Gartenstraße: Wie Hausbesetzer mit der Öffentlichkeit umgehen

Dominik Schmidt

Wenn der Postbote zweimal klingelt, dann würden in der Gartenstraße 19 alle aus dem Fenster springen. Die Hausbesetzerszene scheint unter einer gewissen Paranoia zu leiden, die den Medien Berichterstattung unmöglich macht. Gleichzeitig suchen die Besetzer aber die Öffentlichkeit. Ein Kommentar von unserem Mitarbeiter Dominik.



Die Dachrinne leckt, die Tropfen plumpsen in eine Schüssel. Ich spüle im Regenwasser einen Becher ab. "Mineralwasser? Klar, schau dich einfach mal drinnen um, da müsste was sein“, sagt einer der Besetzer. Vielleicht ist das Wasser ja übriggeblieben von der Wohnungsbesichtigung, die angeblich in der Zypresse annonciert war und zu der laut indymedia 40 bis 100 Besichtiger erschienen. Im einstöckigen Gebäude an der Gartenstraße 19 hängen Büroleuchtröhren, noch ein Relikt der Vorbesitzer, einen Stromanschluss gibt es sowieso nicht. Türen wurden ausgebaut, die Heizkörper funktionieren nicht. „Wir hatten die Besetzung ja geplant, gleich zu Beginn haben wir alles, was gebraucht wird, herangeschafft“, sagt ein Besetzer, der sich Arthur nennt. Später wird er sich als Lorenz ausgeben.


Eine Musikanlage, ein paar Sitzmöglichkeiten und eine improvisierte Bar bietet das Innenleben des Hauses. Das Besetzerleben spielt sich an diesem sonnigen Nachmittag allerdings vor dem Haus ab. Ein Lockenkopf blättert in einer alten, vergilbten Illustrierten. Ein anderer kümmert sich um die Sauberkeit und kehrt den kleinen Vorhof. Er hat bunt lackierte Fingernägel. Eine idyllische Stimmung herrscht, man spricht über die Uni und wie man am besten Kaffeesahne zubereitet. Alles könnte so friedlich sein, wäre da nicht eine gewisse Paranoia in der Luft.



Donnerstag, der 22. April, das Telefon in der fudder-Redaktion klingelt. Der Anrufer möchte seinen Namen nicht verraten, nur so viel: es wird eine Besetzung geben. Weitere Details? Natürlich nur persönlich, am Telefon ist das zu gefährlich. Vermutlich kam der Anruf aus einer Telefonzelle, Rückverfolgung zwecklos, das Gespräch dauerte nur wenige Minuten. Vermutlich trug der Anrufer auch einen Schlapphut, eine Kapuze oder einen falschen Bart. Zweck der Informanten ist Selbstdarstellung; für die Medien allerdings ein eher zweckloses Unterfangen. Genaue Angaben zu einer Hausbesetzung wird man nicht bekommen und generell darf man sich als Journalist auf einen eigennützigen Informationsfilter einstellen.



„Fotos hier drinnen gibt es nicht. Du bist doch von der Presse“, erläutert einer der unübersichtlich vielen Zuständigen in der Gartenstraße die Regeln. Zur Sicherheit fragt er aber noch ins Kollektiv. Einige stimmen ihm zu - Entscheidungsprozess beendet. Eigentlich ist hier jeder zuständig und irgendwie auch keiner. Die Basisdemokratie lebt und die Allgemeinheit soll bestimmen. Auf die Frage, wie man reagieren wird, wenn die Polizei räumt, sagt Person A: „Da haben wir eine gemeinsame Vorgehensweise beschlossen“. Person B hat leider davon nichts mitbekommen. „Ich wüsste das jetzt nicht.“

„Kapitalismus überwinden“ steht auf dem Banner, das immerhin die Gartenstraße überwindet. Dann haben wir noch „besetzen, kollektivieren, selber verwalten“ auf einem anderen Banner und in den Flyern darf man sich herumschlagen mit Sätzen wie „Um das Grundbedürfnis Wohnen zu stillen, muss man sich den gegebenen Umständen bedienen, was letztlich zwangsläufig zur Eingliederung in den Kapitalistischen Normalbetrieb fürht (sic!)“.

Liebe linke Hausbesetzerszene! Ich, als Journalist, kann weder mit abgenutzten Plakatsprüchen noch mit aus dem Kapital umgeschriebenen Flyern etwas anfangen. Ich brauche Menschen, die mit mir reden, um zu berichten. Und Berichterstattung wollt ihr doch, oder weshalb wird im Vorfeld einer Besetzung zweimal anonym in der Redaktion angerufen?



„Ich kenne dich doch gar nicht, ich habe null Vertrauen in dich“, schmettert ein Kollektivmitglied die Anfrage ab, ob man als Journalist bei der täglichen Besprechung in der Gartenstraße anwesend sein dürfe. Man habe schlechte Erfahrungen, möchte einerseits Aufmerksamkeit, andererseits nur nicht zuviel verraten. Da es für Presse weder eine Ansprechperson, noch eine Telefonnummer oder wenigstens eine E-Mail-Adresse gibt, wird man auf indymedia verwiesen. Eine Plattform, auf der jeder Text und Fotos veröffentlichen kann. So schön und wichtig ein direktes Sprachrohr in Blogs und offenen Plattformen ist, für redaktionelle Berichterstattung ist es als Quelle unbrauchbar. Sauberer Journalismus braucht ein Gesicht und eine genaue Quellenangabe.

Liebe linke Szene! Wenn ihr Berichterstattung wollt, die auch über das gewöhnliche „Etwa X Leute haben ein Haus in der Straße X besetzt. Offenbar geht es ihnen darum, für mehr günstigen Wohnraum zu demonstrieren“ hinausgeht, dann sagt doch, was Sache ist und spielt kein albernes Räuber-und-Gendarm-Spielchen. Wir sind nicht alle Springer, wir wollen nur unsere Arbeit korrekt machen und interessierten Menschen erklären, was vor sich geht. Dafür brauchen wir mehr als Marxzitate. Eure basisdemokratische Struktur, die ihr innerhalb pflegt, sollte auch nach außen getragen werden. Und wenn daran kein Interesse besteht, dann können wir auch gerne auf Informantentreffen in James-Bond-Manier verzichten.

Danke jedenfalls für das Wasser, das ich in der Gartenstraße trinken durfte. Auf eine bessere Zusammenarbeit in der Zukunft. Prost!




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