Der Sonntag

Ableger im Breisgau

Freiburger Aktivist zu Extinction-Rebellion: "Wir müssen das leider tun"

Jens Kitzler

Mit wochenlangen Blockaden in London wurden sie bekannt, nun rebelliert die globale Bewegung Extinction Rebellion auch in Freiburg. Ein Aktivist erklärt, wieso der zivile Ungehorsam sein muss.

Wochenlange Blockaden wichtiger Orte in der Londoner City machten die Umweltbewegung "Extinction Rebellion" bekannt, mittlerweile agieren Aktivisten in ihrem Namen in 50 Ländern – auch in Freiburg, wo sie gestern einmal mehr eine Straße besetzten. Ziviler Ungehorsam, sagt Aktivist Jan Carl Matysiak im Gespräch, sei vielleicht die letzte Chance.


Der Sonntag: Herr Matysiak, mitten im Betrieb im Bürgeramt brechen zwei Dutzend Menschen auf Kommando wie tot zusammen. Einige Zeit später blockieren Aktivisten eine stark befahrene Ausfallstraße. Zwei Tage danach setzen sie sich auf die Bahnhofsachse und halten den Verkehr auf, bis die Polizei jeden Besetzer weggetragen hat. Ist Extinction Rebellion die ungemütliche Variante von "Fridays for Future"?
Matysiak: Ungemütlich trifft es ganz gut, weil wir auf zivilen Ungehorsam bauen. Aber wir sind keine Antwort auf Fridays for Future, auch wenn sich die Ziele in Teilen natürlich überschneiden, sondern eine eigenständige Bewegung. Wir wollen nicht nur die Abläufe in Schulen stören, sondern die der Gesellschaft insgesamt. Zudem umfasst Extinction Rebellion alle Teile der Gesellschaft. Auch hier in Freiburg haben wir ältere Menschen, Eltern und Berufstätige in unseren Reihen.

Wir wollen darauf hinwirken, dass wir bis 2030 eine Null-Emissions-Gesellschaft werden. Jan Carl Matysiak

Der Sonntag: Und die glauben, dass Appelle von Klimaaktivisten wie Greta Thunberg nichts bewirken und man radikaler werden muss?
Matysiak: Wir sehen eine Diskrepanz zwischen dem, was wir aus wissenschaftlichen Quellen über den Klimawandel und die nahende ökologische Katastrophe wissen, und wie die Gesellschaft darauf reagiert. Und darauf weisen wir mit den Mitteln hin, die wir als adäquat empfinden.

Der Sonntag: Wie sehen Ihre Ziele aus?

Matysiak: Der Sonderbericht des Weltklimarates zum 1,5-Grad-Ziel sagt aus, dass wir einen radikalen gesellschaftlichen Wandel brauchen, wenn wir die globale Klimaerwärmung auf 1,5 Grad beschränken wollen. Die Selbstverpflichtung vieler Staaten dagegen läuft auf einen Anstieg um zwei bis drei Grad hinaus, was laut vieler Wissenschaftler katastrophale Folgen hätte – beispielsweise würde der steigende Meeresspiegel große Regionen der Erde verschlingen. Wir wollen darauf hinwirken, dass wir bis 2030 eine Null-Emissions-Gesellschaft werden.



Der Sonntag: In London oder Berlin mobilisiert "XR", wie sich die Aktivisten selbst abkürzen, bereits tausende Menschen, in Freiburg sind es bislang nur ein paar Dutzend Leute. Wird man mit so einer kleinen Gruppe überhaupt ernst genommen?
Matysiak: Mit dem Momentum, das XR entwickelt, können wir schon mit 30 oder 40 Leuten sehr effizient agieren. Beispielsweise lässt sich mit nur wenigen Mitstreitern der Verkehr stauen und ein vergleichsweise großer gesellschaftlicher Aufruhr erzeugen. Aber Extinction Rebellion wächst auch in Freiburg – bei 30 Leuten wird es nicht bleiben.

Ich verstehe, warum Menschen Auto fahren, und wir haben nichts gegen Polizisten, die uns von der Straße tragen müssen. Jan Carl Matysiak
Der Sonntag: Wenn man in Deutschland richtiggehend Hass ernten will, muss man Autofahrer behindern. Das konnte man auch in den sozialen Medien sehen, nachdem Ihre Gruppe in Freiburg die Basler Straße blockiert hatte. Da verspielen Sie doch Sympathien.
Matysiak: Stimmt, bei Autofahrern erzeugen wir sehr viel Unmut. Aber wir müssen das leider tun, weil das Blockieren des Verkehrs auch eine der spürbarsten Blockaden des gesellschaftlichen Alltags ist – und ohne solchen Druck wird sich zu wenig ändern. Außerdem ist gerade Autofahren in hohem Maße schädlich für das Klima. Ansonsten aber werden unsere Mittel des zivilen Ungehorsams in der Bevölkerung gut aufgenommen, vor allem, weil wir strikt friedlich sind und niemanden anklagen. Ich verstehe, warum Menschen Auto fahren, und wir haben nichts gegen Polizisten, die uns von der Straße tragen müssen.

Der Sonntag: Was Sie hier in Freiburg machen, richtet sich gegen die Bundespolitik, eine lokalpolitische Ebene gibt es nicht?
Matysiak: Wir haben durchaus auch Freiburgs Oberbürgermeister angeschrieben, wir würden uns natürlich wünschen, dass Freiburg als Stadt darauf reagiert, was wir tun. Basel beispielsweise hat immerhin bereits den Klima-Notstand ausgerufen. Innerhalb der englischen Extinction-Rebellion-Bewegung ist die Anerkennung eines solchen Notstands eine wichtige Forderung.

Der Sonntag: Wie übersetzen Sie Extinction Rebellion?
Matysiak: Es ist der Aufstand gegen das Aussterben. Gegen das Aussterben der Tierwelt, der Vegetation und schließlich auch des Menschen aufgrund der Klimaerwärmung.

Der Sonntag: Und dieses Aussterben symbolisieren Sie auch durch die sogenannten "Die-ins", bei der plötzlich Dutzende Menschen am Boden liegen?
Matysiak: Das funktioniert gut, beispielsweise an untypischen Orten wie Naturkundemuseen, in denen ja an die Naturgeschichte unseres Planeten erinnert wird. Das "Die- in" zeigt viel von dem drastischen Todesbild, das XR mitträgt. Man wird bei uns immer wieder die Sanduhr sehen, die zeigt, wie die Zeit verrinnt.

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