fudders Kurz-Kritik zum neuen Lärmkonzept der Stadt

Carolin Buchheim & Manuel Lorenz

Längere Sperrzeiten, Nachtbusse weg vom Bert und eine Nachtöffnung des Hauptbahnhofs - das sind drei der Vorschläge, die die Stadtverwaltung am Montag gemacht hat, um das Lärmproblem in der Innenstadt unter Kontrolle zu bringen. Alle Lösungsansätze in der fudder-Kritik:



Eins vorneweg: Oberbürgermeister Dieter Salomon, Erster Bürgermeister Otto Neideck und Walter Rubsamen, Leiter des Amts für Öffentliche Ordnung, wurden nicht müde, zu betonen, dass es keine perfekte Lösung für das Lärmproblem in der Freiburger Innenstadt geben könne und werde.


"Das Problem ist so unerfreulich wie im Kern nicht lösbar", sagte etwa OB Salomon. "In der Innenstadt treffen nicht böse Menschen auf gute Menschen, sondern Menschen aufeinander, die die Innenstadt unterschiedlich nutzen." Erster Bürgermeister Otto Neideck will das neue Konzept nicht als Allheilmittel verstanden sehen, sondern als eine Vielzahl kleiner Schritte. Deren Ziel: "Das Bedürfnis der Innenstadtbewohner auf Ruhe und das Bedürfnis der Innenstadtbesucher nach Vergnügen in die Waage zu bringen."

In einem sind sich Salomon, Neideck und Rubsamen einig: Die Problemlage sei nicht grundsätzlich zu beseitigen, sondern nur zu mildern.

Die Vorschläge der Stadt

*Zonierung der Innenstadt und Sperrzeitverlängerung*

Der Plan: Die Freiburger Innenstadt könnte nach Durchführung eines Lärmgutachtens in Zonen aufgeteilt werden - in Bereiche mit besonders viel Gastronomie und solche mit besonders viel Wohnbevölkerung.

Für die Nachtgastronomie in den unterschiedlichen Zonen könnten dann unterschiedliche Sperrzeiten gelten. So könnte zum Beispiel das Bermudadreieck zu einer Zone bestimmt werden, in der Clubs länger auf hätten als an Oberlinden.

Generell sieht die Stadt eine Sperrzeitverlängerung als gute Möglichkeit, das Lärmproblem in den Griff zu bekommen. Aktuell beginnt die Sperrzeit unter der Woche um 3 Uhr, am Wochenende um 5 Uhr. Eine neue Sperrzeit könnte unter der Woche um 2 Uhr, am Wochenende um 3 Uhr beginnen.

Unsere Meinung: Im ersten Moment klingt es gar nicht schlecht: Gucken, wo's laut ist, und dementsprechend die Stadt in Zonen einteilen. Eine Zonierung könnte unsere Einschätzung nach allerdings eine Benachteiligung von Clubs und Bards außerhalb der Krawallzone Bermudadreiecke mit sich bringen - und könnte somit besonders Traditionsläden wie das El.Pi (in der Schiffstraße), das Café Atlantik (am Schwabentorring) und das ehemalige Kamikaze (an Oberlinden) besonders hart treffen. Genau die sind aber Läden die einen besonders wichtigen Beitrag zur Freiburger Sub- und Partykultur leisten oder diese durch ihre Andersartigkeit so vielfältig machen.

Auch die Sperrzeitverlängerung klingt erst ganz gut - alle müssen früher raus, also ist es früher ruhig. Dass das nicht stimmt, ist jedem klar, der unter der Woche schon mal um 3 Uhr zum Ladenschluß in einer Freiburger Bar war. Denn dann gehen alle Gäste gemeinsam vor die Tür, und diskutieren lautstark, wo jetzt noch was offen ist. Die Argumentation von "Pro Nachtleben", dass eine vollständige Öffnung der Sperrzeit eher zu Entzerrung und Selbstregulation führt, erscheint da gar nicht mal so abwegig.


*Abfahrt der Nachtbusse am Hauptbahnhof oder Siegesdenkmal*


Der Plan: Aktuell fahren die Nachtbusse in den Wochenendnächten stündlich ab dem Bertoldsbrunnen - deswegen treffen dort zwangsläufig viele Menschen auf dem Heimweg aufeinander. Aufgrund von Bauarbeiten am Bertoldsbrunnen werden die Haltestellen von Mai bis September zeitweilig an den Hauptbahnhof verlegt. Falls sich dadurch weniger Lärmbelästigung ergeben sollte, könnte der neue Abfahrtspunkt beibehalten werden. Alternativ könnten die Busse auch am Siegesdenkmal abfahren.

Unsere Meinung: Das klingt sinnvoll. Fraglich ist nur: Was sagen die Anwohner in der Eisenbahnstraße dazu - oder haben die alle Schallschutzfenster?


*Nachtöffnung des Hauptbahnhofs*


Der Plan: Weil viele Club- und Partybesucher nach durchfeierten Nächten auf den ersten Zug nach Hause waren, könnte die Altstadt nach Ansicht der Stadtverwaltung entlastet werden, indem der Hauptbahnhof rund um die Uhr zugänglich sein könnte. Das wird unter anderem in Heidelberg und Karlsruhe so gemacht. Ein Bahnhofsöffnung würde bedeuten, dass die Bundespolizei das Gebäude sichern müsste.

Unsere Meinung: Finden wir ebenfalls sinnvoll. Bahnhofsnahe Locations würden sich darüber freuen: Crash, Jazzhaus, Baltino, vor allem aber der Klangraum. Vielleicht wird letzterer dadurch ja zu DER Afterhour-Location? Kein Wunder allerdings, dass die Deutsche Bahn sich noch sträubt: da Dienst schieben müssen? Kein leichter Job.

*Der Augustinerplatz*

Der Plan: Die Polizei soll mehr Präsenz auf dem Platz zeigen und stärker einschreiten - obwohl dafür nach Angaben der Polizei aufgrund von Personalmangel nicht ausreichend Beamte vorhanden sind. Schwerpunktaktionen von Polizei und Stadt zu Beginn der Saison sollen Platzbesucher für die Bedürfnisse der Anwohner sensibilisieren. Außerdem plant die Stadt, gegen den illegalen Verkauf von Alkohol am Platz (Hey Pischko!) vorzugehen. Auch ein Verbot des sogenannten "Gassenschanks", dem Verkauf von Alkohol zum Mitnehmen in den Kneipen in Platznähe, ist denkbar. 

Unsere Meinung: Der Augustinerplatz ist ein unlösbares Problem - und das scheint auch die Stadt verstanden zu haben, denn "Schwerpunktaktionen" erscheinen wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

Wenn mehrere hundert Menschen auf dem Platz sitzen und sich in Zimmerlautstärke unterhalten, dann ist es in der Gesamtwirkung trotzdem megalaut. Hier trifft mediterranes nächtliches Draußensitzen-und-das-Leben-genießen auf die zu respektierenden Schlafbedürfnisse langjähriger Anwohner.

Eins ist klar: Es ist wichtig, dass der Platz so genutzt werden kann, wie die Freiburgerinnen und Freiburger ihn gerne nutzen: zum Beisammensitzen und das Leben genießen, auch nach Einbruch der Dunkelheit und ohne die Pflicht, bei irgendwem dafür etwas zu bezahlen.

Was tun? Wir finden, hier müssen die Platznutzer tätig werden: Auf die Säule der Toleranz gucken, den Müll mitnehmen, die Scheißinstrumente zuhause lassen (Niemand will Deine Trommel hören, wirklich niemand!) und irgendwann auch nachhause gehen.

Zu Pischko: Lasst den Mann sein Bier verkaufen. Und fordert die Gaststätten ruhig auf, nach Mitternacht den Rausverkauf einzustellen.

*Vorschläge, die die Stadt für zur Zeit nicht durchsetzbar oder nicht sinnvoll hält:

  • Flächenbezogene Alkoholverbote - weil es keine politischen Support aus dem Land gibt;
  • Kommunaler Ordnungsdienst - weil es keine Ratsmehrheit gibt; und
  • Verlängerung der Fahrzeiten des ÖPNV - weil es zu teuer sei, und "man Leute auch reinfährt, wenn man welche rausfährt".

Unsere Meinung:
Yup, yup - und nein. Man könnte versuchsweise die Frequenz der Nachtbusse auf zweimal pro Stunde erhöhen - und danch auswerten, ob und wie sich die Lärmsituation verändert hat - und ob diese Veränderung im Verhältnis zu den Kosten steht.

Wie geht's weiter?

Am Donnerstag, 14. November 2013, 20 Uhr, findet im Artik eine Podiumsdiskussion der Jusos zum Thema statt, bei der Vertreterinnen und Verterter des "Lokalverein Innenstadt Freiburg", "Pro Nachtleben" und dem "ArTik" auf dem Podium sitzen.

In der Gemeinderatssitzung am 26. November 2013 sollen die Pläne der Stadt und das weitere Vorgehen diskutiert werden. Im Frühjahr könnten möglicherweise die Lärmgutachten durchgeführt werden, die als Grundlage für die Innenstadtzonierung dienen könnten.

Video-Statements zum Lärmkonzept









Mehr dazu:

[Bild: Michael Bamberger]