Freiburger Clubs lassen Flüchtlinge nicht mehr rein

Joachim Röderer & Carolin Buchheim

In nahezu allen Clubs oder Diskotheken in Freiburg haben Flüchtlinge aktuell keinen Zutritt - oder nur in begrenzter Zahl. Zuvor hat es in einigen Läden Zwischenfälle gegeben, darunter sexuelle Übergriffe auf Besucherinnen. Angezeigt wurden die Vorfälle größtenteils nicht; Die Polizei hat keine Zunahme der Straftaten in diesem Bereich festgestellt.

Die Betreiber des White Rabbit finden klare Worte: „Wir haben beschlossen, dass wir vorerst keine Menschen mehr in das White Rabbit reinlassen werden, die nur eine Aufenthaltsgestattung besitzen“, heißt es in einer internen E-Mail, die an Partyveranstalter des linksalternativen Clubs am Siegesdenkmal ging. Dies sei kein einfacher Schritt gewesen, aber man sehe derzeit keinen anderen Weg, „wie wir gewisse Probleme mit Geflüchteten in den Griff kriegen können“.


Neben Taschendiebstählen und einer Messerattacke auf einen Türsteher listen sie sexuelle Belästigungen, Eindringen in die Kabinen auf dem Frauen-WC, Verabreichen von K.o.-Tropfen und sogar eine versuchte Vergewaltigung auf. Club-Besucherin Annika (Name geändert) beschreibt im Gespräch mit der BZ eine Party nach einem Konzertbesuch im White Rabbit im Dezember. Eine große Gruppe afrikanischer Männer sei gekommen und habe tanzende Besucherinnen belästigt. „Ich bin beim Tanzen umringt und abgedrängt worden“, berichtet die 46-Jährige. Sie fühlte sich bedroht. Die  Situation sei  „voller männlicher Gewalt“ gewesen. Annika holte sich bei Freunden und dem Personal Hilfe. Zwei Männer flogen ihretwegen aus dem Club, fünf, weil sie eine andere Frau belästigt hatten. Auf der Treppe zur Straße musste sie sich durch eine Männermenge drängeln: „Ein Spießrutenlauf.“ Weitere Besucherinnen des Abends bestätigten den Bericht. „Das hat das Maß normaler Anmache in einem Club bei weitem überschritten“, sagt eine Frau. Taschendiebstähle und Belästigungen hat es auch in anderen Clubs gegeben. Der Betreiber eines Innenstadtclubs sagt, er lasse bereits seit mehreren Monaten Flüchtlinge nur zu bestimmten Veranstaltungen wie Reggae-Abenden ein. In einem anderem Lokal wurde die Einlasspolitik verschärft, nachdem Warnschilder in mehreren Sprachen nicht geholfen hatten.

Dietmar Ganzmann, Betreiber der Studentendisko El.Pi, lässt nur eine kleine Gruppe von Flüchtlingen pro Abend ein. „Wir haben traditionell eine harte Tür. Die Türsteher sind marokkanischer Abstammung und kennen ihre Pappenheimer. Das braucht Fingerspitzengefühl.“ Auch im Jazzhaus war in dieser Woche der Umgang mit Geflüchteten Thema, nachdem die Diebstähle zugenommen hatten. „Wir haben den politischen Anspruch, ein weltoffener Club sein“, sagt Michael Musiol, „wir können es aber auch nicht so laufen lassen.  Anspruch und harte Realität  gehen da auseinander.“ Peter Bitsch, Betreiber der Diskothek Kagan im Bahnhofsturm, hat beobachtet, dass viele Frauen sich nicht mehr sicher fühlen. Sie ließen sich direkt vor die Türe bringen und würden nicht mehr, wie früher, von Disko zu Disko ziehen.

Die Vorfälle in den Clubs – von Taschendiebstählen abgesehen – sind Harry Hochuli, dem Leiter des Innenstadtreviers Freiburg-Nord,  nicht zu Ohren gekommen. Bei sexuellen Belästigungen jeder Art sei die Dunkelziffer hoch,  im Nachtleben werde vieles durch Freunde oder Türsteher geklärt. Was Hochuli aber auffällt: Die Zahl der Männergruppen, die nachts in der Stadt umherziehen, habe  zugenommen. Zudem habe sich das Feier-Gebiet  deutlich vergrößert. „Wenn viele an der Tür abgewiesen werden, werden sie aggressiv, und das Problem verlagert sich auf die Straße“, so der Revierleiter. Die Polizei will mit mehr Personenkontrollen dagegenhalten. Er hofft beim jährlichen runden Tisch mit Nachtgastronom, dass die Hausverbots-Aktion wiederbelebt wird, mit der vor Jahren Erfolge beim Eindämmen von Gewalt in Freiburgs „Bermudadreieck“ erzielt werden konnten.

Der Knackpunkt ist: Die Nachtgastronomen dürfen Flüchtlinge und andere Menschen mit Migrationshintergrundwegen des Rechts auf Gleichbehandlung nicht pauschal abweisen. „Das ist ein sehr schmaler Grat. Ein Club müsste, wenn er verklagt wird, vor Gericht beweisen, dass er nicht diskriminiert hat“, sagt Alexander Hangleiter, Geschäftsführer beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband in Freiburg. Er sieht aber auch die Zwangslage der Gastronomen, denen die Gäste wegbleiben, wenn sie nicht gegen die Missstände einschreiten. Er sei ratlos, gibt Hangleiter zu: "Wir brauchen Hilfe von Fachleuten.“

Die Beratungsstelle Frauenhorizonte rät Frauen, die belästigt werden, sofort Dritte anzusprechen und Hilfe beim Barpersonal zu holen. „Clubs verdienen daran, dass Menschen kommen, feiern und trinken“, sagt Claudia Winker, Leiterin von Frauenhorizonte. Bar- und Sicherheitspersonal müsste daher für sexualisierte Gewalt sensibilisiert sein. Schilder in mehreren Sprachen seien ein Anfang, auch T-Shirts mit Slogans wie „Keine Anmache in unserem Club“. Unter Umständen sei auch mehr Personal nötig. „Die Clubs müssen eindeutig Stellung beziehen, welches Verhalten okay ist und welches nicht.“ Zur Türpolitik der Clubs sagt sie: „Ich hoffe, dass hier andere Möglichkeiten gefunden werden, als beim Einlass zu diskriminieren.“ So sieht es auch der Freiburger Islamwissenschafter Abdel-Hakim Ourghi: Das sei für junge Männer, die auf der Suche nach Freiheit nach Europa gekommen seien, „tief verletzend“.

Beim White Rabbit ist der Eintritt jetzt nur noch über eine Clubkarte möglich, die laut Betreibern jeder erhalten kann, der Gewalt, Sexismus und Diskriminierung ablehnt - auch Flüchtlinge. Momentan arbeite man intensiv daran, wie man Geflüchtete besser in das Nachtleben integrieren kann, teilen die Betreiber mit.

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[Archivbild: Michael Bamberger]