Fünf Freiburger Plattensammler erzählen die Geschichten ihrer Schallplatten

Gina Kutkat & Florian Forsbach

Fünf Freiburger Musikfans, die alle als DJ tätig sind, haben Fudder zu sich nach Hause eingeladen und ihre Plattensammlung gezeigt. Im Gespräch verraten sie, wie sie zum Sammeln kamen, wie ihre Platten sortiert sind und warum sie Vinyl im digitalen Zeitalter so sehr lieben.



Nicolas Rogoll, 25, Student und DJ (Michael Ellis)

Mit dem Auflegen kam für mich die Schallplatte. Ein Freund hatte einen Plattenspieler mit Pitch, also Geschwindigkeitsregelung, bekommen. Neugierig, wie DJs zwei Lieder mischen, haben wir uns bei Flight13 mit Vinyl eingedeckt und einfach mal ausprobiert. Deswegen ist das Auflegen für mich untrennbar mit Schallplatten verbunden. Ich hab’s nicht anders gelernt, so macht es mir am meisten Spaß.

Beim Auflegen im Club weiß ich genau, was ich tun muss und kann. Digitales Auflegen und vor allem die Laptop-Controller mit Dutzenden Knöpfen bedeuten für mich eine größere Anfälligkeit für Fehler. Vinyl-Käufe verbinde ich meist mit einem Erlebnis im Plattenladen oder der Suche nach einer bestimmten Scheibe.

Der Moment, in dem ich eine Platte finde, der ich ewig hinterhergerannt bin,  ist etwas ganz Besonderes. Die Suche nach MP3-Dateien ist indes meist nach ein, zwei Anfragen bei Google beendet. Ich stehe lieber im Plattenladen und drehe die Scheibe ein ums andere Mal herum, höre sie immer wieder an und überlege mir, ob ich mein Geld dafür ausgeben will. Zwar bieten MP3s die Chance, mehr Musik zu konsumieren –  aber dieser Konsum überdeckt für mich die Exklusivität. Ohne die verliere ich den Durchblick.

Verkäufer in Plattenläden wie beispielsweise Stewart Upchurch von „A-1 Record Store“ in New York können da wertvolle Tipps geben. Ich muss ihm nur meine Lieblingsplatten nennen, und er zeigt mir welche, von denen ich noch nie etwas gehört habe, die aber genau den Sound haben, den ich suche. Sowas gibt’s nur im Plattenladen.



Maria Kochs, 23, Studentin und Djane

Mit dem Sammeln habe ich Anfang 2013 begonnen. Mein erster Einkauf bestand aus fünf Platten. Die Liebste davon, die ich immer noch gerne spiele, ist „Programm EP“ von Dax J und Chris Stanford auf EarToGround. Damals war ich neu nach Berlin gezogen und wurde mir über die Ausmaße des Nachtlebens und die unterschiedlichen Arten des Auflegens bewusst. Einmal wurde ich spontan auf eine private Party in einen Plattenladen mitgenommen. Dort habe ich zum ersten Mal wahrgenommen, was für eine Kunst und Liebe hinter dem Auflegen von  Vinyl steckt.

So direkt hatte ich noch nie einem DJ auf die Finger geschaut. Außerdem konnte ich bei dieser Gelegenheit auch das erste Mal in einem Plattenladen stöbern und war total überfordert mit dem Angebot und den fremden Namen. Mein Interesse war aber auf jeden Fall geweckt. Ein paar Wochen später hatte sich ein Freund zwei Plattenspieler und einen Mixer gekauft und sie mir stolz präsentiert. Als ich bei ihm versuchen durfte, die eine in die andere Platte zu mixen, war ich sofort total verliebt und machte mich auf die Suche nach zwei Turntables.

Das schöne an Vinyl ist für mich, dass dieses Format der Musik einen angemessenen Wert gibt. Digitale Musik ist das musikalische Gegenstück zu Fast Food. Man kann sie sich innerhalb weniger Sekunden im Internet kaufen oder umsonst downloaden. Ich finde, das wird einem Stück, über das sich meist mehrere Menschen lange Zeit Gedanken gemacht haben, nicht gerecht. Bei Vinyl ist das  anders. Man hört sich die Platte mehrmals an, bevor man sie  kauft und sortiert im Laden aus den zehn scheiben, die man schon ganz gut findet, die fünf besten heraus. Dadurch geht man am Ende mit einer kleinen, aber sehr genau ausgewählten Zusammenstellung nach Hause.

Mir gefallen außerdem die ganzen Geräusche, die  beim Aufsetzen der Nadel entstehen oder am Ende der Platte, wenn der Track ausgespielt ist. Dadurch bekommt die Musik noch mal einen ganz eigenen Charakter.



Jonas Klingberg, 20, Industriekaufmann und DJ (Strangers)

Ich habe erst vor anderthalb Jahren mit dem Plattensammeln angefangen. Damals gab es die „Travelguide” von Cleveland nicht digital, also musste ich sie mir auf Vinyl kaufen. Als ich  abends gelangweilt in  einem Hotelzimmer lag, habe ich mir noch einen Plattenspieler bestellt. Seit ich  ein bisschen mehr Geld verdiene, kaufe ich mir im Monat viele Platten. 200 Euro gebe ich durchschnittlich für Vinyl aus –  wenn ich in Berlin oder Frankfurt in einem Plattenladen bin, kann es schon mal mehr werden.

Der OYE-Recordshop in Berlin ist mein Lieblingsladen. Dort kann es auch schnell mal passieren, dass ich in kürzester Zeit einen Haufen Geld los werde und mit einem großen Stapel Platten den Laden verlasse. Ansonsten gucke ich bei deejay.de oder discogs.com nach Platten –  auch an Second-Hand-Scheiben versuche ich mich immer wieder, habe da aber noch keine großen Schätze ausgegraben.

Düsterer Techno und der housigere Kram halten sich bei mir die Waage, allerdings kam  in letzter Zeit mehr Düsteres zusammen. Meine Platten habe ich grob nach Genre und im Genre selbst ungefähr nach Label geordnet. Zwischendrin sind dann so Leute wie der Produzent Florian Kupfer, von dem ich sehr viele Platten besitze –  die stehen dann auch alle beisammen. Mein Lieblingslabel ist L.I.E.S. (Long Island Electrical System) davon habe ich zusammen mit dem Sublabel etwa 20 Platten, und das beschreibt auch den Sound ganz gut.



David Hillmann, 36, macht derzeit eine Umschulung und arbeitet als DJ

Die Schallplatte war das erste Medium, das ich mit Musik verbunden habe. Ich saß schon als kleiner Junge bei meinen Eltern im Wohnzimmer und habe mich durch Papas Platten gehört. Es war also für mich nur natürlich, dass ich als Teenager Platten und keine CDs gekauft habe. Meine erste selbst gekaufte Platte war von den Gipsy Kings.

Wie viele ich heute besitze, weiß ich gar nicht. Sie sind auch nicht geordnet, was ganz hilfreich ist, wenn ich für einen Gig meine Plattentasche packe – so entdecke ich immer wieder Neues. Meine Platten kaufe ich online bei decks.de oder im Plattenladen Maikäfer in Freiburg. Es kann schon mal sein, dass ich dort drei Stunden auf dem Boden knie und nach alten Houseplatten suche. Und wenn ich in anderen Städten bin, suche ich dort sofort den Vinyl-Store auf.

Ich würde nie eine meiner Platten verkaufen. Und wenn ich mal eine verschenke, ordere ich sie sofort nach. Kein Geld zu haben, ist für mich das Schlimmste, weil ich dann keine Platten kaufen kann. Ich habe sogar mal aufgehört zu rauchen, weil ich die 5 Euro damals lieber für eine Maxi ausgegeben habe.

Ich habe erst viele Jahre Platten gesammelt und bin dann DJ geworden. Wenn ich mich fürs Auflegen vorbereite, dauert das sechs Mal so lange wie das eigentliche Set. Ich höre mich  durch die Platten durch und verliere mich in der Musik und in Erinnerungen – zu jeder Platte gibt es eine bestimmte Geschichte. Meine Tasche ist immer so gepackt, dass ich zu jeder Zeit auflegen kann, also als Warm-Up oder zur Peak-Time. Die Bandbreite ist einfach sehr groß. Der Nachteil von so vielen Platten: Umziehen macht wirklich keinen Spaß. Ich frage jedes Mal andere Freunde, ob sie mir beim Schleppen helfen.



Andreas Schöler, 30, freischaffender Geschmackskünstler und DJ (Chill Thunder)

Ich sammle Platten seit 2012. Die erste Scheibe war eine Whitelabel „Bill Withers  – Who Is He (Henrik Schwarz Remix)“. Den Track hatte ich mal in einem Set von Sven Väth gehört und wollte ihn unbedingt haben. Nach längerer Suche blieb nur die Erkenntnis, dass man diesen Track eben nur auf Vinyl bekommt. So war’s geschehen.

Lieblingsplatten habe ich selbstverständlich einige –  je nach Stimmung und Tages- oder Nachtzeit –  im Moment zählt „Round – Glass / Float (Hivern Discs)“ zu meinen Favoriten. Zum Sammeln kam ich schließlich aus  mehreren Gründen: Zum einen war da die Erkenntnis, 15 Jahre lang Musik konsumiert zu haben, ohne dass ich tatsächlich Geld dafür ausgegeben hätte –  genauso absurd wie die Unordnung von 50 000 MP3s auf einer Festplatte. Eine Vinylsammlung ist da deutlich aufgeräumter. Zum anderen sehen Schallplatten im Regal ganz nett aus.

Immer dabei habe ich, spiele sie aber  sehr selten in Freiburg: „Paranoid London Featuring Paris Brightledge –  Paris Dub 1.“ In Ermangelung von Plattenläden mit elektonisch-lastigem Sortiment in Freiburg  kaufe ich zu 90 Prozent online. Die restlichen zehn Prozent kommen auf Städtereisen quer durch Europa zusammen. Ich versuche in jeder größeren Stadt mindestens einen Plattenladen zu  besuchen. Letzter Stop war Phonica Records London.



Hier gibt's Vinyl:

Flight13, Freiburg
Gitarrenmusik in all ihren Facetten – Punk, Hardcore, Emo, Noise und Indie gibt’s bei Flight13, einem der bestsortiertesten Mailorder Deutschlands. Im Laden gibt’s hervorragende Beratung. Stühlingerstraße 15

Plattfon, Basel
Der englische Guardian lobte den Store Plattfon in Kleinbasel 2014 als einen der zehn besten Plattenläden Europas. Hier gibt’s Elektronisches: Dubstep, Bassmusic, Breakcore, Minimal und Artverwandtes.   Feldbergstraße 48

Elch Records, Basel
„Organic Grooves. Die Welt.“ – so beschreibt der 2014 eröffnete Plattenladen Elch Recordssein Programm. Was das heißt? Funk, Reggae, Hiphop, Afro Beat und ein bisschen Rock. Oetlingerstraße 146

Discogs
Discogs ist zugleich das größte Online-Verzeichnis quasi aller jemals veröffentlichter Tonträger und Handelsplatz für ebendiese. Unverzichtbar! 

Hardwax
Der Online-Fachhändler für elektronische Musik ist ganz klar Hardwax– hier gibt’s auch eher obskure Stilrichtungen wie Ambient und Outsider House.

Mehr dazu:

[Fotos: Florian Forsbach]