Freiaustraße 101: Wohnen im Verkehrsknoten

David Weigend

Freiburg hat viele laute Ecken, diese hier gehört mit Sicherheit zu den lautesten: Die historische Häuserzeile Freiaustr. 95-101 ist umringt von der Heinrich-von-Stephan-Straße (bald vierspurig), von der Schnellstraße und der Bahnlinie. Ein Besuch bei den Bewohnern des Eckhauses Nummer 101, die mittlerweile mit den Nerven am Ende sind.

Feierabendmotoren. Stop and go, es riecht nach Diesel. Ampelphasen, Bremsen, Hupen, Gas. Hannah, 21, sitzt am Eingang ihres Hauses. Und wird zwangsläufig zur Verkehrsbeobachterin. Die Aprilsonne scheint ihr ins Gesicht und es könnte ein schöner Abend werden, mit Grillen im Garten. Vorausgesetzt, LKW-Lärm, Autoabgase und ratternde Güterzüge machen einem nichts aus. Der jungen Mutter ist es im September 2009 nicht bewusst gewesen, dass sie einen Verkehrsknotenpunkt bezieht.


Bei der Wohnungsbesichtigung waren die Fenster zu. Hannah wunderte sich zwar, als die Vormieterin sagte, sie hätte wegen des Lärms Migräne bekommen. Doch sie schob ihre Bedenken beiseite und unterschrieb den Mietvertrag. „Wir haben dringend etwas gesucht und die Wohnung hier erschien relativ günstig. Das war für uns das Hauptkriterium.“ Hannah zog mit ihrer einjährigen Tochter ein, mit Viky bildet sie eine Dreier-WG in der 90 Quadratemeter großen Wohnung.



Der Winter war noch erträglich, der Frühling ist es nicht mehr. „Ich geh’ auf dem Zahnfleisch“, sagt Hannah. Auch die anderen Bewohner des Hauses seien inzwischen mit den Nerven am Ende. Es brummt. 24 Stunden, permanent, rund um die Uhr. Ein Bienenstock mit Blechgetöse. Hannah erzählt: „Der Autolärm vom Zubringer ist am schlimmsten. Am Feierabend staut sich da regelmäßig der Berufsverkehr. Aber die Güterzüge sind auch krass. Wenn die bei offenem Fenster vorbeirauschen, musst du das Gespräch unterbrechen.“

Nachts vibriert Hannahs Bett, wenn Züge passieren. „Auf den Gleisen haben die jetzt offenbar eine Baustelle. Gestern Abend, als ich die Augen schloss, haben vier Männer auf dem Bahndamm rumgeflext.“ Tagsüber habe der Krach nicht abgenommen. Ein phonstarker Übergang für Hannah, die im beschaulichen Badenweiler aufwuchs.

Man könnte jetzt sagen: „Gute Frau, so hört sich nun mal eine Stadt an. Seien Sie mal nicht so empfindlich. In Madrid wäre das hier eine verkehrsberuhigte Lage.“

Aber wenn Hannah weitererzählt, von den Sirenen der Rettungswagen aus der Heinrich-von-Stephan-Straße 14, vom Martinshorn der Polizeiautos aus dem Polizeirevier Süd (Heinrich-von-Stephan-Str. 4), von den Tanklöschfahrzeugen der Feuerwehr, die stets unüberhörbar über den Autobahnzubringer gelenkt werden und wenn man exakt an dieser Stelle des Interviews das Tonband fünf Mal zurückspulen muss, weil man wegen des Grundrauschens im Hintergrund kaum was versteht, dann verkneift man sich die Bemerkung vom verkehrsreichen Stadtleben. Zumal die Heinrich-von-Stephan-Straße bis Mitte 2012 vierspurig ausgebaut werden soll, was weiteren Baustellenlärm nach sich ziehen wird. An die Zeit danach möchte man als Anwohner gar nicht denken.



Richard ist Immobilienmakler für die Firma Remax und sagt, das Haus Freiaustraße 97 werde bald verkauft. Overmann spricht von einer guten Kapitalanlage und sieht für diese Häuserzeile kein besonderes Lärmproblem: "Ruhe und Stadtnähe sind nun mal schwer vereinbar. Das Objekt hat aber Schallschutzfenster und ist auch nicht lauter als Häuser, die etwa an der Schwarzwaldstraße liegen."

Der Makler sagt, neulich seien auf Anhieb 30 Interessenten zu einer Wohnungsbesichtigung in besagter Freiauzeile erschienen, zumeist Studenten, die dort eine WG gründen wollten.

Maite, auch 21, ist Hannahs Nachbarin. Die Studentin ist erst Anfang April in die Freiaustr. 99 gezogen. Davor wohnte sie in einem der drei Hochhäuser an der Schönbergstraße, ebenfalls ein Freiburger hot spot für Noisefreaks. Durch den Umzug kam sie mit dem Regen in die Traufe. In der alten WG konnte sie den Balkon nicht benutzen, in der neuen WG kann sie nicht mal ihr Zimmer lüften, ohne dieses zu verlassen. „Mir war das allerdings bewusst, als ich einzog. Es war mir wichtiger, dass ich mit meinen beiden Freunden zusammenwohne.“

Mit denen führt sie mittlerweile Gespräche darüber, ob der hintere Bahn- oder der vordere Autolärm schlimmer sei. Maites Zimmer geht zur Straße raus. Wegziehen? „Nun ja. Was ist die Alternative in Freiburg? Ich habe mir genug WGs angeschaut. Für Zimmer in ruhiger Lage zahlst du mittlerweile drauf. Und das kann sich nicht jeder leisten.“Maite versucht, den Lärm einfach auszublenden, was nicht immer gelingt. Manchmal wacht sie früher auf, als geplant, weil draußen auf der Schnewlinstraße im Morgenverkehr munter gehupt wird.



Slavica wohnt mit ihrem Mann und drei Kindern seit 20 Jahren in der Freiaustraße 95 auf 80 Quadratmetern. Da diese Hausnummer von den vier betroffenen Häusern am weitesten von der Schnellstraße entfernt liegt, empfindet sie die Geräuschkulisse als erträglich. „Wir haben uns daran gewöhnt.“ Vor zwei Jahren haben die Pavelkas neue Schallschutzfenster bekommen, die von der Bahn bezuschusst wurden. Die Wohnung gehört der Stadt. Früher sei es lauter gewesen, da noch um 23 Uhr Züge rangiert hätten. Das hat nun aufgehört.

„Aber im Sommer, wenn wir mal im Garten sitzen und ein Zug vorbeikommt, versteht man sein eigenes Wort nicht mehr.“ Die Pavelkas stehen übrigens in engem Kontakt mit einer älteren Nachbarin, die seit 85 Jahren in der Freiaustraße 99 wohnt. Sie hat lebenslanges Mietrecht und scheint von eher unempfindlicher Natur zu sein.



Die Häuser Freiau 95 bis 101 stehen mittlerweile unter Denkmalschutz und haben eine bewegte Geschichte zu verzeichnen. "Die Arbeitersiedlung war unmittelbar nach dem Krieg 1870/71 aus Mitteln französischer Reparationszahlungen im Gewann "Freie Aue" errichtet worden", wie Nicole Kemper in einem lesenswerten Chilli-Essay über die Freiau schreibt. 1974 kam es in der Freiau zum Häuserkampf, da die Stadt die Hälfte der Siedlung abreißen wollte, um Platz für den Bahnhofsanschluss an den Zubringer Mitte zu schaffen.

Schon damals war die Situation auf dem studentischen Wohnungsmarkt angespannt.  Am 13. August 1975 vertrieb die Polizei mit Wasserwerfern und Panzerspähwagen die letzten Besetzer. "Am Nachmittag stand nur noch die Hälfte der ehemaligen Arbeitersiedlung Freiau, der Rest war dem Straßenbau gewichen", schreibt Kemper.



Hannah hat neulich die Fenster geputzt. Das Putzwasser war schwarz. Schwarz war es auch drei Wochen später wieder. „Die Luft hier ist nicht die beste“, sagt Hannah. „Allein schon wegen meiner kleinen Tochter schauen wir uns nach einer anderen Wohnung um.“ Ihre beiden Hunde würden diese Suche nicht gerade erleichtern. Beim Abschied fällt uns der Aufkleber mit dem Heinzelmännchen auf, der an Hannahs Wohnungstür klebt: "Uns gefällt alles", so der Slogan. Bei aller Liberalität: Das Heinzelmännchen sieht nicht besonders glücklich aus.

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