Geben und nehmen: Der erste öffentliche Bücherschrank in Freiburg

Martin Honecker

Seit November gibt es in Günterstal einen öffentlichen Bücherschrank - und das in Zeiten des E-Books. Dort kann jeder so viele Bücher ablegen und mitnehmen, wie er will - 365 Tage im Jahr. Martin Honecker hat vor Ort die 18-jährige Initiatorin getroffen:



Mehr ein kleines Regal als ein echter Schrank steht da im Durchgang an der Günterstaler Straßenbahnhaltestelle Klosterplatz. Ein beschauliches Plätzchen in schöner Umgebung; irgendwie passt er da gut hinein, Freiburgs erster öffentlicher Bücherschrank. Damit auch jeder, der vorbei kommt, gleich weiß, was das Ganze überhaupt soll, steht auf einem gelben Plakat eine Erklärung.


Der Schrank werde genutzt, „um kostenlos, anonym und ohne jegliche Formalitäten Bücher zum Tausch oder zur Mitnahme aufzubewahren und anzubieten“. Also eine Open-Air-Bücherei, nur ohne Anmeldung, an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr geöffnet und vor allem: keine Mahngebühren. Die Bücher darf man einfach behalten, wenn einem danach ist.

Aufgestellt hat den öffentlichen Bücherschrank eine 18-jährige Günterstalerin, im November. Namentlich genannt werden möchte sie nicht; auch auf dem Informationsplakat am Schrank unterschreibt sie nur mit „Von einem Menschen, der gerne Bücher liest“.



„Ich will viel lieber, dass das Projekt im Vordergrund steht und nicht ich selbst“, erklärt sie. Als sie das sagt, ist das Regal bis auf den letzten Zentimeter gefüllt, in zwei Reihen stehen die Bücher hintereinander. Links und rechts stehen außerdem noch zwei Pappkartons voll mit Büchern.

Dass so viele Bücher da sind, liegt vielleicht auch am kürzlich veröffentlichten Artikel in der Badischen Zeitung über ihr Projekt. „Das war schon ganz nett“, sagt sie und lächelt. So voll war es in dem Schrank zwar vorher noch nie, aber trotzdem kommt die Idee gut an. „Mal waren viele Bücher da, mal weniger“, so die 18-Jährige. Zehn bis 15 Bücher hatte sie anfangs ins Regal gestellt.

„Die Idee ist fantastisch.“

Öffentliche Bücherschränke gibt es in Deutschland schon lange und in vielen Städten und Gemeinden. Nur eben - bis November - noch nicht in Freiburg. „Den ersten offenen Bücherschrank habe ich in Hamburg gesehen“, sagt die 18-Jährige. Der habe allerdings wie eine Telefonzelle ausgesehen, ähnlich wie der in Denzlingen.

Dass ihr Projekt in Günterstal so gut ankommen würde, konnte die Initiatorin am Anfang noch nicht wissen. Gefragt hat sie nämlich niemanden. Der Durchgang, in dem der Schrank vor Regen und Wind geschützt steht, gehört der katholischen Pfarrei Liebfrauen. „Ich hatte die Idee und hab's einfach gemacht. Wenn das jemanden stören würde, wäre der Schrank längst schon wieder weg.“ Viel zu verlieren hat sie nicht, das Regal ist alt, die Bücher sind gebraucht. Mittlerweile steht es seit drei Monaten da.

Der Messner der Kirche Liebfrauen wohnt direkt über dem Durchgang, in dem das Bücherregal steht. „Ich weiß nicht, wie lange die Kirche das noch duldet“, sagt er. Dabei hat er gar nichts gegen die Idee an sich. „Die Idee ist fantastisch.“ Nur das mit den Kartons sehe nicht sonderlich schön aus. „Und dass die Bücher hintereinander stehen, ist schade, die hinteren kann man gar nicht sehen. Man müsste das dann noch etwas größer machen.“.



Er hat sich auch schon selbst beteiligt und ein paar Bücher gegen eigene getauscht. Und da er täglich am Bücherschrank vorbeikommt, hat er schon einiges beobachtet. „Einmal war eine ganze Enzyklopädie da. Das waren zehn, zwölf Bände, und ich dachte, wer nimmt denn das noch? Zwei Tage später war alles weg.“

Über Vandalismus an ihrem Schrank und den Büchern macht sich die junge Initiatorin keine Sorgen. Die Jugendlichen in Günterstal kennt sie alle persönlich. „Die wissen, dass ich den Schrank aufgestellt habe, und ich vertraue ihnen.“ Von Schmierereien an der Wand distanziert sie sich auf einem Schild, das auf dem Regal klebt.

Sie nimmt Bücher mit und verschenkt sie an Freunde

Auch das Günterstaler Ehepaar Heidi und Gerhard Rees sind vom öffentlichen Bücherschrank begeistert. Die beiden haben schon Bücher vorbeigebracht. „Aber das ist alles schon wieder weg“, sagt Heidi Rees und stöbert weiter nach Büchern zum Mitnehmen. „Hier sind viele, gerade ältere Bücher, die man so gar nicht mehr bekommt.“

Romane, Sachbücher, Fantasy, Krimis, Kinderbücher - jedes Genre ist willkommen. Und so stehen im Schrank und in den Kartons die unterschiedlichsten Bücher. „Die Säulen der Erde“, „Mein erstes Technikbuch“, die Autobiografie von Marcel-Reich Ranicki und die Memoiren von Henry Kissinger - und „MaRx und Moritz“ von Werner Widmann.

Weiter unten steht - noch eingeschweißt - „Der Minuten-Manager - Führungsstile“. Hinten auf dem Aufkleber sieht man noch groß „DM“ stehen. Amazon verkauft das Buch für 6,99 Euro. Und sogar eine CD liegt auf dem Schrank - jiddische Musik, eingespielt von einem Auricher Chor in Norddeutschland.



Ein älterer Herr, der sich auch am Bücherschrank nach neuer Lektüre umschaut, kommt aus Zähringen. Er war ohnehin in der Innenstadt und hat sich von da nach Günterstal aufgemacht. „Zuhause ist mein Bücherregal überlastet, ich weiß nicht so richtig, wohin mit den ganzen Büchern. Sachbücher kann man ja aufheben, aber Romane liest man doch eigentlich nur einmal.“ Als er fertig gesucht hat, nimmt er sich ein Buch mit. „Das reicht fürs erste.“

Die Initiatorin des öffentlichen Bücherschranks geht es ähnlich an. „Ich lese gern“, sagt sie, im Moment „Herr der Ringe“. „Aus dem Bücherschrank habe ich aber erst zwei Bücher richtig gelesen.“ Oft nehme sie Bücher mit und verschenke sie an Freunde.

„Ich hoffe, dass sich das jetzt auch mal in Freiburg etabliert“ sagt sie - und geht mit zwei Büchern für ihre Freunde nach Hause.

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