fudders Buch-Tipps für werdende und junge Eltern

Rebekka Sommer

Was schenkt man Freunden, die ein Kind bekommen? Rasseln, Bodys, Mobiles, Tragetücher und Babynagelscheren haben die meisten werdenden Eltern schon im Überfluss. fudder-Autorin Rebekka Sommer verschenkt am liebsten Bücher. Und hat eine Auswahl an Empfehlungen zusammengestellt:



Nein, werdende und jugen Eltern brauchen keine Tippgeber, wie man den brüllenden Nachwuchs behandelt, auch keine gewollt-witzigen Baby-Gebrauchsanleitungen für frisch gewordene Väter. Man verschenkt am besten auch keine Bücher, deren Konzepte gesammelte Marketingabteilungen am Reißbrett entworfen haben, um die Zielgruppe „junge Eltern“ schlaufüchsig einzuwickeln.


Sondern Literatur, die schier zufällig vom Eltern-Werden handeln oder in denen werdende Eltern die Protagonisten sind. Bücher, die lachen machen oder so bange, so dass das Abstillen kinderleicht wird. Die das plötzlich allumfassende Elternsein in einen großen Zusammenhang stellen. Hier eine Zusammenstellhilfe für den postnatalen Bücherkorb.

Die gute Literatur

Um Stuttgarter Mütter, die sich mit der Frage „zurück-in-den-Beruf-oder-nicht-und-ist-Waldorf-die-richtige-Erziehungsphilosophie-für-mein-Kind“ herumschlagen, geht es hier nur vordergründig: Leonie ist eine Working-Mum, die in der Erziehung der beiden Töchter diverse Kompromisse eingeht und ihre Nachbarin, die Hausfrau Judith, für ihre wohlerzogenen Söhne bewundert. Die erträgt ihr Bilderbuchleben aber nur mit Psychopharmaka und heimlichen Zigaretten.

Ehe man meinen könnte, Thema des Romans sei die Übertrumpfungsmasche, in die unsichere Mütter allzu gern tappen, kommt eine überbesorgte, alleinerziehende Mutter hinzu und ein kinderloses Ehepaar aus dem Nachbarhaus. Und dann platzt auch noch der zwölfjährige Marco in Anna Katharina Hahns einprägsame Milieustudie - ein ungeplantes, vielleicht ungewolltes Kind einer zu jungen Mutter, die nicht einmal sich selbst vor der Gewalt des Leben schützen kann.
  • Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage. Suhrkamp (2009), 8,99 Euro, ISBN-13: 978-3518461587.
   

Der Schwarz-Weiß-Bildband

Starke Männerhände umschließen in Taft gekleidete Neugeborene. Kleine Jungen ahmen ihre Papas nach, die ernsten Blickes tüfteln, schaffen, musizieren, die Spaß haben oder einfach Coolness wahren. Der Bildband in schwarz-weiß zeigt intime Momente und große Emotionen zwischen Vätern und ihren Söhnen.

Jede der Fotografien, die aus vielen Verlags- und Museumsarchiven zusammengetragen wurden, erzählt eine Geschichte. Wladimir Kaminer hat eine Kurzgeschichte beigetragen, der Kunstgeschichtler Guido Magnaguagno sich am Vatersein berühmter und weniger berühmter Männer versucht. Ein schönes, gedankenvolles Buch für Jungs-Eltern.
  • Peter Graf, Till Schaap [Herausgeber], Wladimir Kaminer, Guido Magnaguagno [Text]: Väter und Söhne. Liebesgeschichten in Bildern. Benteli (2009), 28 Euro, ISBN-13: 978-3716515587.
   

Die Gedichte-Sammlung

Einfach nett. Von Erich Kästner über Ingeborg Bachmann bis hin zu Durs Grünbein - alle großen Dichterlinge scheinen irgendwann einmal über Freud und Leid des Elterndaseins sinniert zu haben. Spöttisch, poetisch oder liebevoll.

Ein Gedichtband für alle, die lyrisch über „Hoppe Reiter“ hinaus gehen wollen, ein Schmökerchen für Eltern, die Relation und Erdung suchen, denn: Vom ersten Zahn bis hin zur Pipi-Kaka-Kommunikation, ganz offenkundig war das alles schon mal da. Und wird vorüber gehen.
  • Katharina von Savigny: Eltern sein dagegen sehr. Heitere Gedichte für die Helden des Alltags. Sanssouci-Verlag (2005), vergriffen, aber ab 2,95 im Internet erhältlich, ISBN-13: 978-3725413645.
   

Der Frauenroman

Längst ist die Szene ein Klassiker, in der Kate Reddy einen gekauften Kuchen mit Puderzucker bestäubt, damit er wie selbstgebacken aussieht. Oder die, in der eine Ratte durch das Haus huscht, als ihre - wegen der weiblichen Berufstätigkeit - ohnehin skeptischen Schwiegereltern zu Besuch sind.

Während Kate für das Management einer großen Firma um die Welt fliegt, sich selbst ellenlange To-Do-Listen schreibt und das Kindermädchen und ihren Mann um den guten Draht zu ihren Töchtern beneidet, verliert sie den Draht zur Familie. Und orientiert sich neu. Sicherlich auch für Frauen spannend, die nie im Top-Management landen werden.
  • Allison Pearson: Working Mum. Rowohlt (2004), 9,99 Euro, ISBN-13: 978-3499238284.
   

Das Kampf-Buch

Man kann ja nie wissen. Und manche sind ja auch schon schwanger ungebunden. Mutterseelenalleinerziehend behandelt das Elterndasein von Singles aus einem politisierenden, gesellschaftlichen Blickwinkel. Immer mit konkretem Bezug zum Alltag, mit Witz und viel Emphase.

An bemerkenswerten Titeln wie „Ich habe meinen Finger getrunken“ und „Ich bekomme nie mehr ein Kind, Papa Staat“ wird deutlich, dass die Bloggerin Maike von Wegen bisweilen auch als Texterin unterwegs ist. Und in fünf Jahren des Alleinerziehens genügend Trotz besaß, nicht zu verstummen. Sie schreibt nicht für eine Ziel-, sondern für die eigene Interessensgruppe und macht Mut, den rechten Weg nicht aus den Augen zu verlieren.
  • Maike von Wegen: Mutterseelenalleinerziehend: Ein Kind und weg vom Fenster? Knaur (2013), 8,99 Euro, ISBN-13: 978-3426785775.
   

Der Wertgeber

Bei aller Bildungsverunsicherung: Was sollen Kinder lernen, wissen, können? Wie immer in der Pädagogik ist das eine Frage der Wertsetzung. Experten und Ratgeber helfen Eltern nur, wenn sie selbst darüber nachgedacht haben, was sie von ihren Siebenjährigen erwarten. Was ja im Alltag manchmal untergehen kann.

Die Erziehungswissenschaftlerin Donata Elschenbroich hatte die grandiose Idee, über 150 unterschiedlichste Personen zu fragen, was Siebenjährige erlebt haben und können sollten. So ist ein Kanon entstanden, der sich wie eine warme Welle aus Kindheitserinnerungen liest: Drei Witze erzählen, eine Anekdote über sich selbst kennen, vier Vogelstimmen voneinander unterscheiden … Selbstverständlich geht es hier um Anregung und nicht darum, Anforderungskataloge zu erfüllen. Ein Buch nicht nur für Eltern, sondern für alle Romantiker.
  • Donata Elschenbroich: Weltwissen der Siebenjährigen. Wie Kinder die Welt entdecken. Goldmann (2002), 9,90 Euro, ISBN-13: 978-3442151752.
   

Das Quatschbuch

Zwischenrein Comedy. Dass das zugehörige Hörbuch zur Geschichte von Annette Frier gesprochen wurde, sagt alles.

Josephine Chaos ist Frauenärztin in einer Klinik und wiederholt ungeplant schwanger. Sie kennt strenge Oberschwestern, attraktive Chefärzte und erlebt „viele tolle Geburten“. Teilweise scheinen die Geschichten sich zu wiederholen - vielleicht, weil sie so klischeehaft sind, dass es manchmal wehtut. Aber irgendwie lustig sind sie doch. Und das kann ja durchaus ablenken: Von der Brustentzündung, vom Schlafmangel-Kopfschmerz, vom überbordenden Wäscheberg, und so weiter...
  • Josephine Chaos: Dann press doch selber, Frau Dokta!: Aus dem Klinik-Alltag einer furchtlosen Frauenärztin. Fischer (2013), 9,99 Euro, ISBN-13: 978-3596196340.
   

Die kleine Inklusion

Dieses Buch erscheint erst im Oktober. Trotzdem sei es - vorab und ungelesen - empfohlen, denn es kann einfach nicht schlecht sein. Andrew Solomon hat mit 300 Müttern und Vätern gesprochen, deren Kinder ganz anders sind, als sie selbst: Kriminell, genial, psychisch krank ...

„Auch wenn jede Geschichte einzigartig ist - die Erfahrung des Andersseins ist universell“, heißt es im Klappentext. Das Begreifen von Einssein und Distanz, das Loslassen des Kindes - das beschäftigt Eltern in vielen Facetten und über viele Jahre hinweg. Also muss es ein Buch über das Elternsein an sich sein.
  • Andrew Solomon: Weit vom Stamm: Wenn Kinder ganz anders als ihre Eltern sind. Fischer (2013), 34 Euro, ISBN-13: 978-3100704115.

Der Biedermeier-Seismograf

Zugegeben, es ist lange her, dass ich das Buch gelesen habe. Als Zehnjährige fischte ich es aus dem Regal meiner Eltern, weil ich dachte, es sei ein Kinderbuch. Aber ich erinnere mich gut daran. Es muss ein typischer Abstiller sein. Harriet und David haben einen Traum: Eine Familienidylle mitten in London. Die beiden haben konservative Ansichten, ecken mit ihrem Wunsch nach vielen Kindern im Familien- und Freundeskreis an.

Ihr Haus wird zum Ort der Harmonie, bis Harriet ungewollt schwanger wird und Ben zur Welt kommt. Alles an dem Jungen ist anders, fremd, bedrohlich. Die Familie wird zur Metapher: Wie reagiert die Gesellschaft auf das Fremde, Böse? Kathartisches Leseerlebnis das Augen öffnet vor der Gefahr, Familienidylle zu verherrlichen.
  • Doris Lessing: Das fünfte Kind. btb Verlag (1997), 8,50 Euro, ISBN-13: 978-3442720750.
   

Das Zeitschriften-Abo

Es geht um Antipädagogik, Unschooling, Langzeitstillen und Windelfreiheit. Das Unerzogen-Magazin widmet sich Elternthemen aus unkonventioneller und intelligenter Sicht nach den Prinzipien des Attachment Parenting. Die Themenhefte sind einzeln und im Abo erhältlich.
  • Unerzogen Magazin. Tologo-Verlag (vierteljährlich), 6,90 Euro.
 

Der Krimi

Dafür braucht man nicht nur gute Nerven, sondern auch eine gute Konzentration. Denn die Erzählerperspektive wechselt oft und unangekündigt zwischen vier Bewohnern eines Wiener Hauses. Für Menschen mit Stilldemenz könnte "Der Unschuld Verlust" also etwas verwirrend sein, für alle anderen aber extrem spannend.

In dem Krimi werden schwangere Frauen und junge Mütter Opfer eigenartiger Unfälle. Wer der Mörder ist, zeigt sich relativ schnell. Doch was ist sein Motiv? Was hat es mit dem ominösen pädagogischen Geheimbund auf sich und wie soll Mutterliebe sein?
  • Marleen Schachinger: Der Unschuld Verlust. Orlanda-Verlag: Berlin (2005), 10 Euro, ISBN-13: 978-3936937343.

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