Nachgehakt

Freiburger Nachtleben: Was gegen Rassismus und Sexismus getan wird

Savera Kang

Anfang des Jahres. Die BZ berichtet: "Freiburger Clubs lassen keine Flüchtlinge mehr rein" – und setzt eine Riesen-Diskussion in Gang. Was hat sich inzwischen getan in den Diskos der Stadt?

Die Vorgeschichte

Im Januar gelangte ein Brief an die Öffentlichkeit, den die Betreiber des alternativen Freiburger Clubs White Rabbit an Veranstalter geschrieben hatten: Belästigungen, sexualisierte Gewalt und Angriffe auf Türsteher hätten ein Ausmaß angenommen, dem man als einzelner Club nicht mehr beikomme.

Gegen den 20-jährigen Gambier, der eine Frau in der Toilette des Clubs vergewaltigt und eine weitere Besucherin auf dem Weg vom Club in die Stadt angegriffen haben soll, wurde mittlerweile Anklage erhoben.

Zunächst sollten also Geflüchtete – von denen die Übergriffe gehäuft auszugehen schienen – an der Tür abgewiesen werden; in ruhiger Atmosphäre an einem Nachmittag wollte das White-Rabbit-Team die potenziellen neuen Gäste dann kennenlernen und ihnen Clubausweise ausstellen. "Das war rassistisch und auch im Team sehr umstritten", sagt ein Türsteher des Clubs rückblickend, "wir haben das höchstens an einem Abend so gemacht."

Die Folgen

Die Idee mit den Clubausweisen aber blieb, heute kommt man ins White Rabbit nicht mehr ohne. Für drei Euro bekommt ihn an der Tür jeder, der sich ausweisen kann. In dem Club am nördlichen Ende der Innenstadt arbeiten auch Türsteher, die selbst als Flüchtlinge nach Freiburg gekommen waren – sie berieten die Betreiber, als es darum ging, welche Dokumente neben Reisepässen und Personalausweisen ausreichend sein könnten, um festzustellen, wie ein neuer Gast heißt und wo er aktuell wohnt. "Wenn sich dann jemand daneben benimmt und des Clubs verwiesen wird, kommt sein Name auf eine Liste", erklärt der Türsteher das System, das sich aus seiner Sicht bewährt hat.

So werde niemand aufgrund seines Äußeren diskriminiert, und man könne sich gegenseitig kennenlernen. Und Frauen sollen sich sicher sein können, dass sie Ansprechpartner haben, die reagieren, wenn jemand ihre Freiheiten beim Feiern einzuschränken versucht. Dies, so sagt es der Türsteher, der schon in verschiedenen Freiburger Lokalen den Einlass geregelt hat und seit anderthalb Jahren die Tür des White Rabbit im Auge hat, sei ein altbekanntes Problem: "Früher waren es schmierige Typen, die Frauen angetatscht haben, heute sind es dieselben schmierigen Typen, die sagen: ,Die Flüchtlinge tatschen unsere Frauen an’" – an der sexistischen Haltung vieler habe sich leider nichts geändert.

Darum habe man ein Awareness-Team gebildet: "Die haben nicht die Befugnis, Hausverbote zu erteilen, sondern bewegen sich als eine Art Streitschlichter im Club", schildert der Mitarbeiter das Konzept. Wenn dann doch mal jemand des Clubs verwiesen werden müsse, komme der Name auch auf die Liste der Aktion "Hausverbot" – zu ihr haben sich mehrere Nachtgastronomen zusammengeschlossen: Wer einmal irgendwo rausfliegt, kommt in den nächsten zwei Jahren auch in die übrigen Clubs nicht rein. 30 Personen stehen laut Polizeisprecherin Laura Riske aktuell auf dieser Liste.

Die Wiederbelebung der Aktion – die es in Freiburg eigentlich schon seit zehn Jahren gibt, die zwischenzeitlich aber eingeschlafen war –, ist eines der Ergebnisse des Runden Tisches, der als Reaktion auf den hilflosen Brief der White-Rabbit-Betreiber gegründet wurde.

Am kommenden Dienstag soll der Runde Tisch zum dritten Mal zusammenkommen, und erste Ergebnisse sollen präsentiert werden: "Wir haben zum Beispiel vier Arbeitsgruppen gegründet", sagt Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach – "Ordnung, Infrastruktur und Planung", "Sicherheit in den Clubs", "Fortbildung" und "Zivilcourage" sind die vier Felder, auf denen Vertreter der Gastronomie, der Stadt und der Polizei gemeinsam mit der Fachberatungsstelle gegen sexuelle Gewalt "Frauenhorizonte" und dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband gemeinsam arbeiten wollen. Man müsse an verschiedenen Stellen ansetzen, sagt von Kirchbach, und – das sei besonders wichtig – im Dialog miteinander bleiben.

"Für mich war der Runde Tisch interessant", sagt Peter Bitsch, Geschäftsführer des Kagan-Clubs im Freiburger Bahnhofsturm, "es hat sich gezeigt, dass sich die Probleme auf Bars verlagern." Darum würden auch diese immer häufiger Sicherheitspersonal an ihren Türen platzieren. Er selbst sei von der Thematik nur am Rande betroffen: "Wir lassen schon seit Jahren keine Männergruppen mehr rein." Bei einem Junggesellenabschied, der sich dem Anschein nach aus deutschen Männern zusammensetze, machten seine Türsteher – die aus dem Libanon, der Türkei, afrikanischen Ländern und vom Balkan kommen – aber auch Ausnahmen. "Da kann man jetzt sagen: ,Das ist rassistisch’", sagt Bitsch. Er sehe jedoch keine andere Möglichkeit; das Frauenbild mancher Männer stehe einem gelungenen Abend diametral entgegen.

Ähnlich sieht es Thomas Grigat, Programmchef des "Great Räng Teng Teng", wobei er dieses Frauenbild nicht in erster Linie auf die Herkunft der Männer zurückführt. "Seit den 90ern gibt es einen anti-feministischen Rollback", so seine Beobachtung. Mit ein paar Aufklärungsstunden sei es da nicht getan, die Gesellschaft müsse Sexismus allgemein entschiedener zurückweisen. Kurzfristig sollen Zettel auf der Damentoilette und im Gästebereich Frauen ermutigen, sich nichts gefallen zu lassen und sich bei Problemen an das Personal zu wenden. "Das passiert leider noch viel zu selten", sagt Grigat. Dabei arbeitet im Räng Teng Teng auch eine Frau an der Tür. Auch das White Rabbit hat Türsteherinnen, im Kagan wünscht man sich laut dem Betreiber welche.

Der Ausblick

Letztendlich sei die Aufregung verwunderlich gewesen, sagt der Türsteher des White Rabbit; dass es in der Gesellschaft und somit zwangsläufig auch im Nachtleben Rassismus und Sexismus gebe, sei bekannt. Dass nun darüber gesprochen werde, könne aber helfen. Über den Sommer habe man keine große Veränderung feststellen können, "das ist aber auch klar,bei schönem Wetter gehen die Leute weniger in Clubs", sagt er, "außerdem war Ramadan, da gehen manche gar nicht feiern."

Ob die Bars und Clubs der Stadt für den Winter gerüstet seien, werde sich erweisen. So oder so, da sind sich alle Angesprochenen einig, seien es kleine Schritte, die zu einem friedlichen Miteinander führen.

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Dieser Artikel erschien zunächst am 2. Oktober 2016 in "Der Sonntag".