fudders Jahresrückblick 2014: fudder-Autorinnen und -Autoren beschreiben ihr ganz persönliches fudder-Highlight

fudder-Redaktion

In einem Jahr passiert viel. Man erfährt von geheimen Sex-Parties, wird Weltmeister, trifft Joachim Gauck, trifft Junkies im Stühlinger Kirchpark, filmt Skeptiker die Überdosen Globuli nehmen. Zehn fudder-Autorinnen und -Autoren haben die Geschichten aufgeschrieben, die sie aus dem Jahr 2014 nicht vergessen werden:

Marius Buhl: Eine Begegnung mit Joachim Gauck



Ein Bundespräsident muss winken können, sonst taugt er nicht. Joachim Gauck, das hat er mir im Januar bewiesen, ist ein guter Bundespräsident. Der Hunger rumorte in meinem Bauch, doch der Blick aus dem Küchenfenster war weit wichtiger als die schmorenden Pfannkuchen in der Pfanne. Denn in meinem Hinterhof hatte jemand eine schwarze Edelkarre geparkt. Kennzeichen: 01.


Es dauerte nicht lange und auf dem Bildschirm meines gezückten Smartphones tauchte eine kleine, schwarzgekleidete Figur auf. Der Principe höchstselbst trippelte da nun hinter seinen Hünen her; in der eher an Rakka als Bellevue erinnernden Betonhölle meines Hinterhofs wirkte er reichlich verloren. Und doch: Joachim Freiheit tat, wozu er bestimmt, und hob staubtrocken die Hand zum Gruß. Kein Vertun: Der Gruß galt einzig mir, an den anderen Fenstern war niemand. Ein Rückgruß blieb mir verwehrt: Als ich aus meinem Entzücken erwachte, war der Präsident schon im Auto verschwunden.
Daniel Laufer: Der Junkie vom Stühlinger Kirchplatz



"Die Kollegen haben ernsthafte Bedenken - mach' die Park-Reportage nur, solange es noch hell ist", sagte die Redaktion. Also leerte ich meine Taschen, ließ iPhone, Bargeld und Scheckkarten zuhause und ging hin. Gefährlich sollte es sein, das Gespenst der No-Go-Area - aber: Worüber schreiben, wenn dieses Gespenst tagsüber schläft?

Eine Reihe von brutalen Überfällen versetzte den Stühlinger im Frühjahr in Aufruhr, angeblich verübt durch "unbegleitete minderjährige Flüchtlinge". Man könnte sagen, ich war gespannt, was mich erwarten würde.

Doch statt mich auszurauben, bot man mir Gras an und hielt mich für einen Zivilpolizisten. Dann traf ich auf Michael. Er erzählte mir seine Lebensgeschichte, vom Heroinentzug und seiner Zeit im Gefängnis und ich schrieb alles mit.

Schließlich ging ich kurz heim, um eine Kamera zu holen und ihn fotografieren zu können. Wir hatten verabredet, uns an der Straßenbahnhaltestelle wiederzutreffen. Aber als ich wiederkam, war er verschwunden. Also schoss ich einige Fotos vom leeren Park.

Ich musste aufpassen: Es hatte begonnen zu regnen und die Kamera durfte nicht nass werden.


Bernhard Amelung: Nachtmacher Fabrizio Bonina vom BalzBambii im Porträt



"Subway, Exit, Glamour, Nachtschicht, Dreieck: Die Liste der Namen, unter denen in der Kaiser-Joseph-Straße 248 eine Diskothek betrieben wurde, ist lang. Anfang August machte auch das Dreieck dicht, um Ende September als BalzBambii zu eröffnen.

Verantwortlich für Programm und musikalische Ausrichtung: Fabrizio Bonina, bekannt auch als DJ Eloquence. Eine Woche vor Eröffnung traf ich mich mit ihm an der Dreisam. Wir lagen in der Sonne, lauschten dem Glucksen und Gluckern des Flusses, und ich vergaß, was ich ihn ursprünglich fragen wollte.

Wir sprachen über Musik, Partys, das Feiern. Schnell stellte ich fest: Bonina hat sein Raverherz am rechten Fleck. So muss ein Nachtmacher sein. Im BalzBambii gefeiert, habe ich jedoch noch nicht. Mein erster guter Vorsatz für das Jahr 2015."


Konstantin Görlich: Weltmeisterliche Versöhnung



Ich und Fußball: Dieses Verhältnis ist ein ambivalentes. So kam es, dass ich mich im Vorfeld der WM auf die Suche nach Alternativen gegen Deutschland begab, und fündig wurde. Der aka-Filmclub hatte Schlingensiefs Deutschland-Trilogie ausgegraben und überhaupt war klar: Party- und insbesondere Fußball-Nationalismus ist Scheiße. Das war die Ausgangslage. Aber da waren wir ja auch noch nicht Weltmeister.

Wir? Nicht vielleicht nur die DFB-Mannschaft? Das ist Theorie: Ich sah das Finale mit knapp 50 Freunden in meiner Stammkneipe. Dann: 113. Minute, Schürrle uneinholbar, über links auf Götze, der locht ein, Weltmeister. Kurz danach feiern tausende Menschen auf der Straße, mit Autokorso und Party-Truck. Die waren ganz offensichtlich genauso Weltmeister. Ich auch. Mein fudder-Highlight 2014 ist darum dieses eine Foto aus dieser Nacht: ein Mädchen steuert ein Carsharing-Cabrio durch die Party. Darauf: drei junge Weltmeister, ohne Klamotten und ohne Flagge. Mehr Freiburg geht kaum.

Nationalismus ist trotzdem doof, Fußball hingegen nicht unbedingt. Ich weiß auch, dass man das nicht so einfach trennen kann. Aber man kann es versuchen. Angesichts der fremdenfeindlichen Demonstrationen mit den lächerlichen Akronym-Namen, die es jetzt überall gibt, vielleicht so: Das gelungene Fußballfest vereinte die Menschen feiernd, über die Grenzen von Sprache, Religion, Nationalität und sexueller Identität hinweg. Genau die Grenzen, die die Pegida-Deppen letztlich errichten wollen. Und verständlich erklären, was Abseits ist, können die meisten von denen vermutlich eh nicht.


Viviane Beyer: Eine Sex-Orgie im Supermarkt


[Foto: Screenshot Eyes Wide Shut]

"Möchtest du wissen was ich mit Lisa gemacht habe?", fragt Chris. "Ja", antworte ich.
Ohne Worte veranschaulicht er mir die Szene. Er hält mich am Hals und drückt mich leicht gegen die Schrankwand, seine andere Hand ist kurz vor meinem Schritt. So endet das erste dreistündige Gespräch mit Chris.

Beim zweiten Treffen begleite ich ihn beim Einkaufen. Ausgerechnet in einem Supermarkt formt sich nun vor meinem geistigen Auge ein detailliertes Bild von Chris und Lisa auf der Sex-Party. Das Ganze ist surreal. Chris scheint es egal, wer unser Gespräch mitbekommt. Zwischen Entscheidungen, welches Obst und Gemüse er kaufen soll, erzählt er, was auf diesen geheimen Sex-Partys so abgeht.

Am Ende erzählt Chris so detailliert und anschaulich, dass wir viele Szenen gar nicht beschreiben wollen. Ich frage mich noch immer was einen veranlasst, auf solche Parties zu gehen (Neugier einmal ausgespart).


Tamara Keller: Eine Notiz an Einradweltmeister Scott Wilton



Geschichten liegen auf der Straße, sagen Journalisten immer. In meiner zweiten Praktikumswoche bei fudder habe ich gemerkt: Der Satz stimmt.

Der damalige fudder-Redakteur Manuel Lorenz kam gerade aus der Mittagspause zurück und sagte: „Ich hab was für dich. In der Universitätsstraße steht ein merkwürdig großes Einrad. Wenn du Lust hast, kannst du eine Notiz dranhängen. Vielleicht hat der Eigentümer Lust sich mit dir zu treffen.“

Zwei Tage später starre ich verdutzt auf meinen Bildschirm: Ich habe eine Mail in meinem
Postfach. Scott Wilton, der Besitzer des Einrades, hat mir geschrieben: Wir treffen uns. Nun kommt das Beste: Als ich Google nach Scott Wilton frage kommt heraus, dass Scott dreifacher
Einradweltmeister ist. Schlussendlich rede ich zwei Stunden mit Scott, er hat verdammt viel zu erzählen (Später wird mir nachgesagt, ich habe geflirtet. Ich dementiere!).

Scott und sein Einrad sind nach wie vor viel unterwegs und die großen Gewinner: Auch im Jahr 2014 haben sie in zwei Kategorien den Weltmeistertitel geholt. Für diese Kette an glücklichen Zufällen bleibt mir schlussendlich nur noch eines zu sagen: Danke Scott, dass du meinen Zettel nicht in den Mülleimer geworfen hast.

 

Carolin Buchheim: Interviews mit Zeitzeugen der Freiburger Bombennacht

Am 27. November 1944 ging in der Operation Tigerfish ein Bombenhagel auf Freiburg nieder, der einen Feuersturm entfachte. 2797 Menschen starben, 9600 wurden verletzt, 11000 Menschen obdachlos.

Am 27. November 1944 war Sigrid Güss 13 Jahre alt. Ekkehard Jaegler war 5 Jahre alt. 70 Jahre später erzählten die beiden Freiburger mir vor der Videokamera von ihren Erlebnissen in der Bombennacht, sachlich und detailliert.

Sigrid Güss beschrieb, wie sie unter ihrem zusammengebrochenen Elternhaus verschüttet war, fast ihr Bein verlor. Ekkehard Jaegeler berichtete, wie er auf der Suche nach seiner Mutter durch die brennende Stadt lief, die verbrannten Leichen seiner Tante, seiner Cousine und seines Cousins sah und auf offener Straße eine Vergewaltigung ansehen musste. Und beide erzählten vom danach des Krieges, dem Trauma, von Angst , die nicht wegging. “Die Verrückte aus Freiburg” nannten Nachbarn in Tuttlingen, wohin sie evakuiert wurde, Sigrid Güss. Sie wollte nicht auf offener Straße laufen, war auch nach dem Krieg immer auf der Suche nach einem Luftschutzkeller. Ekkehard Jaegler verschlug die Bombennacht die Sprache; erst 13 Jahre später, als er 18 war, fing er wieder an zu sprechen.

Beide erzählten ohne Selbstmitleid von ihren Erlebnissen - und ohne den Grund für die Bombardierung zu minimieren. Und beide forderten Solidarität mit Flüchtlingen heute.

Während sie redeten saß ich auf der anderen Seite der Videokamera und hatte Tränen in den Augen. Aus Mitleid mit dem Teenager-Mädchen Sigrid und dem Kindergartenjungen Ekkehard, aus Mitgefühl für Menschen, die Erinnerungen an diese Nacht ihr Leben lang ertragen mussten - und auch, weil es heute auf der ganzen Welt so viele 13-Jährige und 5-Jährige gibt, die ähnlich traumatische Erfahrungen machen müssen, wie Sigrid und Ekkehard im November 1944 in Freiburg.





Martin Herceg: Die Globuli-Verschwörung



Ein Donnerstagmorgen im Oktober. Es ist kalt, leichter Regen, windig - eigentlich würde ich viel lieber in der gemütlichen Redaktion an meinem Schreibtisch sitzen, und nicht auf dem Augustinerplatz stehen, wo sich eine kleine Gruppe von Homöopathie-Skeptikern bereit macht für einen verrückten Selbstversuch: Gemeinsam wollen die Freiburger Skeptiker eine Überdosis Globoli einwerfen, um zu beweisen, dass die "Kügelchen" keinerlei Wirkung haben. Da ich persönlich nicht gerade viel von Globuli halte, beschließe ich keinen Text zu verfassen. Stattdessen filme ich den seltsamen Selbstversuch einfach mit meiner Kamera. Heraus kommt ein Videoclip, der eine der längsten Diskussionen der fudder-Geschichte hervorruft. Etwa 150 Kommentare hat das Video bis heute geerntet. Im Gegensatz zu so mancher Troll-Diskussion, kommentieren die Homöopathie-Freunde und -Gegner ausgesprochen informativ, fair - und auf hohem inhaltlichen Niveau miteinander.


Marius Notter: Der Restaurantbesuch bei Hoons



Als Schüler verbrachte ich einige Zeit in den USA bei einem Schüleraustausch und anschließenden Besuchen. Dort trainierte ich mir einen eisenharten, alles vernichtenden Magen an - dachte ich.

Nun eröffnete vergangen Frühling in der Habsburgerstrasse ein Fast-Food Restaurant namens Hoons. Meine Kollegin Caro bat mich diesen Termin wahrzunehmen, da die beiden Kollegen Manuel Lorenz und Marius Buhl sich diesem Essen verweigerten.

Lass dich nicht lumpen dachte ich – hatte ich doch im vergangenen Jahr schon Kiffrunden mit druffen Rappern überlebt. Also ran an das Hoon.

Meine Begleitung verlor bei Betreten des Ladens jeglichen Appetit, ich ließ mich jedoch von der komischen Atmosphäre nicht beeindrucken, schließlich kommt es ja auf das Essen an. Ich bestellte eine Hoon-Platte, mit allem drauf, was der Laden an Vielfalt zu bieten hatte: Chicken Wrap, Nuggets, Wings, Grill-Steaks und vier Saucen.

Als ich eine halbe Stunde später aus dem Laden stürzte, nach Luft hechelnd, mit großen Schweißflecken unter den Achseln, hatte ich solche glühende Steine im Magen, dass selbst eine kühle Mate und zwei Zigaretten nichts dagegen tun konnten.

Wenige Wochen später war der Laden auch schon wieder zu. Wahrscheinlich besser so.



Matthias Cromm: Adieu MyWay



Bei Ereignissen wie diesen stellt sich für mich stets die Frage: In was für einer Stadt möchte ich eigentlich leben?

Inmitten der leidigen Black-Sheriff-Diskussion und dem städtischen Schlag gegen kleine Veranstalter per Plakatierverbot und horrender Strafen kommt auch noch das Aus für Freiburgs Metal-Kneipe My Way. Trotz ausbleibender Gäste häufen sich die Beschwerden der Anwohner, die ja schon dem benachbarten Keller den Garaus gemacht haben.

Um ehrlich zu sein: Ich mag gar nicht gerne Metal hören und meine Besuche im My Way beschränkten sich auf die hervorragenden Konzerte und Kurzbesuche bei den Wirten Hansi und Simone. Aber irgendwie will ich in einer Stadt wohnen in der lebenswert nicht subkulturfrei, penibel sauber und totenstill bedeutet.

Urbanität bedeutet schließlich ein Zusammentreffen unterschiedlichster Verhaltens- und Lebensweisen, inklusive spezifischer Räume und Milieus von Sub- und Gegenkulturen - nicht als störende Faktoren sondern als Bereicherung der aufgeklärt-bürgerlichen Stadt, ihrer Kultur sowie ihrer gesellschaftlichen Lebensform.

Während wir uns auf den welkenden Lorbeeren "Grüne Stadt" und "klimatisches Paradies" ausruhen, verabschiedet sich Freiburg zunehmend in Richtung unattraktive Provinzialität aufs Altenteil. Quo Vadis, Freiburg?


Marlene Wilkes: Im Schlaraffenland aka "Mohrentopf Patisserie"



"Journalisten werten Dinge generell eher ein wenig ab. Es geht gar nicht anders, bei dem Überfluss an Informationen, der sie täglich erreicht." Diesen Eindruck bekam ich während meines Praktikums bei fudder, nachdem ich anfangs von den Inhalten meiner Veranstaltungsankündigungen jedes Mal restlos begeistert war.

Und so nahm ich nach meinem Praktikum die Aufforderung, mich mit der Zuckerbäckerin Alexandra Elatré zu treffen, ganz entspannt an. Aber – oh mein Gott – diesmal zu Unrecht.

Denn Alex und ihr Freund Aldo sind das wohl fröhlichste und sympathischste Paar im Universum, ihre Wohnung ist einfach traumhaft eingerichtet und Alex' Gebäcke sind das aller-aller-aller-geilste ever. Ich durfte von ungefähr hundert verschiedenen köstlichen Zuckerteilchen mal abbeißen und als ich ging, gaben mir die beiden drei riesige Tüten mit liebevoll verpacktem Süßem mit nach Hause.

Nach dem Interview war ich unglaublich glücklich und mitgerissen von so viel ansteckender Lebensfreude und Tatendrang. Und von diesem Job, der mir solche Begegnungen ermöglicht und mich – sorry, ich kann nicht anders - verdammt begeistert!

 

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[Fotos: fudder-Archiv]