Gastbeitrag: Darum tragen wir alle zur Clubkrise in Freiburg bei

Fabrizio Bonina

"Ich mache Platz im Freiburger Nachtleben" sagt Fabrizio Bonina, von 2014 bis 2016 Booker des BalzBambii. Im Februar spielt er zum vorerst letzten Mal im Drifter’s. Warum er sich aus dem Nachtleben zurückzieht und die Freiburger Clubkrise hausgemacht ist, erklärt er in seinem Gastbeitrag.

Vor zweieinhalb Jahren habe ich mein Clubprojekt beendet. Das Bambii, das ich zusammen mit Christian (Rotzler, d. Red.) und Linda (Bruinenberg, d. Red.) betrieben habe, war eine absolute Herzensangelegenheit. Nun haben wir Januar 2019, und die Lokalität steht immer noch leer. Sie wird immer noch nicht genutzt. Der Leerstand ist ein Abbild der Freiburger Clubkultur.


"Wo steht die Szene heute?"

Niemand kann inzwischen behaupten, die öffentlich zugängliche Szene in Freiburg sei noch attraktiv. Wirklich gesund ist in dieser Stadt nur die Hochkultur. Das war sie schon immer. Der Wirkungskreis der Subkultur jedoch schrumpft und schrumpft. In der Innenstadt gibt es kaum noch Angebote der Nachtgastronomie und -unterhaltung.

Veranstalter, Künstler, Frei- und Querdenker haben keinen Raum mehr. Sie finden auch keinen Raum mehr. So fehlen dem Nachwuchs Anlaufstellen. Er kann sich kaum noch entfalten. Dabei will Freiburg eine weltoffene Kulturstadt sein. Viele der alten Mitstreiter sind demotiviert. Zwar gibt es Lichtblicke und einige gute Ansätze, dem entgegen zu wirken. Einige nichtöffentliche Veranstaltungen nähren den kleinen, feinen Untergrund. Das ist schön und wichtig.

"Aber die Innenstadt steht leer"

An einem Freitagabend ist die Innenstadt tot. Möchte man ausgehen, besonders zu elektronischer Musik, muss man tief in der Szene drin sein, um dazu feiern zu können. Gezielt in die Stadt geht kaum noch jemand. Warum auch.

Verantwortlich dafür sind wir alle. Unsere Politik, unsere eigene Einstellung, unsere Ausgeh- und Vergnügungshaltung.

Noch nicht allzu lange ist es her, da hatten wir in Freiburg eine überschaubare, trotzdem schöne Auswahl an Ausgehmöglichkeiten. Wir konnten die Nächte im Kamikaze verbringen und Dinge erleben, die kein Enkel erfahren sollte. Wir konnten die Tapete im 18 Months mögen oder nicht, oder, noch etwas länger zurück, die After Hour-Partys im Vorgänger F-Club genießen. Wir tranken im White Rabbit einen halben Liter Mate und stießen später auf einen Wodka im KGB an. Manche hatten ihren ersten öffentlichen Auftritt in der KTS oder in der Jackson Pollock Bar.

"Das waren Zeiten, in denen wir in Freiburg sehr privilegiert waren, ohne dass wir es so wahrgenommen haben"


Es waren aber auch wir, die wir erst mit der letzten Bahn oder dem letzten Regiobus in die Stadt kamen. Natürlich schon ordentlich vorgeheizt. Wir betraten die Clubs erst kurz vor Zapfenstreich. Wir haben alle am Eintritt rumgemäkelt. Bei fünf Euro Eintritt forderten wir ein Freigetränk an der Bar. Wir waren es, die sich in dunklen Kellergewölben über die Dunkelheit, über stickige Luft und klebrige Böden beschwerten. Wir waren es auch, die angefangen haben, Netflixpartys mit Spotify-Alleinunterhaltern zu feiern, anstatt auszugehen.

"Mir scheint, als ob wir das Feiern desinfizierten, anstatt die Zeit zu nutzen und dem Alltag zu entfliehen"

Nie haben wir bei uns angesetzt und etwas an uns geändert. Nach jeder Clubpleite oder -schließung haben wir die Schuld auf die Stadtpolitik geschoben. Das ist zu einfach, auch wenn die städtischen Entscheidungen oft abträglich waren für die Entwicklung einer lebendigen Subkultur. Wir haben alle einen Teil des Schuldenpakets mitzutragen.

Inzwischen bin ich 30 Jahre alt geworden. Fast schon erwachsen, würden einige Freunde sagen. Mehr als die Hälfte dieser Zeit habe ich dem Nachtleben und meiner tonkünstlerischen Neigung gewidmet. Unzählige Nächte begleiteten mich durch Schulzeit, Ausbildung, Studium, Vollzeitjob, Wohnortwechsel – und meinen Umzug in die Schweiz. Ich hatte das geilste Doppelleben, das ich mir vorstellen konnte.

Trotzdem habe ich im Spätsommer 2018 beschlossen, mich still und leise aus dem Nachtleben zurück zu ziehen.

Diese Entscheidung fiel mir leichter als gedacht und schwerer als befürchtet. Mein Studio habe ich schon aufgelöst. Mein DJ-Equipment hat über Kleinanzeigen schnell neue Eigentümer gefunden. Meine Plattensammlung habe ich digitalisiert und ausgedünnt. Ausgedünnt habe ich auch meine Gastauftritte. Mein Engagement als Discjockey, Veranstalter und Supporter habe ich auf ein Minimum reduziert. Sozusagen von Hundert auf Null.

Ich habe unsere kleine Parallelwelt, die nach Sonnenuntergang ihre Schlupflöcher öffnet und stets ein vormittägliches Ende findet, geliebt. Wer mich kennt, weiß auch, wie viel Herzblut ich in alle meine Aufgaben und Vorhaben gesteckt habe. Der Wolke aus Club-, Sub-, Techno- und Feierkultur in Freiburg stehe ich inzwischen jedoch so kritisch gegenüber, dass meine Entscheidung steht.

"Ich mache Platz im Freiburger Nachtleben"

Ganz gehen kann ich nicht. Aber ich möchte nicht mehr dauerpräsent sein. "Wir brauche nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben", schreibt Christian Morgenstern. Ich gebe ihm wirklich recht.

Trotzdem freue ich mich auf einen letzten offiziellen Akt als Eloquence in Freiburg. Acoma, der meinen Rückzug schon geahnt hatte, zwang mich hart, aber herzlich zu diesem letzten Auftritt, den es so in absehbarer Zeit nicht mehr geben wird. Mit ihm werden wir alle das feiern, wofür es sich lohnt, nicht schlafen zu gehen. Es kommt wirklich vom Herzen. Wir sehen uns im Drifter’s Club.

"Kommt früh, bleibt lang, geht spät"

Was: Es kommt vom Herzen w/ Eloquence, Acoma
Wann: Freitag, 8. Februar 2019, 23 Uhr
Wo: Drifter’s Club, Schnewlinstr. 7, 79098 Freiburg

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