Freiburger in Hongkong (2): Wastl

Kili

Gestern Qinghuangdao, heute Taishan, morgen Shanghai und Peking. Seine Flugmeilen zählt Sebastian, 35, schon lange nicht mehr. Das Bobbele aus dem Holbeinviertel lebt in Hong Kong und verantwortet für eines der weltweit größten Stahlhandelsunternehmen als Geschäftsführer das Südostasiengeschäft.



Die Firma kauft und verkauft Stahl, vor allem in China, das mit einer Stahlproduktion von 500 Millionen Tonnen jährlich mehr Stahl produziert als die zehn folgenden Länder zusammen. Eine Tonne Stahl kostet auf dem Markt zur Zeit zirka 600 US Dollar.


Nach Abitur und Zivildienst verließ Sebastian Freiburg 1993 und landete nach Umwegen über Sachsen, Thüringen und Hamburg vor vier Jahren in Hong Kong. Hier bewohnt er mit seiner Familie eine großzügige Wohnung in den Mid Levels oberhalb des Zentrums.



Sebastians Büro liegt in der Hennessy Road im wuseligen Distrikt Wan Chai, der tagsüber bevölkert ist von Shoppern und Geschäftsleuten. Abends wandelt sich das Gebiet in eine Kneipenmeile mit echtem Rotlichtbezirk, in dem früher die legendäre Suzi Wong ihren Geschäften nachging. „Ab und zu gönne ich mir in einer der Kneipen wie dem Typhoon ein Feierabendbier, aber in der Regel fahre ich direkt nach Hause. Sofern ich in Hong Kong bin, führen wir ein eher zurückgezogenes Familienleben.“ Dass er dabei ein Tannenzäpfle auf dem Balkon mit Blick auf die endlose Skyline genießen kann, verdankt er der Supermarktkette „Great“.



Viel Zeit bleibt aber nicht für seine holländische Frau Silvie und die beiden Söhne. Etwa 100 Tage ist der Stahlhändler pro Jahr auf Reisen. Persönliche Treffen sind in diesem Geschäftsfeld unabdingbar. Die Werksbesuche und Verhandlungsrunden in China und weiteren asiatischen Ländern entwickeln eine eigene Dynamik, oft ist Sebastian der einzige Europäer unter vielen Asiaten. „Gao Bao Shan“ (großer wertvoller Berg) nennen ihn respektvoll seine chinesischen Geschäftspartner, erzählt der 35jährige stolz.

„Die Verhandlungen finden in China grundsätzlich beim Essen statt. Egal ob Frühstück, Mittagessen oder Galadinner, gegessen wird immer, oft auch getrunken.“ Die Asiaten schätzen an dem Deutschen nicht nur seine Trinkfestigkeit, die er sich nach eigenen Angaben vor allem im Café Atlantik angeeignet hat.

Dass der ein oder andere Schnaps dabei über die Schulter statt in den Mund geschüttet werde um geschäftsfähig zu bleiben, gehört zu den kleinen aber feinen Erfolgsgeheimnissen des gelernten Betriebswirts, der auch schon rohen Hahnenkamm oder frittierte Spatzenembryos vorgesetzt bekam.



Entscheidender aber als kulinarische Gewandtheit sei etwas anderes: „Es mag seltsam klingen, aber wichtiger als kaufmännisches Rechnen oder Business English sind in dem Job soziale Kompetenzen. Vertrauen zählt hier mehr als Verträge.“ Seine badische Gelassenheit kombiniert Sebastian dabei mit kaufmännischer Zielstrebigkeit und Ausdauer. Man dürfe in kritischen Situationen nicht die Geduld und damit das Gesicht verlieren. Die Asiaten schätzen deutsche Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit, vor allem in Sachen Zahlungsverkehr. Der Stahlhändler nennt es „straight forward“, was ihn hier als Geschäftsmann auszeichnet.

Man dürfe sein Gegenüber nie kritisieren oder gar Probleme offen ansprechen. Anstatt sich als westlicher Geschäftsmann aufzuspielen, solle man bescheiden bleiben und sich lieber hin und wieder dumm stellen. „Anfangs kam ich mir vor, als würde ich durch einen dunklen Raum stolpern. Man tastet sich dann über die Jahre voran und findet sich immer besser zurecht.“



Bei allem Business und Glamour der brummenden und niemals schlafenden Stadt Hong Kong sehnt sich Sebastian aber häufig nach der Ruhe Freiburgs zurück. „Ich würde einiges dafür geben, mal wieder eine lange Rote mit zu essen und gepflegt auf badisch zu kommunizieren.“

Seit er selbst Kinder hat, sind die Besuche bei den Eltern in der Wiehre seltener geworden. Wenn die Einschulung des älteren Sohns ansteht, wird im Familienrat überlegt, wo die Reise hingehen wird. Aber bis dahin sind es noch ein paar Jahre, in denen Sebastian in China so manche Tonne Stahl verkaufen wird.

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