Gasthörer an der Uni: Die Rentner von der ersten Bank

Fabian Voegtle

Immer mehr ältere Semester sitzen in Deutschlands Hörsälen und lauschen wie ihre Enkel den Dozenten. Vor allem in Fächern wie Geschichte und Philosophie ist das Phänomen Seniorstudent anzutreffen. Doch wer sind diese wissbegierigen Senioren im Ruhestand und wie regelt die Uni die Gasthörer-Flut in Freiburg?



„Ich freu’ mich immer auf die Semesterferien“, erzählt Falk Herdter. Der pensionierte Chirurg besucht seit vier Jahren und damit acht Semestern als Gasthörer Vorlesungen an der Uni Freiburg. Zwar ist er mit seinen Praxisvertretungen, Gutachten und Fortbildungskursen, die er anbietet, noch immer als Teilzeit-Arzt aktiv. Doch auch in der Rolle als Student fühlt er sich wohl. Neben drei Vorlesungen in Geschichte gönnt er sich dieses Wintersemester eine Vorlesung in Kunstgeschichte. Da seine Frau mit eigener Galerie im gemeinsamen Renaissance-Haus künstlerisch aktiv ist,dürfe er nicht den Anschluss verlieren, berichtet der 68jährige schmunzelnd.


Falk Herdter ist in diesem Wintersemester einer von 551 offiziell eingeschriebenen Gasthörern an der Albert-Ludwigs-Universität. Im vergangenen Sommersemester waren es mit 447 Gasthörern – davon 215 männlich und 232 weiblich – rund 100 weniger. Wie Herdter auch sind die meisten 'älteren Semester' in Geschichte und Kunstgeschichte anzutreffen, gefolgt von Germanistik, Philosophie, Katholischer Theologie und Archäologie. In den letzten zwei Semestern interessierten sich außerdem mehr Gasthörer wie bisher für Sprachkurse, vor allem Skandinavistik sowie Spanisch und Italienisch. Kaum beachtet werden Studienfächer wie etwa Mikrosystemtechnik oder Russlandstudien.

Gasthörer müssen pro Semester 26 Euro an die Uni zahlen und können dann bis zu vier Kurse belegen. Zwar gibt es zu Semesterstart ein Gasthörerverzeichnis, doch viele Internetvertraute Seniorstudenten schauen sich das normale Vorlesungsverzeichnis gemütlich vom heimischen PC aus an. Von dort aus wählen sie dann die Veranstaltungen ganz nach ihrem Gusto. So auch Herbert Zorn. Der 83jährige gehört zu den „dienstältesten“ Gasthörern. Seit rund 15 Jahren sitzt er aus Interesse und Spaß an der Sache in diversen Veranstaltungen. Dieses Wintersemester besucht er mit „nur“ drei Vorlesungen die Uni „nicht mehr so intensiv wie früher.“ Angefangen hat er in den 1990er Jahren als Gasthörer in Wirtschaftswissenschaften, um Lücken aus seiner eigenen Studienzeit zu schließen. Nach einigen Soziologie- und Politikveranstaltungen hat er sich in den letzten Jahren vor allem der Geschichte, Philosophie und Theologie gewidmet. Dort besucht er dieses Semester die Vorlesung des bekannten Moraltheologen Eberhard Schockenhoff.

Die Mehrheit der Studenten fühlt sich von ihren älteren Banknachbarn im Hörsaal nicht gestört. Knapp 70 Prozent der Gasthörer sind zwischen 60 und 80 Jahren, also im Alter der Eltern und Großeltern der jungen Studierenden. Die Uni böte so „eine der wenigen Mehrgenerationenangebote“, findet Jan Ihwe. Er ist Direktor der Freiburger Akademie für Universitäre Weiterbildung (FRAUW) und damit auch für die Gasthörer an der Uni zuständig.

Reibereien zwischen Studenten und Gasthörern gebe es ab und zu, gehören aber zu den Ausnahmen des Universitätsalltags. Auch der Hörsaalerfahrene Herbert Zorn hat den Eindruck, dass sich beide Seiten akzeptieren und nennt klare Spielregeln: „Wenn die Studenten auf der Treppe sitzen müssen, dann bleib ich nicht.“ Schließlich seien die Gasthörer nur das „Anhängsel“.

Und was halten Dozenten beliebter Gasthörer-Fächer von den „älteren Semestern“? Willi Oberkrome, Geschichtsprofessor am Historischen Seminar, bei dem sowohl Falk Herdter als auch Herbert Zorn dieses Wintersemester eine Vorlesung besuchen, sagt auf Anfrage kurz und knapp: „Jeder ist bei mir herzlich willkommen.“ Ähnlich sieht das sein Historiker-Kollege Franz-Josef Brüggemeier, der die Leute in Freiburg im Vergleich zu anderen Unis als „recht verhalten“ bezeichnet. „Sie wirken interessiert und kommen ja immer freiwillig.“

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[Symbolbild: PH Freiburg]