Freundschaftsgeste: Wie Medizinstudentinnen eine gehörlose Kommilitonin unterstützen

Meike Riebau

Sylvia Wundsam (Bild Mitte) ist 27, gehörlos und studiert Medizin in Freiburg. Im ersten Semester begann sie, einigen Freundinnen die Gebärdensprache beizubringen. Mittlerweile ersetzen zwei ihrer engsten Freundinnen in den Vorlesungen die Gebärden-Dolmetscher. Die Geschichte eines ungewöhnlichen Freundschaftsdienstes.



Mittwochvormittag, Radiologievorlesung. Die Blicke der Medizinstudenten sind mehr oder weniger aufmerksam auf den Dozenten gerichtet, der gerade über richtiges und falsches Mammographieren spricht. Das heißt, nicht alle Augen: Die 27-jährige Studentin Sylvia blickt konzentriert auf die ihr schräg gegenüber sitzende Kommilitonin Johanna Pflugmacher (Bild unten) und deren lebhaftes Hände- und Mimikspiel. Denn Johanna dolmetscht die Vorlesung für Sylvia. „Ich hätte nie gedacht, dass die beiden einmal so weit kommen würden“, sagt Sylvia im Interview und schaut ihre beiden Freundinnen und Mitstreiterinnen fast ein wenig stolz an.




Angefangen hat alles im ersten Semester: Stephanie Hammer und fünf andere Medizinstudentinnen lernten Sylvia in einer Vorlesung kennen. „Ich wollte schon früher Gebärdensprache lernen, weil mir diese Sprache unglaublich schön und kreativ vorkam, deshalb haben wir Sylvia direkt angesprochen“, erzählt Stephanie. Einmal pro Woche trafen die Studentinnen sich und begannen, mithilfe von Bilderbüchern und den typischen ’Ich heiße’- und ’Ich Komme aus’-Sätzen, die ersten Schritte in der lautlosen Welt zu gehen.

Sylvias Fähigkeit, teilweise von den Lippen abzulesen, erleichterte den Unterricht. Aber für die Vorlesungen und praktischen Übungen reicht Lippenlesen nicht immer aus. „Gerade, wenn die Leute alemannisch sprechen, habe ich meine Schwierigkeiten“, sagt die gebürtige Bayerin. „Ich verstehe hier in Baden zum Beispiel immer ,Tisch’ oder ,Fisch’ statt ,ist’.“



Seit Einführung des Behindertengleichstellungsgesetzes haben Gehörlose einen Anspruch auf Dolmetscher bei Behörden, Polizei oder am Arbeitsplatz. Diese Möglichkeit hat Sylvia anfangs auch genutzt, aber das Buchen der Übersetzer war nicht ganz einfach: Ihren Stundenplan bekommt die Medizinerin immer erst kurzfristig mitgeteilt, die Dolmetscher müssen jedoch Wochen oder Monate vorher gebucht werden. „Manchmal hat man Glück und innerhalb des nächsten Tages einen Dolmetscher, aber genauso kann es passieren, dass schon sehr früh alle ausgebucht sind,“ sagt Sylvia.

Also begannen Stephanie und Johanna, für Sylvia zu übersetzen. Der Vorteil: die beiden beherrschen den Fachjargon der Mediziner. Sowohl in Vorlesungen als auch in praktischen Übungen versuchen die drei nun, nach Möglichkeit in eine Gruppe zu kommen, und bis jetzt hat das auch immer gut geklappt.

„Das Tolle an der Gehörlosensprache ist, dass sie ganz anders funktioniert als die gesprochene Sprache,“ sagt Stephanie (Bild unten). Die Grammatik ist anders aufgebaut und hinzu kommt durch die Bewegung eine dreidimensionale Ebene. Mit einer Handbewegung kann man gleichzeitig Schnelligkeit und Tempo ausdrücken, wie ,ein rasendes Auto’ oder ,ein fliegender Vogel’. Andererseits gibt es nicht für jedes Wort ein Zeichenäquivalent, es kann also nicht von gesprochener Sprache eins zu eins in Gebärdensprache übersetzt werden. In solchen Fällen muss das Wort entweder buchstabiert werden, oder man denkt sich eine neue Geste aus.



„In der Mammographie-Vorlesung etwa wurde mir es zu lang und umständlich, das Wort Mammographie jedes Mal komplett zu buchstabieren. Da hab’ ich es einfach durch eine Geste ersetzt,“ sagt Johanna und macht sie direkt vor: Sie lässt beide Handflächen mit Schwung aufeinander sausen und macht eine Pressbewegung. Jeder, der einmal eine Brustkrebsvorsorge erlebt hat, erkennt die Geste sofort, ohne Gebärdensprache zu können.

Dieses spielerische, frei improvisierende Element macht die Sprache auch für Hörende so faszinierend: Da die Gesten häufig ausdrucksstark sind, kann auch jemand, der die Sprache nicht kennt, einiges herauslesen.

„Trotzdem ist es nicht leicht, als Hörender in der Welt der Gehörlosen aufgenommen zu werden, genauso, wie es für Gehörlose schwierig ist, sich in der Welt der Hörenden richtig integriert zu fühlen,“ sagt Sylvia. „Viele Gehörlose wie auch ich bleiben aus verständlichen Gründen sehr gerne unter sich.“ Für sie ist es eine seltene Gelegenheit, im Alltag nicht ständig an die kommunikativen Barrieren zu stoßen und unter Ihresgleichen zu sein. „Auch wenn meine hörenden Freundinnen gebärdensprachkompetent sind, kommt immer wieder der Punkt, an dem ich mich ein wenig ausgeschlossen fühle, wenn sie sich ohne Gebärden miteinander unterhalten oder ich ihre Lippen nicht sehen kann,“ sagt sie.

Außerdem komme es öfter zu nonverbalen Missverständnissen zwischen Hörenden und Hörgeschädigten, wie etwa das Wegschauen mitten im Satz oder Gespräch, wenn die Hörenden etwas hören. „Dieses Wegschauen signalisiert den Hörgeschädigten oft: Ich bin nicht am Gespräch interessiert,“ sagt die Medizinstudentin.

Bald fangen die drei Studentinnen ihr Praktisches Jahr an, und auch da wird Sylvia zwei Drittel mit Johanna im selben Krankenhaus verbringen.

Aber der Tag rückt näher, an dem sie ohne ihre beiden Freundinnen Untersuchungen vornehmen und Patienten befragen muss. „Dann werde ich eben jemanden schulen müssen, der mir das Abhören und andere Diagnosemethoden, für die Hören unerlässlich ist, abnimmt“, sagt die 27-Jährige.

Aufhalten lassen wird sie sich von diesen Hürden sicher nicht.

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Gebärdensprache