Freiburger Studierende entwickeln E-Learning-Projekt im Flüchtlingsheim

Elisa Miebach

"Mein Traum ist es, Krankenpfleger zu werden", sagt Lamin Fattiye."Dafür will und muss ich lernen!" Der 20-Jährige ist aus Gambia geflohen– und hat in einem E-Learning-Projekt von Studierenden seine Mathe-Skills verbessert.



Als Baboucarr Boye (Bild oben rechts) vor elf Monaten von Gambia nach Deutschland kam, brauchte er für das kleine Einmaleins seinen Handytaschenrechner. Mittlerweile liest er Divisionsaufgaben mit vierstelligen Zahlen auf deutsch von seinem Tablet vor und löst sie dann schriftlich auf dem Papier.


Beschriebe ein Graph seinen Lernerfolg, wäre die Kurve vor allem im vergangenen Monat stark angestiegen. Seit Anfang Juni kommen die Studenten Arno Angerer (Bild oben Zweiter von rechts) und Daniel Meling (Zweiter von links) mit ihrem Team zweimal pro Woche ins Flüchtlingswohnheim in der Bissierstraße. Im Gepäck haben sie drei Tablets, einen kleinen grauen Server und eine besondere Lernsoftware. "Die Idee, wie ich eine Strategie zum E-learning für Flüchtlinge in Freiburg entwickeln kann, kam mir im April wie ein Geistesblitz unter der Dusche", sagt Arno Angerer.

Drei Tablets – und Zugang auf 6600 Lernvideos und ungezählte Übungen

Schon seit einem Besuch bei einer Freundin in Uganda im vergangenen Jahr beschäftigt ihn die Frage, wie auch Menschen ohne Internetzugang von Online-Lernangeboten profitieren können. "Das Lernprogramm aus dem Internet war da, gebrauchte Tablets konnten wir auch organisieren – der Knackpunkt war die Software, die beides verbindet", sagt Angerer. So schrieb er an die kalifornische Foundation for Learning Equality, deren Vision es ist, Zugänge zu qualifizierter Bildung für jeden zu schaffen. Die Stiftung stellte Angerer kostenlos ihre Software zur Verfügung, mit der sich die heruntergeladenen Lerninhalte aus dem Internet auf den Tablets darstellen lassen.

"Alle Inhalte sind hier gespeichert", sagt Angerer und hält ein kleines Kästchen hoch, das nicht größer ist als seine Hand. "Dieser Mini-Computer verbindet auch die Tablets untereinander." Rasperry Pi heißt der einfach gebaute Rechner – ein Wortspiel aus der Zahl Pi und dem englischen Wort für Himbeerkuchen. Er lässt sich bei Bedarf sogar mit einem Solar-Akku aufladen.

Auf über 6600 Lernvideos und noch viel mehr Übungen haben Baboucarr Boye und seine Mitschüler jetzt Zugriff. "Die Software ist selbsterklärend und kann eigenständig oder begleitend zum Schulunterricht benutzt werden", sagt Angerers Kollege Daniel Meling: "Noch schöner ist es natürlich mit persönlicher Unterstützung". Das Team besteht aus sechs aktiven Mitgliedern, darunter Studierenden der Bildungs- oder Wirtschaftswissenschaften genauso wie ein ausgebildeter Programmierer. "Wir sind gut aufgestellt, laden aber alle, die Lust haben sich zu engagieren, herzlich ein mitzumachen", sagt Arno Angerer. Er selbst wird im Herbst zu einem sechsmonatigen Praktikum bei der Foundation for Learning Equality in Kalifornien aufbrechen, ist aber überzeugt, dass das Projekt weiterlaufen wird.

Den Teilnehmern macht das Lernen Spaß – und Erfolge gibt es auch

Der schwierigste Moment für ihn war der erste Besuch im Flüchtlingsheim: "Ich hatte Angst, dass es vielleicht gar nicht angenommen wird. Doch das war völlig unberechtigt", sagt er. Lamin Fattiye, der neben ihm sitzt, stimmt ihm zu: "Ich finde das Programm super", sagt der 20-jährige Gambianer und lächelt. Er ist heute etwas später gekommen, da er noch einen Termin mit seiner Lehrerin hatte.

Wie sein Freund Baboucarr Boye besucht er die Römerhof-Schule, an der Asylsuchende den Hauptschulabschluss nachholen können. "Die Lehrerin hat uns schon gelobt, dass wir viel besser in Mathe geworden sind", sagt Fattiye. "Mein Traum ist es Krankenpfleger zu werden. Dafür will und muss ich lernen!"

 

Bildung für Flüchtlinge in Freiburg

Arno Angerer und seine Mitstreiter sammelun über die Crowdfunding-Plattform Betterplace.org Spenden für ihr Projekt "Bildung für Flüchtlinge in Freiburg", das sie in Kooperation mit dem studentischen Verein "Weitblick" durchführen. Ihr erstes Ziel ist es, 240 Euro für den Kauf weiterer gebrauchter Tablets zu sammeln.

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  [Foto: Thomas Kunz]