Projekt

Freiburger Paar dreht Film über das Sterben an der EU-Außengrenze

Anja Bochtler

Corinna Rauer und Dschafar El Kassem haben im Sommer drei Monate an den Außengrenzen der EU gefilmt. Ihr Traum: Öffentlichkeit schaffen für das Elend dort. Jetzt brauchen sie Unterstützung.

In Tunesien holte sie das Thema mit all seiner Brutalität ein: Da wurden die Ethnologin Corinna Rauer (31) und ihr Lebensgefährte, der Filmemacher Dschafar El Kassem (35), mit der Beerdigung eines Mannes konfrontiert, der bei seiner Flucht im Meer ertrunken ist. Das war schwer erträglich, doch genau solche Szenen wollen sie festhalten. Darum haben sie im Sommer drei Monate an den Außengrenzen der EU gefilmt – in Libyen, Tunesien, Marokko, an der Balkanroute und auf der Insel Chios in der Ägäis. Jetzt brauchen sie Unterstützung.


Gefühl, etwas tun zu müssen

Eigentlich fing alles 2011 an. Damals hat Corinna Rauer ein halbes Jahr an der Grenze zwischen Mexiko und den USA geforscht. "Sie kam sehr verändert zurück", sagt Dschafar El Kassem – die beiden sind seit zehn Jahren ein Paar.

Nach ihrem Abschluss hat Corinna Rauer zwar noch drei Jahre als Managerin von Entwicklungsprojekten beim Beratungsunternehmen "Particip" im Stadtteil Vauban gearbeitet. Doch irgendwann wurde ihr Gefühl, dass sie "etwas tun" müsste, zu stark: "Auf dem Meer an den Grenzen zu unseren Ländern sterben viele, viele Menschen – und wir haben die Möglichkeit, Einfluss darauf zu nehmen. Die Menschen, die sterben, können das nicht." Ihr Traum: Mit einem Film Öffentlichkeit schaffen für das Elend – aber die Zuschauer nicht allein lassen mit einem Ohnmachtsgefühl, sondern Alternativen aufzeigen. Dschafar El Kassem, der aus Stuttgart stammt, war bereit, einzusteigen. Er hat ein Filmproduktionsbüro und macht normalerweise vor allem Werbefilme. Wegen seines Namens – sein Vater ist Libanese – wird er oft auf seinen eigenen Migrationshintergrund angesprochen. Doch das spielt für ihn keine Rolle.
Infos zum Crowdfunding des Filmprojekts: www.startnext.com/beyond-borders-documentary

37 Interviews mit Hilfsorganisationen

Los ging’s für die beiden mit einem Einsatz auf einem Seerettungsboot, danach reisten sie von Land zu Land, sprachen mit Vertretern von Nichtregierungsorganisationen und flüchtenden Menschen. So entstanden 37 Interviews. Besonders eindrücklich war, als sie im tunesischen Zarzis auf Chamesdine Marzous trafen, der für die Hilfsorganisation "Roter Halbmond" arbeitet und die angeschwemmten Leichen derjenigen beerdigt, die bei ihrer Flucht sterben. Mitten im Gespräch mit Chamesdine Marzous klingelte sein Handy, und er erfuhr, dass gerade eine Leiche aufgetaucht war. Corinna Rauer und Dschafar El Kassem waren dabei, als der unbekannte Tote in einen Leichensack gehüllt und auf einer ehemaligen Müllkippe in Eile "verscharrt" wurde – neben vielen anderen, die alle namenlos und unbekannt bleiben, auf Gräbern, die lediglich Nummern bekommen.

Damit das unwürdige Sterben gestoppt wird, wollen Corinna Rauer und Dschafar El Kassem in einem weiteren Projekt für die zweite Hälfte des Films weltweit Experten nach Alternativen befragen – von einer Politik, die Migration akzeptiert, statt auf Abschottung zu setzen, bis zu einer gerechteren Weltwirtschaft. Für die weitere Arbeit brauchen sie Unterstützung durch Crowdfunding: Sie hoffen auf mindestens 20 000 Euro, um damit eine Grundlage für Finanzierungsanfragen bei Sendern und Stiftungen zu haben.