Gewalt wegen Drogensucht

Tobias Schächtele

Im Freiburger Amtsgericht wurde am Mittwoch der Fall eines 28-jährigen Giftlers verhandelt, der im Freiburger Bahnhofsviertel mehrfach wegen Gewaltdelikten aufgefallen ist. Der Richter hatte Mühe, die Umstände der brutalen Taten aufzuklären.



Der Angeklagte

Harald F. fläzt sich in seinen Stuhl zurück, seine Mimik schwankt zwischen Ernst und Langeweile. Sein Äußeres: schwarzes, zurückgegeltes Haar, eine anrasierte Augenbraue, ein kurzärmliges Hemd mit Tribal-Motiv. Der 28-Jährige sitzt nun im Saal III des Amtsgerichts, seinem Richter gegenüber. Abgesehen von manch reuigem Blick wirkt er, als sei das bereits Routine für ihn. Tatsächlich war er erst im Mai hier.

Mit 16 hat Harald erstmals zu härteren Drogen gegriffen. Es folgten Beschaffungskriminalität, mehrere Straftaten, die unter Einfluss von Betäubungsmittel abliefen, mehrere Verfahren, die deshalb eingestellt wurden.

2006 scheint er geläutert, arbeitet in der Medizintechnik und wohnt mit seiner Freundin zusammen, mit der er auch ein Kind hat. Doch dann machen die beiden Schluss – für Harald F. der Anfang eines neuen Absturzes. Zwischenzeitlich obdachlos, rutscht er schnell wieder in die Sucht, wird beim Klauen erwischt und 2007 zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Es ist nicht so, dass sich Harald seiner Probleme nicht bewusst wäre. Im gleichen Jahr begibt er sich freiwillig in Therapie, seine Droge wird durch Methadon substituiert.

Aber ein Wiedersehen mit seiner Ex, die nun ebenfalls in der Szene verkehrt, zieht ihn erneut runter: Im Frühjahr kassiert er beinahe ein dutzend Hausverbote rund um die Bismarckallee, wo sich auch sein im harmlosesten Fall alkoholisierter Umgang versammelt. Noch bevor das Gericht im Mai sein als Hausfriedensbruch eingestuftes Benehmen mit vier Monaten Haft auf Bewährung belegt, wird der Treffpunkt am Bahnhof für ihn auch Brennpunkt teils blutiger Gewalt.



Der Tathergang

Am 10. Mai 2008 schlägt Harald auf dem Vorplatz der McDonalds-Filiale Thomas S. nieder und prügelt mit beiden Fäusten auf ihn ein. Wer den Streit begonnen hat, bleibt unklar. Fest steht nur, dass sich Thomas nicht wehrt. Zeugen berichten, Harald habe gegen den Kopf seines Opfers getreten. Als die Bahnpolizei eingreift, flüchtet Harald zu Fuß. Zwei Tage später zerrt er gleichenorts den Geschädigten W. an den Haaren zu Boden und bedroht ihn mit einem Messer.

Einen Monat später gerät er wieder mit einem Bekannten aneinander. In der Eisenbahnstraße fingert er nach dessen Geldbeutel. Der Bestohlene P. ruft „Was soll das?“ und verpasst Harald einen Schlag. Harald zieht ihm im Gegenzug eine Bierflasche über den Kopf. Sie geht zu Bruch und fügt P. eine stark blutende Kopfwunde zu.

Obwohl er im gleichen Monat schon wieder stiehlt, sind vorerst nur diese drei Gewalttaten Gegenstand der gestrigen Verhandlung.



Die Ungereimtheiten

Harald gesteht den Tathergang, er bekennt sich schuldig, was ihm eigentlich anzurechnen ist. Doch wo sich andere Täter in Ungereimtheiten verstricken, hält er sich ans Credo von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl: Er kann sich an nichts erinnern. Seine Gedächtnislücken schiebt er auf den Drogenmix, den er damals beinahe täglich zu sich genommen haben will, bestehend aus Kokain, Heroin und andere harten Sachen, die bei ihm einfach den Kopf ausschalten würden. Die Stoffe, für die andere drei – bis vierstellige Beträge ausgeben, will er geschenkt bekommen haben.

Tests bestätigen, dass er zum Zeitpunkt der ersten Tat Methadon und Diazepam im Blut hatte, jedoch weder Kokain, noch Heroin, LSD oder Amphetamine. Die Sachverständige kann die angeblichen Blackouts medizinisch nicht völlig ausschließen. Verdächtig ist aber, dass Harald trotz starker kognitiver Defizite der trainierten Bahnpolizei davonlaufen konnte.

Für den Geldbeutelklau fällt ihm dann doch noch eine Ausrede ein: „Ich kenne den schon ewig“, sagt er. "Das war ein Missverständnis, ein harmloser Scherz!" An anderer Stelle streikt sein Gedächtnis dann wieder. Während er sich mit seinen Suchtmitteln auszukennen scheint, fällt ihm ausgerechnet jenes Medikament nicht mehr ein, mit dem seine Epilepsie behandelt wird.



Nachdem die Wunden verheilt sind, scheinen auch die anderen Beteiligten keine Lust mehr zu haben, mit den Behörden zusammenzuarbeiten – verständlich, da die meisten Zeugen und Opfer selbst gerichtsbekannt sind.

Nach einer der wenigen brauchbaren Aussagen hat der mit einem Messer bedrohte W. das Tatwerkzeug selbst nicht einmal bemerkt. Der einzige aufzutreibende Zeuge ist Michael B., der ebenfalls in den Kreisen verkehrt. In breitem Dialekt schildert er Haralds Prügelattacke auf Thomas S., er kann aber bis auf die Wertung „So däd i’s au mache!“ nicht viel zur Aufklärung der Umstände beitragen.

Wenig haben er und andere gesehen, schnell war alles vorbei, und „Dann sin au scho’d Rotkäbble kumme.“ Gemeint ist die Bahnpolizei. Fast scheint es so, als amüsiere sich das Gericht ein wenig über die Ausdrucksweise des Zeugen, der übrigens eine abgetragene Kombination von Karohemd auf Tarnhose trägt. Andere Beobachter finden dies eher traurig, zeugt es doch vom durch Rauschmittel verwahrloste Umfeld des Angeklagten.

Das Urteil

Wegen seiner Vorstrafen und der schon bestehenden Bewährungsstrafe wird der Angeklagte zu achtzehn Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. Der Richter bleibt damit nur knapp unter den von der Staatsanwaltschaft geforderten zwanzig Monaten. Harald F. habe aus Erfahrung wissen müssen, dass er unter Drogen zu Gewaltausbrüchen neige. Im Fall dieser gefährlichen Körperverletzung habe die angenommene Schuldunfähigkeit daher keine mildernde Wirkung. Immerhin wird Haralds Haftantritt zu Gunsten einer neuen Therapie erst einmal verschoben.

Das schönste Zitat

Sachverständige bei der Diskussion um die Tatwerkzeuge: „Sie können die Schuhe ja noch vorladen.“