Gerichtsverhandlung: "Schwule Bullen sind scheiße"

David Weigend

Wieviel kostet es, Polizeibeamte aufs Übelste zu beleidigen und einem Polizisten obendrein ins Gesicht zu spucken? Im Fall des Angeklagten 1200 Euro, wie ein Freiburger Amtsrichter heute entschieden hat.



Der Angeklagte

Konrad W.* hockt vor Saal V des Freiburger Amtsgerichts und liest in "Diabolus" von Dan Brown. Um 10 Uhr geht er hinein und setzt sich mit seinem Pflichtverteidiger auf die Anklagebank. Der 43-Jährige macht einen fahrigen Eindruck. Weißblonder Vokuhila, das Hemd schaut verknittert unterm Pullisaum hervor; Konrads Finger falzen an einem mitgebrachten Stück Papier herum, als die Staatsanwältin die Anklageschrift verliest.

Die Tatnacht

Alles beginnt damit, dass Konrad W. zu laut Neil Young hört. Am 26. November 2008 sitzt er abends in seiner Wohnung im Sedanviertel, trinkt Wodka und denkt an seinen Vater, der gestorben ist. Konrad W., gelernter Industriebuchbinder, ist seit 2002 arbeitslos, lebt von Hartz IV und ist Vater zweier Kinder, für die er kein Sorgerecht hat. Da er früher heroinabhängig war, nimmt er seit 1996 Diazepam und Methadon. Was ihn nicht davon abhält, an jenem Novemberabend einen Klaren nach dem nächsten zu kippen.

Irgendwann legt er Hans Söllner auf, dessen Lieder auch auf der Beerdigung von Konrads Vater liefen. Um 23.15 Uhr ruft die Nachbarin die Polizei, da sie sich durch die Lautstärke der Musik gestört fühlt. Kurz darauf stehen zwei Polizisten vor Konrads Tür und bitten ihn, den Söllner leiser zu drehen. Das sieht der Hausherr nicht ein und ruft: „Schwule Polizisten sind scheiße, sind Sie schwul? Schwule Bullen mag ich nicht, die sind ganz übel. Ihr seid wie die SS, 6000 Juden sind nichts, das macht ihr doch auch.“



Solche Provokationen gehören für die Beamten des Polizeirevier Nord leider zum Alltag. Sie ermahnen Konrad zur Ruhe. Dieser schubst einen Beamten leicht nach hinten, ballt die Fäuste, hebt den Brustkorb und ruft: „Verschwindet aus meiner Wohnung! Raus!“

Dabei bleibt es zunächst. Kurz darauf ruft die Nachbarin erneut im Revier an. Kein bisschen leiser sei es geworden. Diesmal rücken die Ordnungshüter zu viert an. Zwei von ihnen machen sich daran, die Stereoanlage abzubauen. Konrad tobt. Er ist außer sich vor Wut und schreit: „Ihr Wichser! Schwule Bullen! Die SS hätt’ so was nicht gemacht! Ihr seid noch viel schlimmer als die SS!“ Einer der Polizisten entscheidet, Konrad in Gewahrsam zu nehmen, da er vermutet, dass sich der Mann nicht beruhigen lässt. Die Wohnung sieht chaotisch aus, auch Spritzen liegen herum.

Die Polizisten binden dem protestierenden Konrad die Hände auf den Rücken, zwei Beamten führen ihn im Kreuzfesselgriff das Treppenhaus hinab. Konrad tritt rückwärts nach einem von ihnen. Sein Blick zeugt von Hass. Dann spuckt er einem Polizisten mitten ins Gesicht. Der Getroffene ist von Ekel erfüllt. Außerdem ist er besorgt darüber, dass ihn Konrad eventuell mit einer Krankheit infiziert haben könnte.



Es ist nicht einfach, Konrad in den Streifenwagen zu bugsieren, denn er zappelt wild herum und spart nicht mit weiteren Beleidigungen. Zehn Minuten später sitzt er im Polizeirevier Nord. Die Ärztin kann ihm kein Blut abnehmen, weil Konrads Venen vernarbt sind. Deshalb soll er zur Uniklinik gebracht werden. In der Zwischenzeit versucht Konrad erneut, einen vorbei kommenden Polizeibeamten zu treten.

Der Drogentest in der Klinik zeigt: Konrad ist mit 2 Promille alkoholisiert und steht unter dem Einfluss von Benzodiazepin und Methadon. So erklären sich auch Konrads starke Stimmungsschwankungen. In einem Moment zeigt er sich einsichtig gegenüber den Polizisten, entschuldigt sich gar für seine Beleidigungen, im nächsten Moment gerät er in Rage. Als Konrad frühmorgens wieder zu Hause sitzt, denkt er: „Mein Gott, was hab ich da gemacht?“



Urteil

Der Amtsrichter verurteilte Konrad wegen vorsätzlicher Körperverletzung und Beleidigung zu einer Geldstrafe von 1200 Euro. Konrad bekreuzigte sich nach der Urteilsverkündung, immerhin hatte die Staatsanwältin ein Jahr Haft gefordert. Ein beträchtliches Vorstrafenregister hatte der Verurteilte ebenfalls vorzuweisen. Unter anderem war er während seiner Junkiezeit schon mal am Colombipark mit einer abgebrochenen Bierflasche auf einen Mann losgegangen.

Das Spucken wertete der Richter als schwerwiegendstes Vergehen. Allerdings gab er zu bedenken: „Wenn die Polizisten die Stereoanlage gleich beim ersten Mal mitgenommen hätten, wäre die Eskalation des Konflikts vermutlich vermeidbar gewesen.“

[*Name geändert]

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