Ran ans Buch!

fudders Sommer-Lesetipps: 10 Bücher, die Du lesen willst

fudder-Redaktion

Herausfordernd, wehmütig, historisch, aufwühlend: Das Team von Fudder.de empfiehlt den besten Lesestoff für die Sommerferien.

Bewegende Geschichten


Gina Kutkat: Manches Buch muss man erstmal zur Seite legen, weil man es sich für die Ferien aufspart. Dann liest man hinein und mag es schon nach den ersten Seiten. "Heimkehren" von Yaa Gyasi ist so ein Buch: Es beginnt schon spannend im Ghana des 18. Jahrhunderts – und hört nicht auf wunderbar zu sein bis zur letzten Seite. Die Autorin, 1989 in Ghana geboren und im Süden der USA aufgewachsen, erzählt die Geschichte der beiden Schwestern Effia und Esi, die sich nie kennenlernen, da ihre Leben komplett anders verlaufen. Effia heiratet einen Engländer, der mit Sklaven handelt. Und Esi wird als Sklavin nach Amerika verkauft. Gyasi erzählt nicht nur ihre bewegenden Geschichten, sondern begleitet auch ihre Nachkommen bis in die Gegenwart. Das Lesen wühlt auf, gibt Hoffnung und wirft Fragen auf: Wo gehöre ich hin, was hat meine Geschichte mit mir zu tun und wohin kehre ich heim?
Yaa Gyasi: Heimkehren. Roman. Aus dem Englischen von Anette Grube, Dumont Buchverlag, Köln 2017. 416 Seiten, 12 Euro (Taschenbuch), 8,99 Euro (E-Book).

Keine Erklärung


Anika Maldacker: Leïla Slimanis Debütroman "Dann schlaf auch du" trifft Mitglieder der Generation Y ins Mark, weil darin zwei Glaubenssätze dieser Generation zerstört werden. Einerseits der Glaube daran, dass dieser Generation alle Möglichkeiten grenzenlos offen stehen. Andererseits die Überzeugung, dass es auf jedes "Warum" eine Antwort gebe. Denn Miriam und Paul, das junge Protagonisten-Paar aus Slimanis Werk, sind jung, ambitioniert und der Überzeugung, durch viel Arbeit, Aufmerksamkeit und Mühe so gut wie alles meistern zu können. Sie sind jung Eltern geworden und als die Juristin Miriam wieder arbeiten möchte, finden sie die scheinbar perfekte Tagesmutter. Eine Nanny aus einer anderen Generation und Lebenswirklichkeit, die ihre perfekte Fassade bis zum Ende aufrechterhält und die selbst Miriam und Paul in ihrer scheinbaren Makellosigkeit bald unheimlich wird. Als die Katastrophe passiert, liefern weder die Tagesmutter Louise noch die Autorin Slimani eine Antwort auf das "Warum".
Leïla Slimani: Dann schlaf auch du. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Btb, München, 2018. 224 Seiten. 10 Euro (Taschenbuch), 9,99 Euro (E-Book).

Erzählte Rap-Historie


Laura Wolfert: "Ich weiß noch, wie das alles begann Dicka", rappt Sido mit Kool Savas im Track "Royal Bunker". Doch deutschen Rap gab es schon lange vor ihnen. Wie alles wirklich begann, steht in "Könnt ihr uns hören?" – für viele das erste literarische Standardwerk der deutschen Rap-Szene. Die Oral History ist eine Geschichte, die sich mit der Befragung lebender Zeugen befasst. So ist das Buch aus Gesprächen mit mehr als 100 Rappern, Journalisten und Musikern zusammengestellt. Savas, Sido, Casper, Trettmann, Salwa Houmsi und viele mehr beschreiben, wie die deutsche Sprache cool wurde. Von 1983 bis 2019: "Könnt ihr uns hören" ist die Bibel aller Bratans und Bratinas. Und Pflichtlektüre für alle, die nicht wissen, was das bedeutet.
Davide Bortot, Jan Wehn: Könnt ihr uns hören? Eine Oral History des deutschen Rap. Ullstein fünf Verlag,Berlin, 2019. 463 Seiten. 20 Euro (gebunden), 19,99 Euro (E-Book).

Die Liebe und der Tod


Stefan Mertlik: Als Lena mit ihrem Freund und seinem kleinen Sohn Kurt in ein Haus nach Brandenburg zieht, ist das Glück der jungen Patchwork-Familie perfekt. Bis Autorin Sarah Kuttner die Harmonie mit einem schrecklichen Unfall zerstört. Kurt stirbt und lässt zwei Erwachsene zurück, deren Trauerprozess niemals ganz abgeschlossen ist. "Es fühlt sich an, als würden deine Gefühle immer gewinnen", wirft Lena ihrem Freund vor. Das Gesagte tut ihr sofort leid. Doch welche Rolle darf sie in einer Situation spielen, in der es nicht um ihren eigenen Sohn geht? Sie muss trösten, benötigt aber selbst Trost, nach dem sie nicht verlangen will. "Kurt" beschreibt eine unerträgliche Tristesse, die der Leser zusammen mit den Figuren langsam überwindet.
Sarah Kuttner: Kurt. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2019. 240 Seiten. 20 Euro (gebunden), 16,99 Euro (E-Book).

Auf den Punkt


Anna Lob: Wenn man sich zum ersten Mal verliebt, ist das sehr komisch. Man weiß nicht genau, was gerade mit einem passiert und wie man diese neuen Gefühle einordnen, geschweige denn darüber sprechen soll. Genau dieses Empfinden fängt Sally Rooney in ihrem Roman "Normal People" sehr präzise ein. In der Schule entwickeln die Außenseiterin Marianne und der allseits beliebte Connell Gefühle füreinander. Was nach einer schon tausendfach existierenden Liebesgeschichte klingt, entwickelt während der Studienzeit der Protagonistinnen und Protagonisten eine außergewöhnliche Dynamik. Die beiden Hauptcharaktere sind komplex und überraschen ihre Leserinnen und Leser immer wieder. Sally Rooney bringt das Lebensgefühl und die Überforderung, die man mit Anfang 20 erlebt, auf den Punkt. Sie gehört derzeit zu den erfolgreichsten jungen Autorinnen der britischen Inseln.
Sally Rooney: Normal People. Roman. Faber & Faber, London, 2019. 304 Seiten. 10,50 Euro (Taschenbuch), 8,99 Euro (E-Book).

Der Sommer des Lebens


Katharina Federl: Hat diesen Wunsch nicht jeder von uns mal? Vor den Alltagsproblemen zu flüchten, an einen Ort zurückzukehren, an dem alles noch ganz einfach war? Frieder, Höppner, Vera und Cäcilia, eine Gruppe siebzehn- und achtzehnjähriger Oberstufenschüler, erschaffen diesen Ort: das Auerhaus. Ein alter Bauernhof wird zum Ort der ewigen Gespräche, unbeschwerten Nächte und vor allem – des Erwachsenwerdens. Bov Bjerg versetzt uns mit seiner unkonventionellen Erzählweise in eine Zeit, die viel zu schnell vergeht – oder um es mit Frieders Worten auszudrücken: "Du hast die Augen zu und treibst auf deiner Luftmatratze, ein sanfter Wind weht, und du denkst, geil, jetzt lebe ich für den Rest meines Lebens hier in dieser Lagune, in der Südsee. Und dann machst du die Augen auf und merkst, es ist bloß ein Nachmittag am Baggersee, und zack ist der auch schon vorbei." Und so geht es einem auch: In Gedanken mitten im Sommer seines Lebens, mit der Stimme von Madness im Ohr "Our House in the middle of the street..."
Bov Bjerg: Auerhaus. Roman. Aufbau Taschenbuch, Berlin, 2015. 240 Seiten. 10 Euro (Taschenbuch), 7,99 Euro (E-Book).

Knallharte Fakten


Jana Luck:
Dieses Buch ist nicht nur für dich. Ja, auch für dich. Lies es, lerne, grinse, schüttele den Kopf, staune. Genieße Liv Strömquists Zeichnungen, ihren Witz und, dass Du wie nebenbei knallharte wissenschaftliche, historische und kulturgeschichtliche Fakten dargereicht bekommst. Es geht um: die Vulva. Es ist: das wohl lesenswerteste Buch, das je über sie geschrieben und gezeichnet wurde. Die studierte Politikwissenschaftlerin Strömquist erzählt in sieben Episoden unter anderem von Unterdrückung und Pathologisierung weiblicher Sexualität oder warum wir so oft Vagina sagen, wenn wir eigentlich die Vulva meinen. Wenn du diese Graphic Novel durchgeblättert hast, dann verschenk es weiter oder platziere es so in deinem Bücherregal, dass alle deine Gäste darauf aufmerksam werden – dieses Buch können gar nicht genug Leute lesen.
Liv Strömquist: Der Ursprung der Welt. Graphic Novel. Aus dem Schwedischen von Katharina Erben. Avant-Verlag, Berlin, 2017. 140 Seiten. 19,95 Euro (Softcover).

Beziehungsanbahnungsjodel


Frank Ohloff: "Ich (m) hab mich in einen Kumpel verliebt und jetzt liegt er in Boxershorts neben mir im Bett." So beginnt der anonyme Jodel, der vor anderthalb Jahren in Frankfurt und bald darauf auch deutschlandweit für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Hunderte von Kommentaren gaben dem hoffnungslos Verliebten Ratschläge und er fütterte die Community dafür in Echtzeit mit Updates, wie die weiteren Treffen mit seinem Schwarm abliefen. Nun hat der Student einen Roman herausgebracht, in dem er Einblick in seine Gefühlswelt zu dieser Zeit gibt und mit Kommentar-Ausschnitten veranschaulicht, wie ihm die Jodel-Community dabei half, seinem Schwarm näherzukommen. Er beschreibt authentisch, wie er mit der ständigen Angst, nicht nur wegen seiner Zuneigung, sondern auch wegen seines Schwulseins von seinem Kumpel abgewiesen zu werden, zu kämpfen hatte. Jeder Homosexuelle, aber sicher auch jeder Hetero, kann sich mit dieser Situation identifizieren. Der Autor trifft mit seinen aufmerksamen und oft lustigen Beobachtungen über den Unterschied zwischen Hetero- und Homo-Dating und seiner Angst vor Homophobie jedes Mal den Nagel auf den Kopf. Eine kurze Liebesgeschichte mitten aus dem Leben.
OJ & ER: #ichwillihnberühren. Ach je Verlag, Berlin, 2019. 172 Seiten. 9,99 Euro (Taschenbuch), 6,99 Euro (E-Book).

Realität und Träume


Jule Markwald: Eine Collegestudentin in einer kalifornischen Kleinstadt schläft eines Abends nach dem Feiern einfach ein und wacht nicht mehr auf. Wenige Tage später fällt die nächste Studentin in einen tiefen Schlaf, dann der Nächste und Übernächste. Immer mehr Menschen im College und der nahegelegenen Stadt schlafen ein, aber Gehirnstrommessungen zeigen bei ihnen mehr Aktivität als je zuvor bei einem Menschen gemessen wurde. "Die Träumenden" ist ein Buch, das man in einem Rutsch durchlesen will, sich aber konstant zwingt langsam zu lesen, damit man länger etwas von der wunderschönen Sprache und den virtuos gezeichneten Charakteren hat. Ein wirklich großartiges, weises Buch über Realität und Träume und die Frage, ob der Unterschied eigentlich überhaupt wichtig ist.
Karen Thompson Walker: Die Träumenden. Roman. Aus dem Amerikanischen von Urban Hofstetter. Harper Collins, 2019. 336 Seiten. 13 Euro (broschiert), 10 Euro (E-Book).

Leben und Lieben in San Francisco


Carolin Buchheim: Armisteads Maupins Geschichten über die Abenteuer der Bewohner des Haus Nummer 28 in der Barbary Lane in San Francisco erschienen Ende der 70er Jahre zunächst als Serienroman im San Francisco Chronicle. Die Stadt als ein Netz aus Affären, Geheimnissen und Freundschaften – das war ein Hit. Kein Wunder, denn Maupin zeichnet seine Charaktere liebevoll und beschreibt entlarvend, aber nie von oben herab die jeweiligen Marotten und Trends der Generationen. In fast 40 Jahren kamen insgesamt neun Bände über das Leben und Lieben von Michael "Mouse" Tolliver, Mary Ann Singleton und Anna Madrigral zusammen – von den wilden 70ern bis mitten hinein in die durchgentrifizierten 2010er. Jetzt hat Netflix aus den letzten Bänden eine neue Serie gemacht – die versteht man aber nur so richtig gut, wenn man die Bücher auch kennt. Und überhaupt sollte man die Bücher kennen, denn sie sind nicht nur unterhaltsam und wunderbar:An der unaufgeregten Selbstverständlichkeit, mit der Maupin Lebensrealitäten von LGBTQI* schildert, mangelt es in Literatur und Gesellschaft noch immer.
Armistead Maupin: Stadtgeschichten. Roman. Aus dem Amerikanischen von Heinz Vrchota. Ro Ro Ro, 2005. 400 Seiten. 11 Euro (Taschenbuch), 9,99 Euro (E-Book).

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