Freibadbesucher: Eine Typologie

Tobias Ilg

Wer gerade aus dem Lorettobad kommt oder aus dem Strandbad, hat vielleicht einen der Charaktere gesehen, die wir im folgenden beschreiben: Den Spanner, die Bikinitussi, die Lederlappen-Oma, die Bolzkinder (Foto) und ein paar weitere mehr.



Das Michelinmännchen

Solariumgebräunte und mit Silberkettchen behangene Typen, die prollend und posierend am Beckenrand stehen. Die im Fitnessstudio gestählten Oberarme werden genauso präsentiert wie die ausdefinierte Brust. Dieser Anblick gleicht leider nicht dem Adonis, dem griechischen Gott der Schönheit, sondern eher einem lebendigen Michelinmännchen. Während des Posings versichert sich der vermenschlichte Schrank sekündlich, ob alle Blicke des weiblichen Geschlechts auf ihn gerichtet sind. Ist das nicht der Fall, wird durch Grölen oder kindliche Raufereien versucht, Aufmerksamkeit zu erregen.



Der Beobachter

Das Gegenstück zum Muskelproll ist der sogenannte Beobachter. Ein Mann, Anfang 50, sitzt im Schatten auf einer Strohmatte - mit gelbem Badeslip und einer Brustbehaarung ausgestattet, wie sie David Hasselhoff zu Baywatch-Zeiten nicht dichter hätte haben können. Getarnt durch die Sonnenbrille (Modell "Porno") observiert und begutachtet er Frauen jüngeren Alters. Diese, meistens durch seine Goldkette oder die goldene Zahnkrone geblendet, ergreifen allerdings sofort die Flucht. Man könnte meinen, der Beobachter sei gekränkt, doch von wegen. Mit Sätzen wie "Die weiß gar nicht, was ihr entgeht" oder "Wenn die wüsste, wie kuschelig meine Brustbehaarung ist", versucht er sein Ego wieder auf Vordermann zu bringen.



Die Tussi

Das weibliche Pendant zum Michelinmännchen ist die aufgemotzte Tussi. Angemalt bis zum Haaransatz versucht sie, aus dem Weg zum Schwimmbecken einen Catwalk zu machen. Mit dem neuen, möglichst knappen Bikini, kombiniert mit glitzernden Flip-Flops will sie sich potenziellen Modelscouts anbiedern. Ist das nicht Peyman Amin, da oben auf dem Bademeisterstuhl?

Die Kommunikation zwischen den Tussis, die sich gern als BFF ("Best Friend Forever") ansehen, besteht meist aus minütlichem Face-Check, der Frage "Ist auch nichts verschmiert?" (warum eigentlich bei wasserfestem Make-Up?) und der Beschwerde: "Uh, ist das kalt, da geh' ich nicht rein!"



Good Omi

Mit geblümten Badeanzug, weißer Badekappe und Brille schlendert sie oft mit ihren Rommépartnerinnen im Freibad umher. Sie schwimmen selten und wenn, dann beschweren sie sich über die Kinder, die vom Beckenrand springen. Meist sitzt die Good Omi mit einem Gesprächspartner am Becken, taucht ihre Füße ins Wasser, tratscht und genießt.

Bad Omi

Die Lederlappen-Oma setzt sich durch. Trotz ihres Alters jenseits der 60 fühlt sie sich immer noch wie knackige 20. Das zeigt sie natürlich:Mit Bikini, Bauchnabelpiercing am überdehnten Nabel und Schwangerschaftsstreifen an Stellen, die mit Schwangerschaft nichts zu tun haben, liegt sie in der Sonne; mit Zigarette im durch Permanent Make-Up restaurierten Mund. Die Krönung ist die Haut der Bad Omi, die durch übertriebenes Sonnenbaden ledern geworden ist. Meist verzichtet die Bad Omi absichtlich auf die Sonnencreme.



Bolzkinder

Musikhörend und gerade auf dem Badetuch eindösend trifft einen ein Ball am Schädel. Ein hart getretener Freistoß von Ivica Banovic, so fühlt es sich jedenfalls an.

Kaum hat man sich von diesem Schock erholt, bekommt man als Zugabe noch einen Tritt in die Nieren, begleitet von den Worten: "Entschuldigung, da müsst' irgendwo mein Ball sein."

Besetzer

Antoniushaus, M1 im Vauban und nun sogar Handtücher. Besetzungen sind IN. Kaum hat man ein schönes Örtchen auf der Liegewiese erspäht, befindet man sich auf besetztem Gebiet, das mit einem überdimensionalen Handtuch markiert wurde. "Ähm, sorry, aber da liegen wir schon". In dieser Disziplin sind wir Deutschen übrigens Weltmeister.



Schwimmsenioren

Mit Badekappe und Schwimmbrille gerüstet, um einen sportlichen Eindruck zu machen, ziehen sie Bahn um Bahn. Mit ihrem korrekten Brustschwimmstil ähneln sie nicht selten lahmen Karpfen. Meist folgt auf den bösen Blick die Abmahnung: "Kann man denn hier nicht in Ruhe schwimmen?", gern auch: "Des meld' ich gleich dem Bademeister."

Möchtegern-Profis

Doch auch die jungen, vermeintlichen Spitzensportler erheben Anspruch aufs Becken - im Ganzkörperschwimmanzug, Modell "Phelps 2.0" mit dynamischer Schnittführung, optimaler Passform aus Elathan und Polyamid. Nur mit Bestzeiten gibt sich der verhinderte Profi zufrieden. Alle anderen: zur Seite!



Der Surfer

Mit wehendem Haar und noch trockenen, mit Hawaiiblumen gemusterten, knielangen Badeshorts steht er am Beckenrand. Die Arme ausgestreckt, setzt er elegant an zum Köpfer. Nach dem Sprung, der kaum Spritzer verursacht, sieht man auch die mit Lederbändchen versehenen Füße des Surfers.

Die Verhüllten

Mit T-Shirt bekleidet suchen sie die Erfrischung im Becken. Die schüchternen Mädels (natürlich gibt es auch solche Jungs) schämen sich, möchten nicht irgendwelche "Schwachstellen" ihres Körpers zeigen. Doch gerade durchs bekleidete Baden machen sie sich zum Gespött, denn meist tragen sie verwaschene Backstreet Boys- oder Kelly Family-Shirts.

[Fotos: Oliver Rath, Nina Hermann, Susanne Filz, Timo Deppe, Berhard Rein]

Mehr dazu:

fudder.de-Typologien: