Gerichtsverhandlung: Abgeschleppt, betäubt und ausgeraubt

David Weigend

"Beischlafraub" - so nennt Richter Eugen Endress etwas salopp den Tatbestand, den zwei Männer und eine Frau in einer Dezembernacht im Jahr 2007 erfüllt haben sollen. Gestern begann die Verhandlung im Freiburger Amtsgericht. Zuschauer wurden am Eingang nach Waffen durchsucht.



Rekonstruktion der Tat: So könnte es gewesen sein

1. Die Sicht des Geschädigten

H. ist 36 und stammt aus der Türkei. Im Oktober 2006 kommt er aus dem Gefängnis frei, nachdem er eine mehrjährige Haftstrafe verbüßt hat. Er lebt und arbeitet seitdem bei seinem Bruder im Stühlinger.

Am 15. Dezember 2007, einem Samstagabend, besucht H. die Discothek Karma in Freiburg (siehe auch fudder-Polizeimeldung dazu). Sein Kollege A. (28) hat ihn zuvor angerufen und vorgeschlagen, dass man sich dort treffe. H. steht oben beim Türsteher S., die beiden kennen sich gut. Etwas später kommt A., ebenfalls Türke, und küsst H. rechts und links zur Begrüßung auf die Wange, wie dies unter Landsleuten üblich ist. A. wird begleitet von N. (20). Sie folgt ihm in den Club.

30 Minuten später steht A. vor H. und sagt zu ihm: „Lass uns runter gehen, ein paar Frauen abchecken.“ H. ziert sich zuerst, sagt, er habe gerade keine Lust darauf. Doch A. überredet ihn. Die beiden gehen hinunter in die Diskothek. Auf dem Programm steht die Karmasutra Weekend Party, die DJs Tomo und Nick Caron spielen „Mixed Music und House“. Auf einmal ist A. verschwunden. Stattdessen taucht E. (21) auf, ebenfalls ein entfernter Kollege H. Man kommt ins Gespräch. Kurz darauf stößt die schon oben erwähnte N. zu den beiden Männern. E. stellt den Kontakt her, macht die beiden bekannt. N. zeigt Interesse an H. und beginnt, mit ihm zu flirten.

Der Kuppler E. verschwindet aus H's Blickfeld. Er ist jetzt ganz mit N. beschäftigt, bestellt für beide in den nächsten zwei Stunden mehrere Gläser Vodka Red Bull und tanzt auch mit der neuen Bekanntschaft. H. fühlt sich angenehm beschwipst. Irgendwann sagt N. zu H.: „Ich würde gern mit dir, nun ja, du weißt schon.“ H. gefällt dieser Plan. Allein: wo soll er hin mit ihr? Nach Hause ist ungünstig, denn er wohnt nach seiner Haftentlassung immer noch bei seinem Bruder. „Gut, ins Hotel“, antwortet er deshalb.

N. und H. steigen am Hauptbahnhof in ein Taxi. Erst halten sie bei einer Tankstelle in der Kronenstraße, denn N. will unbedingt noch eine Flasche Sekt kaufen. Dabei trinkt H. eigentlich nie Sekt. Aber das ist ihm jetzt egal. Es ist schon frühmorgens, nach 3 Uhr. Die Hotelsuche beginnt. Der Taxifahrer hält an einem Hotel an der Breisacherstraße. Wie sich am Empfang herausstellt, ist dort kein Zimmer frei. H. registriert nur am Rande, dass N. auf die Toilette verschwindet und von dort aus einen Anruf via Handy tätigt.



Die beiden verlassen das Hotel und nehmen ein anderes Taxi, das sie schließlich zu einem gehobenen Hotel im Stadtteil Lehen bringt. Dort haben sie Glück. Der Nachtportier, ein Student, hat noch ein Zimmer frei. H. bezahlt sofort, denn er trägt viel Bargeld bei sich. „Erspartes, das ich am nächsten Tag meinen Eltern zur Aufbewahrung bringen will“, wie er sagt. Wie viel das genau ist, hat das Gericht noch nicht ermittelt. H. selbst spricht von etwa 13.000 Euro. Jedenfalls holt er ein Bündel aus der rechten Hosentasche, zählt davon 100 Euro ab und gibt vier Euro Trinkgeld dazu. Der Nachtportier zeigt den beiden Gästen ihr Zimmer.

„Komm, geh’ duschen!“, ist das erste, was N. zu H. sagt, als sich die Tür des Zimmers 1401 hinter ihnen schließt. H.: „Hey, mach langsam!“ Aber N. beharrt auf ihrer Forderung, der H. dann auch nachkommt. Allerdings geht er mit Hose samt Geld ins Bad, denn ein wenig misstrauisch ist er schon.

Als er nach der Dusche wieder ins Zimmer kommt, hat N. für sie zwei Gläser Sekt vorbereitet. Zögernd trinkt er. Dann geht er mit N. ins Bett. Es kommt zum Geschlechtsverkehr.

Nach dem Sex verschwindet N. ins Bad. Wieder telefoniert sie. Sie kommt zurück, H. geht ins Bad. N. schenkt Sekt nach. Doch das zweite Glas trinkt H. gar nicht mehr. Er legt sich aufs Bett und schläft ein.

Vier Stunden später wacht er auf. N. ist weg. Das Geld ist weg. Sein Handy und seine Kette ebenso. H. fühlt sich unwohl. Er geht ins Bad und übergibt sich. Als er sich kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt hat, wird ihm seine miserable Situation erst klar. Er zieht sich an, geht hinunter zur Rezeption, verständigt die Polizei. Diese kommt und sichert Spuren im Zimmer.

Am Nachmittag ruft H. die Männer an, mit denen er in der Nacht zuvor im Karma gesprochen hat. Er will so schnell wie möglich herausfinden, wer dieses Mädchen ist, das mit ihm ins Hotel gegangen ist. Als nützlichster Helfer bei dieser Suche erweist sich Türsteher S. Er trifft sich mit H. am Hauptbahnhof und schnell kommen die beiden darauf, dass gestern Abend ein Partyfotograf im Karma unterwegs war. Tatsächlich hat sich H. mit der unbekannten Dame fotografieren lassen. In einem Internet-PC im Bahnhof finden sie das Bild.

H. druckt es aus und geht damit hinüber in einen Spielsalon an der Bismarckallee, wo sich der Großteil seines Bekanntenkreises gern aufhält. Als er jedem einzelnen von der Hotelgeschichte berichtet, spricht er aus Vorsicht jedes Mal von einer anderen Geldsumme, die ihm gestohlen worden sei. Schließlich sagt einer der Anwesenden, er wird B. genannt: „Ja, das schwarzhaarige Mädchen auf dem Foto kenne ich. Das ist doch die Freundin von E., diesem Albanerjungen.“

Tags darauf, am Montag, den 17. Dezember 2007, hat H. herausgefunden, wo N. wohnt. Er fährt nach Zähringen und passt sie, inzwischen mit blondgefärbten Haaren, vor ihrer Wohnung ab. N. ist schockiert, als sie H. sieht. Sie rennt zu ihrem Vater, der auch gerade heimgekommen ist. H. zeigt dem Vater das Foto aus dem Karma: „Ist das ihre Tochter?“ Der Vater ist aufgeregt, ruft die Polizei. Wenig später wird N. in ihrem Zimmer vernommen. Erst streitet sie alles ab. Doch dann gibt sie zu, beim „Beischlafraub“ den Lockvogel gespielt zu haben.

2. Die Sicht der Tatverdächtigen

E., 21, stammt aus Albanien und arbeitet im Betrieb seines Vaters als Fliesenleger im Stühlinger. Im Dezember 2007 ruft ihn sein Kumpel A. an. A., von Beruf Eisenbieger, habe Stress mit seinem Bekannten H. Worum es in diesem Streit geht, sagt A. nicht. Nur soviel: Er wolle H. abziehen und am kommenden Wochenende gebe es dafür eine gute Gelegenheit, da H. dann mit viel Bargeld unterwegs sei. „Wir brauchen für die Nummer aber noch einen Lockvogel. Kennst du eine Frau, die das machen könnte? Es würde auch was für dich rausspringen. Mindestens 1000 Euro, wenn der Typ viel Geld dabei hat, auch 2000 Euro. Das Mädel würde 500 Euro kriegen.“

E. überlegt. Warum nicht seine Freundin N. als Lockvogel einspannen? Immerhin schuldet er ihr sowieso noch Geld. Und da sie ihre Ausbildung in einer Arztpraxis macht, könnte sie vielleicht auch gleich noch die Schlaftabletten besorgen, von denen A. gesprochen hat. E. fragt N.: „Hey, komm, Schatz, du machst das doch für mich, oder?“ Und weil N. sehr in Edison verliebt ist, willigt sie ein.

Ursprünglich soll der Plan schon am Freitagabend über die Bühne gehen, aber da N. die geforderten Schlaftabletten nicht besorgen kann, verzögert sich das Vorhaben. Am Samstagabend ist es soweit. A. und E. holen N. in einem Ford Escort in Zähringen ab, zu dritt fahren sie durch die kalte Dezembernacht in die Innenstadt. Unterwegs instruiert A. die Komplizin. Er sagt: „Den ersten, den ich im Karma begrüßen werde, das ist dein Mann, N. Nachher gebe ich dir dann unten im Club das Schlafmittel. Zwei Portionen zerstoßenes Diazepam, eingepackt in Cellophanpapier. Mach ihn heiß, fahr mit ihm irgendwo hin, verabreich’ ihm das Zeug und melde dich, wenn er pennt. Wir kommen dann nach.“

Zuerst läuft alles nach Plan, auch wenn N. von Anfang an Angst hat und ein schlechtes Gefühl bei der Sache. Sie traut sich nicht, diesen H. anzusprechen. Schließlich springt E. ein und gibt den Kuppler, obwohl er eigentlich nur als Fahrer fungieren und das Karma gar nicht betreten wollte. Doch irgendwann sind N. und H. beim Turteln auf der Tanzfläche und die Sache nimmt Fahrt auf. Gegen 3 Uhr morgens verlassen sie den Club und gehen auf Hotelsuche.

A. und E. beziehen Posten an einer Tankstelle in Haslach und warten auf N.s Anruf. Sie meldet sich, doch sagt zuerst eher Unerfreuliches: „Shit, das Hotel ist voll“, dann „Wir haben ein Zimmer, wir sind da in Lehen“, dann „Er hat das Zeug mit dem Sekt geschluckt, aber er ist nicht eingeschlafen!“, schließlich „Er pennt jetzt. Ihr könnt kommen.“ A. und E. kommen, sie parken etwa zehn Meter vom Hoteleingang entfernt. E. bleibt im Auto, A. läuft zum Hintereingang des Hotels, an dem ihn N. hineinlässt. Die beiden gehen hoch ins Zimmer. H. schläft. N. nimmt die Geldbündel aus H.s Hose, obendrein das Handy und eine Kette. All dies überreicht sie A. Dann verlassen sie das Zimmer und das Hotel. Im Auto wartet E.

Er startet den Motor. Die drei fahren ein Stück, dann parkiert E. A. nimmt eines der Geldbündel aus seiner Manteltasche. Er zählt 500 Euro ab und gibt sie N. 1000 Euro zwackt er für E. ab. Wie groß die gesamte Beute ist, das wagen in diesem Moment weder E. noch N. zu fragen. A. behält den Rest, kommentarlos. Dann bringen die beiden Männer N. zurück nach Zähringen. Alles geritzt, wie es scheint. Doch dann tritt dieser Vorfall mit dem Partyfoto im Karma zutage.

A. ruft die Komplizin auf dem Handy an, die Nummer hat er übrigens unter dem Eintrag „N. Nutte“ gespeichert: „Ey, du wurdest im Karma mit H. fotografiert, dumme Kuh! Mach was mit deinen Haaren, sofort! Färben, schneiden, was weiß ich!“ Der Frisörbesuch erweist sich als nutzlos.



Die Verhandlung

Diese Rekonstruktion des möglichen Tathergangs basiert auf den Aussagen von Zeugen und Beschuldigten, die gestern im Freiburger Amtsgericht vernommen worden sind. Das Urteil hat Richter Eugen Endress, der den Prozess im Übrigen mit Souveränität und einigen witzigen Bemerkungen leitet, noch nicht gesprochen, die Verhandlung wird am Donnerstag fortgesetzt.

Dass der Prozess zeitlich ausgedehnt wird, liegt an diversen Gründen: Der Angeklagte A. weist alle Schuld von sich und behauptet, seine angebliche Tatbeteiligung sei „erstunken und erlogen“.

Er lässt keine Gelegenheit aus, den Zeugen in einschüchterndem Tonfall Fragen zu stellen. E. erzählt im Gerichtssaal sogar eine komplette Lügengeschichte, die er erst widerruft, als der Richter A. und seine Familienmitglieder auf den Zuschauerstühlen aus dem Saal bittet, da sich E. um sein leibliches Wohlergehen Sorgen macht. Immerhin: vor Prozessbeginn wurde eine Drohung ausgesprochen, woraufhin alle Zuschauer der Verhandlung abgetastet und mit einem Metalldetektor gescannt werden.

Über den Ausgang der Verhandlung werden wir berichten.

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