Sinkende Auflage

"Freie Bürger"-Redaktion kämpft ums Überleben der Straßenzeitung

Christian Henke

Der "Freie Bürger" steht kurz vor dem Aus. Die Verkaufszahlen der Freiburger Straßenzeitung sinken seit Jahren. Redakteur Michael Seifert hofft auf neue Möglichkeiten zur Finanzierung und bittet die Freiburger um Hilfe.

Ein "Freie-Bürger"-Verkäufer, der nicht mit Namen genannt werden möchte, steht seit fünf Jahren fast täglich in der Eisen- und der Dreherstraße am Münsterplatz. Dort bietet er den "Freien Bürger" an und redet gerne mit Leuten. Seine Verkaufszahlen sind stabil. "Ich habe immer so 250 Zeitungen verkauft, mal auch 350, mal nur 220." Doch sein Erfolg ist eine Ausnahme. "Das ist ’ne Platzsache." Durch die Eisenstraße gehen immer viele zum Münsterplatz, auch Freiburger.


3500 Exemplarer zur Kostendeckung

Er weiß aber von den Problemen anderer Verkäufer. Schon vor fünf Jahren gab es einen Abwärtstrend bei den Verkaufszahlen. Im Juli 2012 wurden erstmals weniger als die kostendeckenden 3500 Exemplare einer Ausgabe verkauft. Heute sind es 3000. Michael Seifert erklärt den Rückgang zum einen damit, dass sich die Innenstadt wandelt: Mit den kleinen Läden verschwinden die Verkaufsstellen. Zudem sei die Fußgängerzone für Freiburger nicht mehr attraktiv. Die Innenstadt sei, so der Redakteur, fest in der Hand von Menschen aus dem Umland und Touristen. Der allgemeine Rückgang gedruckter Zeitungen zugunsten digitaler Medien trifft den "Freien Bürger" außerdem hart.

Das alles setzt dem "Freien Bürger" und seinen Verkäufern zu. Neben dem Erlös aus den verkauften Zeitungen – der immer geringer wird – finanziert sich die Zeitung über Werbeanzeigen, Spenden, Sponsoren und einen Mietzuschuss in Höhe von jährlich 3500 Euro von der Stadt Freiburg. Die aktuelle Lage ist dramatisch: Wenn keine neuen Möglichkeiten zu Finanzierung gefunden werden, muss die Herausgabe der Straßenzeitung bald eingestellt werden. Momentan kann die Redaktion noch auf Ersparnisse zurückgreifen, um den monatlichen Verlust mehrerer Tausend Euro aufzufangen, sagt Seifert. Im Frühjahr 2018 wird dieser Puffer aber vermutlich aufgebraucht sein.

Unabhängigkeit ist der Redaktion wichtig

Dazu kommt: Die Redaktion legt großen Wert auf ihre Unabhängigkeit. Deshalb ist sie bei Sponsoren sehr wählerisch. Seifert betont, dass der "Freie Bürger" sich als politische Zeitung nicht von Geldgebern vor den Wagen spannen lässt. Auf Geld einer Firma, die laut Seifert Computerchips herstellt, die auch für Waffen verwendet werden, hat die Redaktion deshalb bewusst verzichtet.

Die Redaktion könne die Angestellten auf Dauer nicht mehr bezahlen, befürchtet Seifert nun, trotz sehr niedriger Löhne. Aus diesem Grund sei kürzlich schon ein Mitarbeiter entlassen worden. Das Team sieht sich an der Grenze der Belastbarkeit. "Wenn jetzt noch einer krank wird, ist hier fertig," so Seifert.

Der "Freie Bürger" erscheint elfmal im Jahr. Ab 1. August gibt es die Doppelausgabe August/September bei insgesamt 46 Verkäufern in Freiburg. Das Freie-Bürger-Team will mit der Zeitung soziale Missstände aufdecken und bekämpfen. Zudem helfen sich die Verkäufer der Zeitung selbst aus finanzieller Not. Seifert weiß, dass es nicht lukrativ ist, sich für finanziell Schwache einzusetzen. "Wer sich für arme Leute einsetzt, wird selber arm," kommentiert Seifert.