmlich einfach gar nichts mehr. Aber schön ist: Die Leute kennen die Platte jetzt viel besser.


Termine: Gisbert zu Knyphausen

  • Samstag, 20. Januar 2018, Basel, Kaserne, 20:30 Uhr
  • Sonntag, 21. Januar 2018, Freiburg, E-Werk, 20 Uhr