Gründung

Freiburg soll wieder ein Geburtshaus bekommen

Gina Kutkat

Zweieinhalb Jahre nach der Schließung des letzten Geburtshauses in Freiburg macht sich ein Team aus Hebammen, Aktivistinnen und Fachfrauen für ein neues stark. Die hebammengeleitete Einrichtung soll im Sommer 2020 eröffnen. Raumsuche und Spendenakquise laufen.

Die ersten Anfragen sind schon da – dabei gibt es das Geburtshaus Freiburg noch gar nicht. "Das zeigt uns, dass die Nachfrage groß ist", sagt Hebamme Sarah Wong-Herrlich. Das letzte Geburtshaus in Freiburg hat vor etwa zweieinhalb Jahren geschlossen, nun setzt sich Wong-Herrlich zusammen mit anderen Frauen dafür ein, dass werdende Eltern wieder die Möglichkeit haben, ihr Kind außerklinisch auf die Welt zu bringen.


Gemeinsam mit Kolleginnen, Fachfrauen und Aktivistinnen hat die 30-Jährige einen Trägerverein gegründet, der es sich zum Ziel gesetzt hat, im Sommer 2020 in Freiburg wieder ein Geburtshaus zu eröffnen. Eine Einrichtung, die von Hebammen selbstständig betrieben wird und in der Geburten ausschließlich durch diese betreut werden. "Ein Ort, an dem wir Frauen ermutigen wollen, selbstbestimmt und mit Vertrauen auf den natürlichen Lebensprozess ihr Kind zu gebären", so Wong-Herrlich. Aktuell bemüht sich auch eine weitere Initiative – die Elterninitiative Geburtswohnung Kuckucksnest – eine Geburtswohnung in Freiburg zu eröffnen, in der Geburten begleitet von Hausgeburtshebammen stattfinden können.

Ein Kernteam aus sieben Frauen arbeitet seit Mitte April intensiv am Projekt "Geburtshaus Freiburg". Sie eint der Wunsch nach einer hebammengeleiteten Einrichtung – aus beruflichen, aber auch privaten Gründen. "Bei uns allen ist ein Funke übergesprungen, man hat gemerkt, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist", so Wong-Herrlich. Zum ersten Planungstreffen im April kamen 20 Frauen und auch vier Monate später trifft die Idee auf viel Zustimmung – bei Freiburger Frauen und Familien als auch bei den Hebammen. Stephanie Kirschner-Krause ist ebenfalls Hebamme und hat wie Sarah Wong-Herrlich ihre drei Kinder zu Hause zur Welt gebracht. "Mir ist eine ganzheitliche Betreuung wichtig", so Kirschner-Krause. Familien sollen durch Schwangerschaft, Geburt und das Wochenbett 1:1 durch eine Hebamme betreut werden. "Und: Jeder kann bei uns gebären, egal, welches Einkommen."

Heilpraktikerin Julia Weller, die bald ihr zweites Kind zur Welt bringt, wird die organisatorische Geschäftsleitung im Geburtshaus übernehmen: "Ich finde es so wichtig, dass Freiburg wieder ein Geburtshaus bekommt. Dieses möchte ich vorerst vor allem in der Administration unterstützen, nach meiner Elternzeit eventuell auch als Heilpraktikerin oder Kursleitung." Auch für die Dokumentation der Geburten soll im Geburtshaus Platz sein: Fotografin Isabell Steinert sieht sich als Aktivistin: Drei Jahre lang hat sie in einem Geburtshaus auf den Philippinen gearbeitet und Geburten live miterlebt. "Es hat mich positiv überrascht, wie schön eine Geburt sein kann. In der Öffentlichkeit hört man meistens nur negative Erfahrungsberichte." Sie wird Geburten fotografisch begleiten, wenn Eltern das wünschen.

Spendenakquise und Crowdfunding

Aktuell betreibt das Kollektiv über den Trägerverein Spendenakquise – etwa 80.000 bis 150.000 Euro brauchen die Gründerinnen für Umbaukosten und die Erstausstattung ihres Geburtshauses. Auch mit einer Crowdfunding-Kampagne und Hilfe von Stiftungen soll die Finanzierung gestemmt werden. "Was die laufenden Kosten angeht, machen wir uns keine Sorgen", sagt Julia Weller. Geplant wird zunächst mit zehn Geburten pro Monat, nach der Anlaufphase mit mehr. Mindestens acht Hebammen sollen im geburtshilflichen Team arbeiten, das attraktiver Arbeitsplatz für den Berufsstand werden soll, der es in den vergangenen Jahrzehnten schwer hatte. Weitere Kolleginnen sollen mit Kursen und anderen ergänzenden Angeboten unterstützen.

Die Vision für das Freiburger Geburtshaus ist klar: Es soll ein Wohlfühlort werden, an dem achtsam und respektvoll mit den Gebärenden umgegangen wird. Zwei Geburtsräume, ein Raum für Vorsorge und Gespräche, ein Fotostudio, Büro, Küche, Lager und sanitäre Anlagen bilden die nötige Infrastruktur.
Eine Immobilie auf dem Güterbahnhofsareal haben die Gründerinnen bereits im Blick, momentan wird am Mietvertragsentwurf getüftelt. Außerdem führen sie Gespräche mit den Fraktionen des Freiburger Gemeinderats über eine Bezuschussung der Umbaukosten oder einen regelmäßigen Mietzuschuss – eine Petition läuft parallel dazu.

2018: 98 Hausgeburten, 5555 Geburten insgesamt

"Wir möchten die Lokalpolitik in die Verantwortung nehmen", sagt Sarah Wong-Herrlich. "Denn jeder Frau sollte es freistehen, wo sie ihr Kind bekommen möchte." So ist es auch seit 2012 im fünften Sozialgesetzbuch (SGB V) unter Paragraf 24 f formuliert. "In Freiburg ist diese Wahlmöglichkeit aber aktuell nicht gegeben." Ebenfalls im SGB V festgelegt ist, dass Krankenkassen verpflichtet sind, die Kosten für Geburten Zuhause oder im Geburtshaus sowie die Vor- und Nachsorge durch Hebammen zu übernehmen. Wong-Herrlich betont, dass sich das Geburtshaus Freiburg nicht gegen die Freiburger Geburtskliniken richtet, "wir stehen für uns alleine."

Die Nachfrage nach außerklinischen Geburten sei in Freiburg auf jeden Fall da, so das Geburtshaus-Team. Die Zahlen vom Freiburger Standesamt zeigen, dass es im vergangenen Jahr 98 Hausgeburten in der Stadt gab – von 5555 Geburten insgesamt. Im Jahr davor fanden von 5540 Geburten 84 Zuhause statt, 2016 von insgesamt 5338 waren es ebenfalls 98. " Ich bin ganz sicher, dass die Zahl mit der Eröffnung eines Geburtshaus steigen wird", sagt Sarah Wong-Herrlich.