Freiburger Forscher beschäftigt sich mit der Frage, was Flüchtlinge mit dem Klima zu tun haben

Maren Kläger

Die Themen Flucht und Klima sind brandaktuell. In einer Studie beschäftigt sich Rüdiger Glaser vom Institut für Umweltsozialwissenschaften der Uni Freiburg mit der Frage, inwieweit das Klima die Migration beeinflusst. fudder-Mitarbeiterin Maren Kläger hat mit ihm gesprochen.

Wie kam es, dass im 19. Jahrhundert 20 bis 30 Prozent der Migranten aufgrund des Klimas nach Nordamerika flohen?

Glaser: Das 19. Jahrhundert war in Europa von einer hohen klimatischen Veränderlichkeit geprägt. So gab es Anfang des Jahrhunderts eine kleine Eiszeit, außerdem verursachte der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im Jahre 1815 weltweite klimatische Veränderungen. Das Jahr 1816 ging somit als das "Jahr ohne Sommer" in die Geschichte ein. Doch die Menschen wanderten natürlich nicht nur wegen der schlechten klimatischen Bedingungen aus, sondern wegen der darauf folgenden Kettenreaktion: Das schlechte Wetter hatte Missernten zur Folge, die wiederum Preissteigerungen verursachten. Diese waren sozusagen der "Trigger", der Auslöser für die Leute, die ohnehin schon in Armut lebten, die Migration nach Nordamerika zu wagen.

Was erhofften sich die Auswanderer von Nordamerika?

Natürlich hatten die Migranten konkrete Wünsche und Vorstellungen. Im restaurativen Europa hatten viele Leute keine Perspektive, keine Möglichkeit zur politischen Teilhabe, man konnte kein Land erwerben, kein eigenes "Business" starten. All das hat Amerika versprochen: es gab genug freies Land, die Möglichkeit, ein eigenes Unternehmen zu gründen und sich eine Ernährungsgrundlage zu schaffen. Außerdem wurde die Auswanderung nach Amerika in Europa regelrecht beworben. Somit hieß es für viele Familien: Weg vom konservativen Europa hin zum "pursuit of happiness" in Amerika.

"30 Prozent der Migration sind auf klimatische Bedingungen zurückzuführen."

Wie gehen Sie bei Ihrer Studie vor und welches Endziel erhoffen Sie sich?

Wir möchten mit unserer Studie eine Ergänzung zu bisherigen Erklärungsansätzen der Migration liefern. Unserer Studie liegen Daten wie Bevölkerungs- und Auswanderungszahlen, Klimadaten, Ernteerträge und Getreidepreise zugrunde: Diese haben wir in ein statistisches Modell gekleidet, um aus diesem Datenmaterial objektive Aussagen treffen zu können. Somit können wir dem bisherigen Erklärungsansatz unsere These, dass 30 Prozent der Migration auf klimatische Bedingungen zurückzuführen sind, hinzufügen.

Das Thema Flucht sowie das Thema Klima sind brandaktuell. Welchen aktuellen Bezug sehen Sie in Ihrer Studie?

Im 19. Jahrhundert fanden viele strukturelle Veränderungen statt, die die Zeit prägten, das prägnanteste Beispiel ist wohl der Beginn der Industrialisierung und der Globalisierung. Heute haben wir ähnliche Veränderungen und den Klimawandel, welche zu ständigen Diskussionen über Klimaschutz und Klimaflüchtlinge führen. Was wir daraus lernen können ist ein systemisches Denken. Die Dinge sind sehr komplex, nichts ist monokausal und lässt sich nur auf eine Ursache zurückzuführen. Wie man in unserer Studie sieht, sind Kettenreaktionen als Erklärungsmodell notwendig. Durch den Klimawandel werden Regionen, die jetzt schon politisch instabil sind, noch instabiler, wenn sich aufgrund des Klimas beispielsweise die Ernährungssituation verschlechtert.

"Auch beim Klimawandel gibt es Gewinnerregionen und -branchen und Verlierer."

Laut Greenpeace wird sich die Zahl der Klimaflüchtlinge bis 2040 auf 200 Millionen erhöhen. Was sagen Sie dazu?

In Staaten, in denen ohnehin schon ein hoher sozialer Druck herrscht, kann sich die Situation durch Klimakatastrophen dramatisch verschlechtern und die Einwohner zur Flucht treiben, wenn man nicht darauf hinarbeitet, stabile Systeme zu schaffen, die sich gegen Folgen des Klimawandels wappnen können.

Wie wird der Klimawandel in der Zukunft auf unsere Gesellschaft wirken?

Auch beim Klimawandel gibt es Gewinnerregionen und -branchen und Verlierer. Ein aktuelles Beispiel wäre der Tourismus im Schwarzwald: Verlierer werden die Liftbetreiber sein, wenn die Schneedecke zurückgeht, dafür werden aber die gewinnen, die im Schwarzwald auf Sommertourismus setzen, da es längere warme Perioden geben wird. Wir sind sehr darauf gepolt, nur das Negative zu sehen. Positive Faktoren, wie kürzere Heizperioden im Winter oder weniger Unfälle durch Schnee und Glatteis lassen wir oft außer Acht. Der Klimawandel stellt uns vor ganz neue Herausforderungen: Wir müssen sehen, wo Gewinner- und Verliererregionen sind und einen Ausgleich schaffen.

"Wir verhalten uns zwar oft dumm, haben aber dennoch auch einsichtige Momente, es geht darum, wie wir unsere Grenzen wahrnehmen."

Kann es nicht sein, dass wir irgendwann alle Verlierer sind?

Das glaube ich nicht, der Mensch ist schließlich nicht dumm. Wir verhalten uns zwar oft dumm, haben aber dennoch auch einsichtige Momente, es geht darum, wie wir unsere Grenzen wahrnehmen. Zum Beispiel gibt es seit Jahrhunderten Sturmfluten an Küsten, auf die der Mensch auch reagiert. So wurde in Hamburg im Vorgriff auf die prognostizierte Meeresspiegelerhöhung der Hochwasserschutz auf acht Meter erhöht, aber auch gleichzeitig die Hafen City gebaut. Auch können sich die Niederlande, die unter dem Meeresspiegel liegen, vor einem Ansteigen von diesem schützen, da sie die technischen Möglichkeiten und genügend Gelder dafür haben. Andere Länder wie Bangladesch haben diese nicht. Auch hier kommt wieder das Gewinner-Verlierer-Prinzip ins Spiel.

Haben die Industriestaaten – die den Klimawandel maßgeblich verursachen, sich aber auch gut gegen ihn wappnen können – eine Verantwortung gegenüber den "Verlierern"?

Ja, denn mit globalem Wandel geht auch globale Verantwortung einher. Wenn wir Absurditäten, wie, dass in Ghana auf dem Markt niederländische Tomaten verkauft werden, weil diese billiger sind, zulassen und daraus unseren Profit ziehen, dann haben wir auch die globale Verantwortung. Wenn man will, dass die Welt sicherer und besser wird, dann muss man das jetzt angehen.

"Wir alle sind in der Pflicht, das Klima zu schützen."

Sehen Sie, ob in Bezug darauf ein Umdenken stattfindet?

Sicher ist Klimaschutz Thema, die Medien berichten darüber, wir sind darauf sensibilisiert, Forschungseinrichtungen, die sich mit dem Klima beschäftigen, werden gefördert. Man weiß um die Dinge, muss dieses Wissen aber noch stärker umsetzen.

Wie kann ich als Privatperson einen Beitrag zum Klimaschutz leisten?

Jeder kann, soll und muss sich Gedanken machen, wie er die vorhandenen Ressourcen nutzt, selbst wenn man nur sein eigenes Verhalten reflektiert. Auf der Seite des Umweltamtes Freiburg kann man seinen eigenen CO2-Ausstoß berechnen lassen und ihn sich somit bewusst machen. Wir alle sind in der Pflicht, das Klima zu schützen, nicht nur Politiker, das ist eine falsche Projektion. Diese Einstellung haben weltweit bereits viele Menschen, da sich die Themen globalisieren. Wir in der Summe als Masse übernutzen den Planeten, somit müssen wir auch versuchen, ihn zu schützen.
Professor Dr. Rüdiger Glaser vom Institut für Umweltsozialwissenschaften und Geographie der Uni Freiburg beschäftigt sich zusammen mit Dr. Iso Himmelsbach und Annette Bösmeier in seiner Studie am Beispiel des 19. Jahrhunderts, inwiefern klimatische Bedingungen Migration beeinflussten. Die Studie heißt " Climate of migration? How climate triggered migration from southwest Germany to North America during the 19th century".

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