Ende einer Branche

Freiburgs letzte Videothek macht bald dicht

Holger Schindler

Die letzte verbliebene Videothek in Freiburg steht vor dem Aus. Die Branche wurde vom technischen Wandel überrollt. Immer mehr Filmfans nutzen das Internet-Streaming.

"Ich hätte gern noch ein paar Jahre weitergemacht, aber mein Steuerberater, der auch ein Freund von mir ist, hat klar gesagt, dass jetzt Schluss sein muss." Raimund Brengartner ist Mitgründer, Chef und einziger Mitarbeiter von Freiburgs letzter verbliebener Videothek. Das Geschäft, das schlicht "Die Videothek" heißt, befindet seit Eröffnung 1982 in Zähringen. Doch am Jahresende ist es damit vorbei. Brengartner stellt den Betrieb ein – und damit endet zugleich das Zeitalter der Videotheken in Freiburg. Die Branche wurde vom technischen Wandel überrollt.


"Die Idee mit der Videothek kam damals von meinem Bruder", erinnert sich Brengartner. In den frühen 80er-Jahren seien in Freiburg Videotheken wie Pilze aus dem Boden geschossen, fast so wie zuletzt Handyläden und Dönerbuden. "Mein Bruder meinte, damit könnte man doch Geld verdienen."

Anfang in einer Garage

Der Vorschlag sei dann in der Familie beraten worden – und am Ende habe die Mutter, Ingeborg Brengartner, dann die Umsetzung übernommen. "Ich war damals gerade mit der Schule fertig und bin als 17-Jähriger mit eingestiegen", erzählt der Unternehmer, der mittlerweile 51 Jahre alt ist.

"Angefangen haben wir in einer Garage an der Wildtalstraße", berichtet Brengartner weiter, "am Anfang war der Ansturm enorm." Den Nachbarn sei der Trubel dann bald sogar zu groß geworden, sodass man 1988 "Die Videothek" an die Zähringer verlegt habe – Hausnummer 382. Anfang 1994 folgte dann der zweite Umzug an den heutigen Standort, direkt gegenüber, Zähringer Straße 373.

"Am Anfang waren die Leute richtig heiß auf Videofilme", erinnert sich Brengartner. Über die Weihnachtstage 1983 zum Beispiel seien alle rund 2000 Kassetten, die damals im Geschäft waren, verliehen gewesen. "Das waren einmalige Zeiten!" Manche Kunden hätten damals praktisch täglich tütenweise Kassetten aus dem Laden getragen. "Wir haben die dann im Spaß gelegentlich Videoten genannt", so der Chef des Filmverleihs. So mancher habe damals zudem im großen Stil Privatkopien der Kassetten gezogen. "Mit einer großen Filmsammlung zu Hause war man in diesen Jahren der King", sagt Brengartner.

Videokassette für 300 D-Mark

Der Unternehmer hat das ganze Auf und Ab der Branche und die verschiedenen technischen Weiterentwicklungen mitgemacht, die es seit Beginn des Videozeitalters gegeben hatte. "Anfangs hatten wir alle Filme dreifach im Laden – im VHS-, im Betamax- und im Video-2000-Format", erzählt Brengartner. Eine Videokassette habe anfangs um die 300 D-Mark gekostet.

Einschneidend sei dann die Einführung der DVD als Trägermedium gewesen, die etwa ab dem Jahr 2000 spürbar den Markt mitprägte. "Diese neue Technik hat dann nochmals für einen kleinen Boom gesorgt", berichtet Brengartner. Bei der Weiterentwicklung Bluray-Disc habe er den Effekt dann allerdings kaum noch wahrgenommen. "Die zusätzliche Qualität hat dann kaum noch jemand hinter dem Ofen vorgelockt", sagt der Unternehmer.

Todesstoß durch Onlinevideoportale

Den eigentlichen Todesstoß für die Branche sieht der Videothekenbetreiber allerdings in den Onlinevideoportalen. "Die Leute sitzen auf der Couch und denken, dass sie jetzt gerne einen Film sehen würden – und dann reicht im Grunde ein Klick oder Tastendruck und es geht los", so Brengartner. Der Gang zur Videothek mit ihren begrenzten Öffnungszeiten sei da den allermeisten zu viel. Zusammengebrochen sei auch das Erwachsenengeschäft mit Erotik- und Porno-Streifen, das einst 25 bis 30 Prozent des Erlöses gebracht hatte. "Ich vermute, dass auch hier das Netz nun als Anbieter eingesprungen ist", sagt Brengartner.

Zu Hochzeiten habe es in Freiburg einst mehr als 15 Videotheken gegeben. Zuletzt schlossen dann der Manhattan-Media-Store auf der Haid (September 2015) und "Videorent" im Stühlinger (Juli 2016). Auch die Automatenvideothek an der Habsburger Straße ist nicht mehr.

Für Brengartner selbst, der verheiratet ist und zwei Kinder hat, steht nun eine berufliche Umorientierung an. "Privatisieren kann ich leider nicht – ich muss mir einen neuen Job suchen." Der Räumungsverkauf beginnt am 9. Dezember.
Videofilm-Technik

Die Ursprünge der Videotechnik im Heimbereich liegen im Jahr 1971. Damals brachten die Firmen Philips und Grundig ihr VCR-System heraus. Zum Massengeschäft wurde das Ganze Ende der 70er-Jahre mit dem sogenannten Formatkrieg. Damals kämpften die Systeme VHS (Hersteller JVC), Betamax (Sony) und der VCR-Nachfolger Video 2000 (Philips und Grundig) um Akzeptanz bei den Konsumenten. Am Ende setzte sich VHS durch (Marktanteil 1986: 93 Prozent). 1996 kamen die ersten Abspielgeräte für Filme auf den silbernen DVD-Scheiben in den Handel – bei Preisen von anfangs 10 000 D-Mark. Eine Weiterentwicklung der DVD-Technik ist die Bluray-Disc (ab etwa 2008). Seit 2005 finden Videoportale im Internet mehr und mehr Nutzer.

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