Freiburg, ich vermisse dich!

Nadja Dilger

Zu klein, zu wenig Clubs und alle ziehen weg – vor fast fünf Jahren hat sich unsere Autorin von Freiburg verabschiedet. Doch mit den Jahren wächst das Heimweh. Inzwischen weckt jedes "gä" in ihr Sehnsucht. Ein Brief an die Heimatstadt.

Liebes Freiburg,

als ich vor Kurzem gelesen habe, dass das Aspekt schließt, war ich traurig. Immerhin war das UNSER Café. Das Café, in dem wir uns getroffen haben, wenn mal alle wieder in der Stadt waren und wir von unserer Abizeit geschwärmt haben: Jedes Wochenende im Kamikaze, montags im Waldsee, Spaghetti im Atlantik und Bier an der Säule der Toleranz. Gibt es die denn noch? Oder ist sie wie das Kami weg?


Wenn man als Jugendlicher in einer Stadt die meiste Zeit verbringt, sind das die Erinnerungen, die Orte, an die man denkt. Sowie die Nachtbusse, die nicht überall hinfahren und der Mc Donalds am Bahnhof, der als letzter Zufluchtsort noch offen hat. Das mag für all jene blöd klingen, die mit dir das Grüne verbinden und das gute Essen. Aber als Jugendlicher spielt das eine nebensächliche Rolle – besonders, wenn der Schulweg mit Bus und Bahn 50 Minuten dauert …

Erst, wenn man Mitte, Ende 20 ist und in einer Großstadt wohnt – weil es dort ja so viel mehr Clubs und Kultur gibt. Und dort wohnt, weil alle Freunde dort wohnen. Und man dort wohnt, weil vielleicht der Job passt: Dann denkt man zurück. An die Bächle, in die schon jeder reingefallen ist. An den Marktplatz und die Currywurst, für die man nicht 30 Minuten ansteht. Und an freundliche Bedienungen und noch freundlicheres Personal auf den Ämtern. Ja, das spielt irgendwann eine Rolle.

Überhaupt Berlin: Man trifft hier nur Emmendinger, Freiburger, Konstanzer, Titiseer. Auch sie sind irgendwann gegangen. Weil es zu ruhig im Süden war, sie keinen Platz an der Uni bekommen haben oder womöglich ganz andere Gründe hatten. Aber auch sie scheinen dich zu vermissen, Freiburg. Auch sie reden von deinen Nächten, dem ZMF oder der Dreisam. Und wenn sie reden, dann rutscht ihnen ein "gä" und ein "weisch" raus. Und wenn ich antworte, dann rutscht es mir raus. MIR!

Ich hätte nie gedacht, dass ich das ausgerechnet vermisse. Aber behalte es für dich, Freiburg. Denn irgendwann wollen sie zurück, sagen sie. Wenn sie Kinder bekommen, mit dem Studium fertig sind oder es ihnen reicht. Das kann morgen oder in zehn Jahren sein. Und wenn dann einer wüsste, dass ein "gä" schon ein wenig Sehnsucht wecken kann…

Vielleicht fällt es bis dahin auch wieder aus dem Vokabular. Vielleicht sieht es bis dahin in deinen Straßen ganz anders aus. Das Aspekt soll ja nun eine Kneipe werden.
Nadja Dilger ist 1991 in Freiburg geboren und im Schwarzwald aufgewachsen. Sie hat Kultur- und Medienwissenschaften mit Schwerpunkt Musik in Ludwigsburg, Billings, Montana und Berlin studiert. Inzwischen lebt sie in Berlin als freie Journalistin.

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