Wetter

Freiburg ist doch nicht die wärmste Stadt Deutschlands – sagt zumindest Jörg Kachelmann

Felix Klingel

Freiburg, du musst jetzt stark sein: Der Meteorologe Jörg Kachelmann wetterte auf Twitter über die alte Weisheit, dass Freiburg die wärmste Stadt Deutschlands ist. "Alles Quatsch", sagt er. Zeit ihn zum Interview zu bitten: Wirklich, Herr Kachelmann?

Herr Kachelmann, jahrelang waren die Freiburger stolz darauf, in der wärmsten Stadt Deutschland zu leben. Sie sagen: Alles Bullshit. Das müssen sie erklären!

Jörg Kachelmann: Freiburg ist wirklich weit davon entfernt, die wärmste Stadt in Deutschland zu sein. Sie ist noch nicht einmal in den Top 20. Mehr oder weniger den ganzen Rhein rauf und runter ist es wärmer, was auch ganz logisch ist: Schauen Sie sich die Höhe von Freiburg an. Die Stadt ist fast 100 Meter über der Oberrheinebene. Dass jetzt plötzlich höher gelegene Orte im Schnitt wärmer sein sollen als Orte weiter unten, das gibt es so einfach nicht.

Woher kommt der Mythos denn dann?

Früher war Freiburg immer vorne dabei bei den hohen Temperaturen. Das ist inzwischen nicht mehr der Fall. Das liegt an der Wetterstation des Deutschen Wetterdienstes. Die stand früher direkt in der Stadt an einer Hauswand. Wenn die Sonne auf die Hauswand scheint, dann hat die Station ihr eigenes Mikroklima. Inzwischen steht die Wetterstation nicht mehr an der Hauswand, sondern am Flugplatz. Und Freiburg taucht nicht mehr oben auf der Liste auf.

Auf welchem Platz liegt Freiburg?

Das ist meistens irgendwo bei 30.

Ein harter Schlag für den Freiburger Stolz.

Es ist gibt noch eine Sache, die man sagen muss: Der Höllentäler ist ein warmer Wind. Im Gegensatz zur Wahrnehmung vieler Freiburger, die ihn als kühl empfinden. Der Höllentäler ist eine nächtliche Heizung. An der Flugplatzstation spielt er aber keine Rolle. Wenn also eine neue Station an einem Platz wäre, bei dem der Höllentäler weht, dann könnten die höheren Nachttemperaturen dazu führen, dass Freiburg vielleicht auch mal auf dem 20. Platz sein könnte. Dazu ein kleiner Aufruf: Wenn einer einen schönen großen Garten hat im Stühlinger, also im Bereich des Höllentälers, dem würde ich eine Wetterstation hinschrauben. Damit kommen wir vielleicht in die Top 20.

Sind solche Städte-Rankings überhaupt sinnvoll, wenn so viele Faktoren in die Messung mitreinspielen?

Die anderen Stationen sind schon anständig aufgestellt, nur in Freiburg stand sie eben an einem Ort, der nichts mit Freiburg, sondern einer Hauswand zu tun hatte. Früher ist man Kompromisse eingegangen, die man heute nicht mehr eingeht.

Aber Sie sagen, die aktuelle Station liegt nicht im Höllentäler, so genau scheint das auch nicht zu sein.

Ja, aber das spielt keine so große Rolle und betrifft vor allem die Nachttemperaturen und es wohnen auch nicht alle Freiburger in der warmen Höllentäler-Düse, der nun auch nicht immer weht.

Auf den vorderen Plätzen der wärmsten Städte in den Jahren 2016 und 2017 liegen etwa Köln, Frankfurt, Mannheim oder Lahr – inwiefern liegen die günstiger für die Wärme als Freiburg?

Die Höhe ist das Entscheidende. Das ist ungefähr ein Grad pro hundert Meter. Eine großflächige Bebauung rundherum bringt vielleicht auch noch ein paar wenige Zehntel.

Die geschützte Lage zwischen Schwarzwald und Vogesen bringt Freiburg also nichts?

Nein, denn Freiburg ist im Luv des Schwarzwalds, also auf der nassen Seite des Schwarzwaldes. Das Elsass profitiert tatsächlich von einem Lee, aber nicht ein Ort wie Freiburg direkt am Schwarzwaldrand. Munzingen spürt noch die Vogesen, Kappel ist ein Schwarzwaldort und hat die doppelte Regenmenge von Munzingen.

Jetzt müssen Sie erklären, was ein Luv und ein Lee ist.

Luv bedeutet, dass die Luft den Buckel hochgeht. Wenn der Wind vom Westen her kommt, geht’s den Schwarzwald hoch und macht Wolken und Regen. Und Lee ist das Gegenteil, also wenn der Wind runterkommt. Das macht warm und trocken.

Hat Freiburg denn wenigstens die meisten Sonnenstunden, wie es oft zu lesen ist?

Das ist noch viel enormerer Blödsinn als das mit der Wärme. Es gibt ja hundert andere Orte in Deutschland, die das von sich behaupten. Aus zwei Gründen kann das bei Freiburg nicht sein: Die Sonne geht am Morgen relativ spät auf, weil ja der ganze Schwarzwald erst mal überwunden werden muss. Und am Nachmittag gibt’s durch die Nähe am Schwarzwald viel mehr Quellwolken - Freiburg ist einer der weniger sonnigen am Oberrhein. Aber kommt’s denn für die Freiburger wirklich auf solche Räubergeschichten an, dass sie ihre Stadt gut finden?
Zur Person

Jörg Kachelmann ist ein Schweizer Meteorologe, Moderator, Journalist und Autor. Mit seinem Unternehmen Kachelmann GmbH bietet er seit 2014 von der Schweiz aus Wetterdienstleitungen an, unter anderem mit kachelmannwetter.de. Bekannt wurde Kachelmann durch seine Wettervorhersagen für die ARD, die sich durch einen lockeren und direkten Ton hervorgehoben haben.