Freiburger Münster: Kampf gegen den Verfall

Gaelle & Anette

Das Münster bröckelt. Das Ausmaß des Schadens ist von unten nicht immer sichtbar: viele Steine des Mauerwerks, Pfeiler, Figuren, Balustraden und Kreuzblumen des Münsters haben Risse. Sie sind schwarz und von Flechten überwuchert. Steinmetze und Steinbildhauer kämpfen nonstop gegen den Verfall des Sandsteins. Wir haben sie dabei beobachtet.



Verfall eines Wahrzeichens

Der von Flechten überwucherte Wasserspeier rauft sich den Kopf. Taubenkot und Abgase verschmutzen die Schutzmantelmadonna. Diese schönen und grotesken Figuren an der Südseite des Münsters drohen zu verkommen, unzählige Steine bröckeln. Um die Schönheit „Unserer Lieben Frau“ zu erhalten, müssen die Außenfassaden immer wieder abschnittsweise saniert werden. „In einer Generation, also etwa in 50 Jahren, wandert man einmal ums Münster herum“, sagt Christian Leuschner. Er ist der Steinmetzmeister der Münsterbauhütte.

Im Sommer 2005 brach ein Stück Turm, 50 Kilo schwer, bei starkem Wind nachts ab und stürzte auf die Plattform. Ein rostiger Eisendübel hatte das Steinstück von innen gesprengt. Daraufhin wurde die Sanierung des 116 Meter hohen Turms beschlossen. Seit einem Jahr versperrt ein Gerüst die Sicht auf den Turmhelm. Bis 2010 wird das noch so bleiben.



Auch ein Teil der Südseite des Langhauses rechts neben dem Eingangsportal ist von einem Gerüst verhüllt. Hier saniert man die beiden Strebepfeiler, einen Strebebogen und die dahinter liegenden Mauern. Das dauert bis 2009. Danach kommt die gegenüberliegende Nordseite an die Reihe.

Buntsandstein - porös

„Sandstein lässt sich gut zu gotischen, durchbrochenen Formen verarbeiten. Aber er ist auch wie ein Schwamm, der Wasser durch die Hohlräume aufsaugt“, sagt Christian Leuschner. Auf dem Gerüst an der Südseite des Langhauses zeigt er auf den Strebepfeiler, der zwischen den Holzlatten hervorragt. Dessen brüchige Stellen sanieren die Münsterretter auf dem Gerüst, etagenweise. Dafür müssen sie schwindelfrei sein.



Sie haben Immenses vor sich: die Schäden am Stein sind an unzähligen Stellen sichtbar, wenn auch nicht immer direkt von unten. Gerade sind keine Arbeiter zu sehen, weil es zu kalt ist. Am Turm hat das Gerüst keine Schutzplanen. Deshalb gehen dort die Bauarbeiten wegen des  schlechten Wetters und des Windes erst im April weiter. Unten, in der extra für das Turmteam eingerichteten Werkstatt, wird jedoch kräftig gemeißelt.

Bei starker Verwitterung, oft wegen der Luftverschmutzung, müssen manche Steine ganz oder Teile davon ersetzt werden. Paradoxerweise betrifft das vor allem Steine aus dem 20. Jahrhundert. Manch mittelalterlicher Stein ist besser erhalten. Die verwendeten Steine aus den 1920er Jahren sind sehr weich und enthalten viel Kalk, der sich bei saurem Regen in schwarzen Gips verwandelt. Diese Schale lässt den Stein bröckeln. Die Steine aus den 1970er Jahren dehnen sich bei Hitze aus und werden brüchig.



Details für die Nachwelt bewahren

In der Werkstatt der Münsterbauhütte am Schlossbergring schwebt Steinstaub. Der Druckluftmeißel hämmert gegen ein Maßteil. Hier arbeitet der Werkmeister mit seinem Team von elf Steinmetzen, zwei Steinbildhauern und zwei Lehrlingen nach jahrhundertealter Tradition.

Sie sind beim Münsterbauverein angestellt, der für die Bauunterhaltung des Münsters verantwortlich ist. Heutzutage kümmern sich die Arbeiter in der Bauhütte eher um Konservierung als um Neufertigung von Baustücken: die Steinmetze übernehmen auch restauratorische Arbeiten, zum Beispiel an der Oberfläche der Steine.



Vor der Sanierung wird die betroffene Fassade per Sandstrahlung gereinigt. Dann wird von dem Bauabschnitt eine so genannte Schadenskartierung angefertigt. Das heißt: man erstellt mit Hilfe einer speziellen Kamera photogrammetrische Pläne. Ziel ist es, auf diese Weise jeden Stein millimetergenau zu vermessen und seine Schäden exakt zu dokumentieren, damit die Denkmalspflege Zuschüsse gewährt.

Müssen Steine ersetzt und neu gefertigt werden, erstellt Christian Leuschner Schablonen am Computer. Diese werden auf Folie ausgedruckt und von den Steinmetzen auf den zu bearbeitenden Sandsteinblock übertragen. Aus den Steinbrüchen in Lahr und Kenzingen liefert man roten, aus Kaiserslautern gelben Sandstein: die Farbe der Ersatzsteine muss stimmen. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts wurden mittlerweile etwa 5.000 Gipsabdrücke von Plastiken und Architekturteilen genommen, damit man auch in späteren Jahren weiß, wie die Steine ursprünglich aussahen.



So entstand auch der Abdruck vom zweiköpfigen Wasserspeier, der an der Südseite sein Hinterteil in die Luft reckt. Der Po zeigt in Richtung Erzbischöfliches Palais am Münsterplatz – man sagt, der Künstler habe damals seiner Aversion Luft gemacht.

Die fertigen Stücke, die bis zu 2000 Kilo wiegen, werden mit dem Gabelstapler palettenweise zum Münster transportiert. Es gibt zwei Außenaufzüge und eine Seilwinde im Turm. So können die Steine auf die jeweiligen Gerüstetagen verteilt werden. Im Mittelalter gab es das Tretrad, mit dem ein Arbeiter mittels seiner Beinkraft Steine bis zu 1000 Kilo per Seilwinde nach oben ziehen konnte.



Steinbeerdigung

Christian Leuschner saniert das Münster seit 23 Jahren und findet es aufregend. „Das Schöne an den Arbeiten an so einem Bauwerk ist, dass mit jeder späteren gotischen Epoche etwas Neues kommt. Es wird zeichnerisch komplizierter“, sagt er mit begeistertem Blick. Die Arbeit mit dem formbaren und teuren Sandsteinmaterial ist anspruchsvoll, manchmal auch heikel. Bricht ein Stein, so dass er unbrauchbar wird, muss der verantwortliche Pechvogel dafür das schwere, zerbrochene Stück auf dem alten Benkewagen durch den Hof der Bauhütte ziehen und eine Runde Bier ausgeben. Danach wird der zerbrochene Stein feierlich im Garten beerdigt und niemand sollte mehr ein Wort darüber verlieren.

Welcher ist dein Stein?

Die Sanierung des Münsters ist teuer und zu einem großen Teil von Spendengeldern abhängig. Für die aktuellen Sanierungsarbeiten am Turm fehlen noch mehrere Millionen Euro. Die Münsterbauer setzen auf die Mithilfe der Bürger. Sie bieten jedem die Möglichkeit, selbst mitzubauen. Schon viele haben sich mit einer Steinpatenschaft für den Turm verewigt. Denn mit jedem Münsterstein bröckelt ein Stück Freiburg.

Audio Diaschau (1:05 Min.)

http://fudder.de titel="">