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Für diesen 25-Jährigen ist Bestatter kein Beruf, sondern eine Berufung

Julia Stulberg

Wenn er neue Menschen kennenlernt, ziehen diese meist den Hut vor dem 25-jährigen Kevin Knörr. Denn er befasst sich in seinem Job als Bestatter täglich mit Tod und Trauer. Warum es für ihn eine Berufung ist? Weil er gerne Menschen hilft.

Kevin Knörr ist 25 Jahre alt, kommt aus Ehrenkirchen und strahlt Lebensfreude, Ruhe und Gelassenheit aus. Die Arbeit als Bestattungsfachkraft ist für ihn eine Berufung. Er sieht sich als Stütze für die Angehörigen. Als jemanden, der sie bei der Hand nimmt und sie durch die schwere Zeit begleitet. "Egal, wie schlimm und negativ die Situation sein mag, ich kann für die Angehörigen das Beste daraus machen", sagt Kevin Knörr über seine tägliche Motivation. Mit beruhigender und zugleich starker Stimme erzählt er von seinem Leben als Bestatter.

Themenwoche

fudder beschäftigt sich in dieser Woche mit jungen Menschen, die sich beruflich oder ehrenamtlich mit dem Tod befassen. Damit möchte die Redaktion einem Thema, über das selten gesprochen wird, Raum geben. Von Montag bis Freitag stellen wir jeden Tag einen jungen Menschen vor, der auf eine bestimmte Art und Weise mit dem Sterben in Berührung kommt.

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Die Palliativ-Psychologin: Diese 27-jährige Psychologin begleitet Menschen, die bald sterben
Die Hospizarbeiterin: Wieso eine 23-jährige Studentin ehrenamtlich Sterben im Hospiz betreut
Die Fotografin: Eine 34-Jährige fotografiert Sternenkinder, um den Eltern eine Erinnerung zu geben


Sein Traumberuf seit Kindertagen war die Arbeit im Rettungsdienst. Kevin Knörr begann nach der Schule eine Ausbildung zum Rettungsassistenten. In diesen Jahren kam es immer wieder zu Notfällen, in denen er das Leben der Menschen nicht retten konnte. "Und dann geht man einfach und weiß nicht, wie es mit der Person weiter geht", sagt Kevin Knörr. Für ihn war es menschliche Neugier und die Frage was danach passiert, die ihn zu einem Praktikum in einem Bestattungsunternehmen in Bad Krozingen führte.

Das Praktikum beantwortete Kevin nicht nur seine Frage, es führte ihn auch auf einen anderen beruflichen Weg: Kevin begann eine Ausbildung zum Bestatter und arbeitet seit 2017 als Bestattungsfachkraft im Bestattungsinstitut Müller in Freiburg.

Zwischen Emotionen und Professionalität

"Der Alltag eines Bestatters ist völlig flexibel und unterschiedlich", sagt Kevin. Oft kommt er morgens ins Institut und weiß nicht, was auf ihn zu kommt. "Sieht man vielleicht etwas, das einem später am Abend noch zu schaffen macht?" Der tägliche Umgang mit dem Tod sei schwer zu verdauen, sagt Kevin. Das wichtigste an seinem Beruf ist das Reden, denn nur so könne man alles verarbeiten. "Bei der Arbeit reden wir immer viel miteinander." Doch auch im privaten Leben werden seine Erlebnisse zum Thema. Kevin ist dankbar für Kollegen, Familie und Partnerin – denn es wäre sehr schwer, alles Erlebte allein zu verarbeiten.

Am Anfang hat sich Kevin oft dabei ertappt, dass er mit einem gewissen Abstand an die Verstorbenen herangegangen ist. "Es war eher wegen des Schreckmomentes, dass man etwas sieht, was man nicht erwartet." Doch er lernte schnell, wie man professionell damit umgeht. Für Kevin fungiert Professionalität auch als eine Art Schutzmechanismus, der ihm dabei hilft, sich teilweise von dem Erlebten emotional zu distanzieren.

Bei seiner Arbeit geht es nicht nur um Verstorbene

Der Beruf des Bestatters beinhaltet vieles, zum Beispiel den Umgang und die Versorgung des Toten und die Planung der Trauerfeiern. Doch das wichtigste daran sind die Hinterbliebenen. "In den Gesprächen mit den Angehörigen sind wir auf jeden Fall Seelsorger", sagt Kevin. Jeder Mensch geht anders mit dem Thema Tod und Trauer um – das erlebt Kevin jeden Tag. Einige Angehörigen wollen ihre Ruhe, wohingegen andere ein offenes Ohr und eine Stütze suchen. "Die Menschen haben einfach Angst, dass sie irgendwas vergessen. Es ist wichtig, dass man sie ein bisschen an der Hand nimmt und den Weg mit ihnen gemeinsam geht."
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Tod und Religion sind Themen, die auch bei der Arbeit als Bestatter kaum zu trennen sind. Kevin ist in einem katholischen Umfeld aufgewachsen, dies hat ihn geprägt. In seinem täglichen Leben stößt er jedoch oft an Grenzen: Was er erlebe sei nicht immer mit seinem Glauben zu vereinen. "Ich hoffe, dass es irgendwas danach gibt, denn in Grenzsituationen ist man ratlos". Der Glaube ist für viele Angehörigen eine große Stütze. "Allein weil es so vielen hilft, bin ich froh, dass es so etwas wie einen Glauben gibt. An so einem Punkt, fängt oft selbst der Ungläubigste an zu beten."

Der Umgang mit dem Tod

"Man möchte an seinen eigenen Tod nicht wirklich denken. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich nicht wissen wollen, wie ich sterbe. Jedoch habe ich mir schon darüber Gedanken gemacht, wie die Beerdigung ablaufen soll", sagt er. Für Kevin ist es sehr wichtig, dass das Verhältnis zu Tod und Trauer positiver wird. In der Öffentlichkeit sei es nach wie vor ein verschwiegenes Thema. "Aber es ist der Lauf des Lebens", sagt er.

Das Schönste an dem Beruf des Bestatters ist, da ist sich Kevin sicher, dass man den Angehörigen beiseite steht und ihnen hilft. Wenn ein wenig Zeit vergangen ist und sich die Aufregung gelegt hat, kommen viele Angehörige zurück zu Kevin – um sich zu bedanken. "Wenn das passiert und die Angehörigen glücklich sind, kann ich sagen, dass es ein guter Tag war."

"Ich bin definitiv positiver geworden." Kevin Knörr
Als Bestatter sehe man tagtäglich, wie schnell das Leben vorbei sein kann. Deshalb legt Kevin jedem Menschen, den er trifft ans Herz, dass man das Leben schätzen und nutzen solle. Sein Job hat ihn nur noch positiver gemacht. "Mein Whatsappstatus sagt schon alles: Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter." Mehr zum Thema: