Freiburger Schüler sind mit ihrem Stück für Theaterfestival in Berlin nominiert

Elena Stenzel

Das Theaterstück der 12. Klasse der Waldorfschule Rieselfeld wurde für das Jugendtreffen der Berliner Theaterfestspiele nominiert. Am Sonntag gibt’s eine öffentliche Aufführung, bei der die Jury erwartet wird.

Im Theaterraum liegen Instrumente über sämtliche Tische verteilt. Die 12. Klasse der Freien Waldorfschule Rieselfeld wuselt durch den Raum. Auf der Bühne steht ein Baugerüst. Gleich zu Beginn des Stücks wird es von "Pedigisten" eingenommen und mit Bannern behängt.


Die Sprüche kennt jeder, der innerhalb der vergangenen drei Jahre halbwegs aufmerksam Nachrichten verfolgt: Wir sind das Volk, steht da. Und auch: Lügenpresse. Die Pedigisten kommentieren das Geschehen auf der Bühne. Auf der linken Seite der Bühne steht ein Pult, es dient als Empore des Hohen Gerichts.

Bis Sonntag muss alles sitzen

Noch läuft bei den Proben zu "das bin ich nicht" nicht alles rund, da gibt es hier und da mal einen Texthänger oder Probleme mit der Beleuchtung. Jungregisseur Caspar Russo bespricht sich laufend mit den einzelnen Darstellern. Bis Sonntag muss alles sitzen, denn dann gibt es eine öffentliche Aufführung und die Jury der Berliner Festspiele kommt vorbei, um das Stück zu sichten.

Sie wird dabei ein besonderes Augenmerk auf die jugendliche Perspektive legen – wie gut haben sich die Jugendlichen mit dem Stoff auseinandergesetzt. Was meint Caspar Russo, inwieweit haben sie einen jugendlichen Zugang zum Thema gefunden? "Indem sich die Jugendlichen selbst spielen. Sie mussten sich die Texte auf ihre eigene Weise zu Eigen machen".

Kein leichter Stoff

Was hat der heutige Rassismus mit dem Holocaust gemein? Warum fühlen sich die Weltgeschehnisse unserer Zeit an, als wäre alles schon mal da gewesen? Und wie geht man mit dem riesigen Ärger über lauthals "Volksverräter" blökende Wutbürger um, die sich auserkoren fühlen, die Biodeutschen/das Abendland zu erretten?

Es ist kein leichter Stoff, den sich die 12. Klasse der Freien Waldorfschule Rieselfeld für ihr Zwölftklassstück "das bin ich nicht" ausgesucht hat. Doch der Mut zum schwierigen Thema wurde mit einer Nominierung für das Jugendtreffen der Berliner Festspiele belohnt. Aus 114 Bewerbungen wurden 20 für die Zwischenauswahl nominiert. Aus diesen 20 Nominierten werden acht Preisträger bestimmt.

Am 3. April werden die Siegerstücke bekannt gegeben

Sie haben die Chance, im Juni eine Woche nach Berlin zum Jugendtreffen der Berliner Festspiele zu fahren. Dort treten die Preisträger auf, nehmen an Workshops teil und tauschen sich aus. Am 3. April werden die acht Siegerstücke bekannt gegeben.

Caspar Russo berichtet von der Entwicklung des Stücks: "Am Anfang war das viel zu schwer. Viel zu viel Auschwitz". Auschwitz deshalb, weil das Stück größtenteils auf Peter Weiss' "Die Ermittlungen" basiert. "Die Ermittlung" behandelt die Auschwitzprozesse von 1963 bis 1965. Weiss nahm damals selbst als Zuschauer teil und baute das Stück anhand der Protokolle Bernd Naumanns auf – dabei klären Zeugen über die Gräueltaten der NS-Verbrecher auf.

Aktuelle Ereignisse flossen mit ein

"Das bin ich nicht" spannt einen roten Faden zum Zeitgeschehen. Während der Probenzeit flossen aktuelle Ereignisse in den Aufbau des Stückes mit ein. Man findet Anspielungen auf die US-Wahl, auf Attentate, die die Welt und auch die Schüler im vergangenen Jahr bewegten, auf Gesetze und politische Entscheidungen.

Es ist Russos erste Inszenierung. Der Germanistikstudent war nach einem Bewerbungsprozess von der Klasse ausgewählt worden. Aus seiner Feder stammt auch die Szenencollage, sie entstand im März 2016 nachdem die AfD bei Landtagswahlen in Baden-Württemberg mit hohen Werten abschnitt.

Zentrales Element: Kommentare aus den sozialen Medien

Wie setzt man sich mit rechtem Gedankengut auseinander? "Indem man Fragen stellt. Fragen wie: Warum mobilisieren sich so viele Menschen? Sind Rechte dumme Menschen kann man im Übrigen nicht per se sagen", erläutert der 22-Jährige.

Zentrale Elemente des Stücks sind Kommentare aus den sozialen Medien. Sie entstammen der Seite "Perlen aus Freital". Die Seite sammelt fremdenfeindliche, rassistische und antisemitische Kommentare, macht die Urheber aus und veröffentlicht die Namen und gelegentlich auch mal deren Arbeitgeber.

Was ist eigentlich der rote Faden, der den Holocaust und den heutigen Rassismus verbindet? Frustration wird im Stück als Grund benannt, aber reicht das? Reicht Frustration allein aus, um das Grauen des Holocaust mit dem heutigen Alltagsrassismus in seinen bürgerlichen Tarnhosen auf eine Stufe zu stellen? Das mag vielleicht ein Schwachpunkt des Stückes sein, es gelingt nicht vollends, eine Kontinuität im Verhalten der Rechten herauszustellen.

Die Aufführung ist öffentlich

Trotzdem, die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart ist erschreckend schlüssig. Das "Heute" ist feinsinnig beobachtet: Vermeintliche "Wutbürger", die rassistische Parolen schwingen, aber aufs Heftigste leugnen, Rassist zu sein. Alltagsbeobachtungen, die einem nur allzu bekannt vorkommen.

Die Aufführung am Sonntag ist öffentlich, Zuschauer sind willkommen.
Was: "das bin ich nicht" nach Peter Weiss "Die Ermittlung", von Caspar Russo

Wann: Sonntag, 19. März, 15 Uhr

Wo: Saal der Freien Waldorfschule Freiburg-Rieselfeld, Ingeborg-Drewitz-Allee 1

Eintritt: frei, ab 14 Jahren