Talk in der Tram

fudder fährt Straßenbahn mit Monika Stein

Joshua Kocher

fudder ist mit den OB-Kandidaten von Endhaltestelle zu Endhaltestelle gefahren. Heute: Monika Stein von der Grünen Alternative Freiburg. Die Lehrerin will Bahnfahren kostenlos machen und verrät, wie sie Freiburgs Nachtleben retten möchte.

Monika Stein ist frisch von der Nordsee zurück und steht nun an der Endhaltestelle der Linie 4 an der Gundelfinger Straße in Freiburg-Zähringen. Es ist die zweite Woche der Osterferien, und die erste nutzte die Haupt- und Werkrealschullehrerin für einen Kurztrip ans Meer. "Da kann ich am besten abschalten", sagt die 48-Jährige. "Natürlich neben dem Schwarzwald". Felix Beuter, der mit Monika Stein Wahlkampf macht und mit zum Termin erscheint, schiebt ein: "Die Erholung hat sie sich verdient."


"Ohne meine Schülerinnen und Schüler wäre ich wohl nie Politikerin geworden."Monika Stein
Im Freiburger Gemeinderat macht Monika Stein ehrenamtlich Kommunalpolitik. Gleichzeitig bereitet sie ihre Abschlussklasse an der Karlschule auf die Prüfungen vor. Und auch ihr steht am 22. April eine wichtige Prüfung bevor: Schafft sie den Einzug ins Freiburger Rathaus? Dort möchte sie hin – als erste Oberbürgermeisterin Freiburgs.

"Ohne meine Schülerinnen und Schüler wäre ich wohl nie Politikerin geworden", sagt Stein, als sie in der Linie 4 von Zähringen zur Neuen Messe fährt. "Schöne Ferien noch", wünscht sie einer Schülerin, die gerade aus der Tram aussteigt. Ihre Schülerinnen und Schüler sind ihr wichtig, auf Extraurlaub für die OB-Wahl verzichtet sie. "Das kann ich mir nicht erlauben. Ein deutlicher Nachteil gegenüber den freigestellten Kandidaten, oder denen, die gar keine Arbeit haben. Auch gegenüber Dieter Salomon", sagt Stein. "Vieles, was er derzeit als OB macht, kann er für den Wahlkampf verwenden."

Seit 2004 sitzt Monika Stein – mit Unterbrechung – im Gemeinderat

Seit über zwei Jahrzehnten unterrichtet Stein an Haupt- und Werkrealschulen unter anderem in den Fächern Englisch, Ethik und Gemeinschaftskunde. Zuvor studierte sie an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg. Seit kurzem lehrt sie auch das Fach "Deutsch als Fremdsprache". Häufig an Brennpunktschulen. Erst in Lörrach, seit 2010 in Freiburg, derzeit an der Karlschule.

Das politisierte die gebürtige Freiburgerin. "Viele meiner Schülerinnen und Schüler kommen nicht aus privilegierten Familien, sondern aus Elternhäusern, die unter den Auswirkungen der Sozialpolitik zu leiden haben. Ich habe Lebensumstände beobachtet, die mir den Willen gaben, etwas verändern zu wollen."

2002 trat sie den Grünen bei, 2004 zog sie für die in den Freiburger Gemeinderat ein. Doch in der Partei des derzeitigen Oberbürgermeisters, Dieter Salomon, musste sie, wie sie sagt, Entscheidungen mittragen, die sie nicht vertreten konnte.

Deshalb gründete sie 2008 gemeinsam mit Coinneach McCabe ihre eigene Wählervereinigung, die Grüne Alternative Freiburg (GAF). "Ich habe mir meine eigene politische Heimat geschaffen. Um mich nicht zwischen grün und sozial entscheiden zu müssen". 2014 fehlten ihr 30 Stimmzettel für eine Wiederwahl zur Stadträtin. Als ihr Mitstreiter McCabe vor zwei Jahren aus Freiburg wegzog, durfte sie nachrücken. Seitdem macht sie wieder aktiv Kommunalpolitik, auf ein Dutzend Jahre kommt sie inzwischen. "Am liebsten diskutiere ich mit Dieter Salomon", sagt Stein. "Ich weiß inzwischen, wo er verwundbar ist".


Dessen 16-jährige Amtszeit fasst sie knapp zusammen: "Er macht absolut nicht alles falsch, aber er hat wichtige Themen übersehen. Den sozialen Wohnungsbau hat er zum Beispiel komplett verschlafen. Ebenso die Spaltung der Freiburger Gesellschaft in Arm und Reich. Er hat das Gefühl für Menschen, denen es nicht so gut geht, verloren."

Eines ihrer Kernthemen ist der kostenlose Nahverkehr

Das alles sagt Monika Stein, während sie in einem Vierersitz einer alten Tram auf dem Weg durch die Stadt sitzt. Kein Platz bleibt leer an diesem Dienstagmittag, in der Bahn steht die Luft. Es geht vorbei an mehreren Orten, an denen Monika Stein etwas anders gemacht hätte, oder in Zukunft anders machen möchte. Wäre Stein bereits Oberbürgermeisterin von Freiburg, würde die Fahrt wohl ohnehin grundlegend anders verlaufen.

Eines ihrer Kernthemen ist die baldige Einführung des kostenlosen Nahverkehrs. "Nicht nur aus Umweltgründen, sondern auch aus sozialen. Es kann nicht sein, dass jemand im Knast sitzt, weil er schwarzgefahren ist". Ihr ehemaliger Parteikollege Dieter Salomon bezeichnete den Gratis-ÖPNV kürzlich als "Schnapsidee". Das nutzte Steins Wahlkampfteam geschickt für sich: Gemeinsam mit einem Barkeeper entwickelten sie "Salomons Albtraum", einen Schnaps aus "milder Goldaprikose" in giftgrüner Farbe – um Salomon eins auszuwischen. Der Albtraum wäre, wenn Stein am 22. April die Wahl gewinnt. "Stellt’s euch rein – für Monika Stein", ist der Slogan dazu.



Überhaupt ist ihr Wahlkampf ungewöhnlich. "Ich arbeite viel mit jungen Leuten zusammen, die kommen auf andere Ideen als ich." Stein schmeißt Partys im Räng Teng Teng und verteilt Reifen-Reparatur-Sets mit Sprüchen wie: "Nur heiße Luft hilft nicht" oder "Platte Phrasen, ohne mich!".

"Es braucht schon mal eine Frau an dieser Stelle."Monika Stein
Stein fährt jeden Morgen mit dem Fahrrad zur Arbeit. Sie hat zwei Räder. Eins für die Stadt und eins für längere Fahrten. Als Stadträtin besitzt sie dennoch eine Monatskarte, die sie an Tagen wie diesem nutzen kann.

Warum möchte sie eigentlich Oberbürgermeisterin werden? "Als Dieter Salomon seine Kandidatur für eine weitere Amtszeit ankündigte, wurde ich mehrfach angesprochen, ob ich nicht gegen ihn antreten möchte. Das habe ich erstmal kategorisch abgelehnt, bin dann aber ins Überlegen geraten", sagt sie. "Es brauchte jemanden aus meiner politischen Ecke, der kandidiert". Auch die Tatsache, dass sie als Frau angesprochen wurde, für das höchste Amt der Stadt zu kandidieren, habe eine große Rolle gespielt. "Hätte ich gesagt, das wird mir zu anstrengend, hätte ich mich nie wieder darüber beschweren können, dass so gut wie keine Frauen in Führungspositionen sind." Einen feministischen Auftrag sieht sie darin nicht zwingend. "Es braucht aber schon mal eine Frau an dieser Stelle."

Unterstützt wird Stein von der JPG-Fraktion (Junges Freiburg, Die Partei, Grüne Alternative Freiburg). Auch Die Linke, Linke Liste/ Solidarische Stadt und die Unabhängigen Frauen setzen auf die 48-Jährige. Der FDP-Stadtrat Nikolaus von Gayling schenkte ihr zum Wahlkampfauftakt eine Handglocke aus Jerusalem – "um das Ende des Königtums Salomon einzuläuten".



Das Freiburger Nachtleben soll wieder attraktiv werden

Trotz "Shake Him Off!"-Partys und selbstgemischtem Schnaps punktet Monika Stein in diesem Wahlkampf mit Seriosität und Bodenständigkeit. Sie verzichtet auf steile Thesen und utopische Vorstellungen, vertritt eine klare Haltung und verteidigt diese auch gegen Widerstand. Im Gemeinderat war Monika Stein die erste, die einen Bürgerentscheid für das neue SC-Stadion forderte, und gegen das Siegesdenkmal protestierte sie vehement. "Das ist ein falscher Fleck", sagt sie, als die Bahndurchsage gerade die neugestaltete Haltestelle am Europaplatz ankündigt.

"Die Stadt muss viel grundlegender überlegen, wie sie mit ihrem Erbe umgeht. Es gibt sehr kritische Punkte in der Freiburger Vergangenheit. Da würde es sich lohnen, nochmal eine Runde des gemeinsamen Nachdenkens einzulegen." Stein würde viel mehr auf Dialog setzen und nichts aus dem Bauch heraus entscheiden. Auch am Platz der Alten Synagoge habe die Stadtspitze "so instinktlos, wie es nur geht", gehandelt. "Da wurde auf den Gefühlen der Menschen herumgetrampelt."

"Change!" steht in großer Aufmachung auf ihrer Webseite. Verändern möchte sie ganz grundlegend das Freiburger Nachtleben. "Wir müssen anerkennen, dass Nachtleben und Clubs zur Freiburger Kultur gehören und auch einen Wirtschaftszweig darstellen. Das erwarte ich von der jüngsten Stadt Deutschlands. So gut wie kein Studierender will abends um acht vor der Glotze sitzen." Als konkrete Gegenmaßnahme will sie das Amt für öffentliche Ordnung von einem "Verhinderungsamt", wie sie es nennt, zu einem "Ermöglichungsamt" umwandeln. Und für die Anwohner der Innenstadt soll es Schallschutzfenster geben.

Auf Freiburgs Straßen sollen mehr Sozialarbeiter

Nach dem 1. Mai 2008 wurde Monika Stein für eine Nacht verhaftet, als sie nachts mit einer Bierflasche in der Hand an einem Feuer an der Ecke Belfort-/ Wilhelmstraße stand. Dieses war zuvor widerrechtlich auf offener Straße entzündet worden. Zeitweise standen dort etwa 150 Leute. Als die Polizei eintraf jedoch nur noch Monika Stein, ein Begleiter und ein paar andere Personen. Stein musste mit aufs Revier. Zeitweise wurde ihr vermittelt, sie werde wegen Landfriedensbruch festgehalten. Nach einer Klage gegen das Land Baden-Württemberg stellte das Freiburger Verwaltungsgericht fest, dass die Festnahme zumindest in Teilen nicht rechtmäßig abgelaufen sei.

Dennoch ein Einschnitt in Steins Leben. "Ich wusste ja zuvor nicht, wie das sich anfühlt." Eine ihrer Kernforderungen ist heute: "Prävention statt Repression". Mehr Straßensozialarbeiter, weniger Kameraüberwachung und Polizeipräsenz. Im Idealfall also gar keine Polizei mehr auf Freiburgs Straßen? "Eine fiese Frage", so Stein. "Die Polizei möchte ich ganz bestimmt nicht weg haben. In vielen Bereichen ist sie äußerst notwendig. Es gibt auch sehr gute Präventionsleute bei der Polizei."

Weg soll aber Dieter Salomon. So viel steht fest, als die Bahn schließlich an der Neuen Messe ankommt. "Ich habe gehört, er wird Großvater im Sommer, vielleicht kann er dann mit dem Enkelkind viel Zeit verbringen. Das würde ich ihm gönnen."
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Am Freitag lest ihr auf fudder:

Straßenbahnfahren mit Stephan Wermter

Event mit Salomon, Stein und Horn am Samstag

Zu einer Talkrunde in der Wodan-Halle lädt die Badische Zeitung die drei OB-Kandidaten, die von Parteien oder Gruppierungen unterstützt werden am kommenden Samstag. Zwischen 10 und 16 Uhr a stellen sich Amtsinhaber Dieter Salomon, Monika Stein (linkes Bündnis) und Martin Horn (SPD und Freiburg Lebenswert) den Fragen der BZ-Redakteure.

Was: BZ-Kandidatentalk

Wann: Samstag, 14. April, 10 Uhr

Wo: Wodanhalle

Eintritt: frei

Facebook-Veranstaltung: OB Wahl in Freiburg: BZ-Kandidatentalk

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