Gegen gegen Lebkuchen

Martin Jost & Regina Kleißler

fudder-Autor Martin fühlt sich als Teil einer Minderheit und noch dazu schwer benachteiligt: Lebkuchen à la "Herzen-Sterne-Brezeln" sind seine allerliebste Lieblingssüßigkeit. Wenn es nach ihm ginge, würden sie das ganze Jahr verkauft. Alle Jahre wieder Anfang September stehen militante Weihnachtspuristen auf den Barrikaden und wollen den frühen Weihnachtsverkauf unterbinden. – Eine Polemik. [Mit Foto-Galerie!]



Liebe andere Menschen,

ich wende mich heute an euch, weil mir etwas auf dem Herzen liegt. Ich wollte es euch schon immer mal sagen, aber normalerweise übertönt ihr mich und brüllt mich nieder. Das ist jedes Jahr so. Diesmal möchte ich euch zuvorkommen.

Es ist wieder Anfang September. Wisst ihr, was das heißt? Das heißt, es gibt bald wieder Zimtsterne, Nikoläuse und Lebkuchen im Edeka. Reflexartig werden einige von euch sagen: "Das wird ja jedes Jahr früher! Das soll aufhören! Macht einem die ganze Stimmung kaputt!"

Und ich rufe euch zu: DANN ESST HALT KEINE, ZUM KUCKUCK!

Es tut mir leid, dass ich laut geworden bin. Es ist nur so, dass mir das Thema eine Menge bedeutet und mir auch sehr nahe geht. Weihnachten ist für mich das Schönste am Jahr. Durch euren harten Zynismus hindurch kann ich die Glöckchen der ursprünglichen Idee von Weihnachten hören: Es ist das Fest, an dem wir den Familienzusammenhalt feiern und uns daran erinnern, welche Menschen wirklich für uns da sind, wenn es mal raucht im Karton. Und an dem wir unsere Liebe mit Geschenken zeigen.

 

Was spricht dagegen?

Ich verbinde nur Gutes mit Weihnachten. Besonders das Klima. Der Sommer mit seinem Hautkrebsrisiko und Verwesungsgeruch hat es nie in die Top-Ten meiner Lieblingsjahreszeiten geschafft.

Manchmal höre ich an schwülen Augustnachmittagen Weihnachtsschallplatten um mich abzukühlen.

Aber nicht nur, um den Geist der Weihnacht heraufzubeschwören, möchte ich das ganze Jahr über Milchschokoladen-Hohlfiguren essen dürfen. Es ist auch so, dass die Lebkuchen mit Schokoladenhülle namens "Herzen-Sterne-Brezeln" mit Abstand meine Lieblingssüßigkeit von allen Süßigkeiten auf der ganzen Welt sind. Mehr als ein halbes Jahr pro Jahr muss ich auf sie verzichten. Wie würdet ihr das denn finden? Ist das die freiheitliche solidarische Gesellschaft, die sich Gleichberechtigung und Minderheitenschutz auf ihre Fahnen geschrieben hat, in der wir angeblich leben?

Und um auch die Ossi-Karte auszuspielen: Wir haben damals nicht die Mauer umgeschubst, um jetzt in einer so genannten "freien" Marktwirtschaft zu leben, die ihre Regale künstlich leer hält. Gibt es etwa Argumente dafür? Los, lasst hören!



Bring it on!

Seelenloser Kommerz, höre ich da? Da will jemand mit Weihnachten Geld verdienen? - Ich bitte euch! Das kann man doch keinem vorwerfen! Wenn es verboten wäre, mit Weihnachten Geld zu machen, könntet ihr zusehen, was ihr an Heiligabend auf dem Teller habt. Der Kapitalismus hat gesiegt, die Debatte ist um.

Weihnachten sei nichts Besonderes mehr? Das Fest durch das ganze Jahr zu ziehen würde uns für seine esoterische Bedeutung stumpf machen? - Jetzt kommt schon! Wir halten doch auch das ganze Jahr über die Menschenrechte hoch. Und die Achtsamkeit gegen den Sexismus. Und den Recycling-Gedanken. Und, werden wir dadurch etwa nachlässiger in ihrer Wertschätzung?
Überhaupt müssen wir auf der Hut sein vor der versuchten Vereinnahmung der Idee von Weihnachten durch Kräfte, die das Fest für ihre Ideologien einspannen wollen. Allen voran die Kirchen und vergleichbare Gutmenschentümler.



Versteht mich nicht falsch: Ich finde ja, dass Christen Weihnachten mitfeiern dürfen. Sie sind schließlich für die Musik zuständig.

Ein bisschen Exerzitium täte uns ganz gut? Für die Einheit von Körper, Geist und Seele sollten wir uns wenigstens im Sommer in Entsagung üben? - Ich verbiete ja keinem, zu seinem Räucherstäbchenyoga zu gehen. Und auch vor den Freunden der Piemontkirsche habe ich höchsten Respekt, weil sie nicht jeden Sommer auf die Straße gehen. Aber ich bin knallharter Hedonist.

Ich will Herzen-Sterne-Brezeln!

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Foto-Galerie: Regina Kleißler


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