Fliegenmaden im Geflügel

Christoph Ries

Man steht im Hauptbahnhof und will sich abends mal eben kurz einen Broiler reinpfeifen. Das kann in die Hose gehen beziehungsweise ein juristisches Nachspiel haben. Hygiene ade, hier kommt fudder für Hartgesottene.



Der Tathergang

Es ist der 18. Juli 2006. Hinter dem Tresen eines Hähnchenbistros am Freiburger Hauptbahnhof drehen die letzten halben Hähnchen ihre Runden auf dem Grill. Auch in der Heißauslage liegen noch einige Tiere. Um 21.15 Uhr tritt ein Mann an den Verkaufstisch heran und bestellt ein Hähnchen. Der Angeklagte greift zur Gabel und lädt ein Hähnchen auf den Teller.

Der Mann bringt das Hähnchen als Überraschung seiner hungrigen Freundin nach Hause mit. Als sie hinein beißt, entdeckt sie unter der verkrusteten Hähnchenhaut weiße Fliegenmaden, die durch das Fleisch wuseln. Ähnlich ergeht es auch einer weiteren Kundin, die kurz darauf in ihr Bahnhofshähnchen beißt.

Die Geschädigten müssen anschließend auf Grund von starken Ekelgefühlen und Magenkrämpfen in der Freiburger Uniklinik behandelt werden. Die Lust auf Hähnchenfleisch ist beiden vergangen.

Lebensmittelkontrolleure entdecken wenig später „über Gebühr viele Fliegen“ im Verkaufsraum des Bistros. Trotzdem habe es der Verkäufer nicht für nötig gehalten, die Hähnchenhälften, die seit dem frühen Vormittag in der Heißauslage lagen, zu kontrollieren und auszutauschen.

Dass die Kunden verdorbenes Madenfleisch essen müssen, habe der Angeklagte zwar nicht gewollt, aber „billigend in Kauf genommen“, so der Staatsanwalt. Sein Antrag lautete: Strafbefehl wegen fahrlässiger Körperverletzung in Tateinheit mit fahrlässigem in Verkehrbringen verdorbener Lebensmittel.

Das Urteil

„Wenn Sie das wiederholen, was Sie bei der Polizei gesagt haben, sind wir hier in zwanzig Minuten fertig,“ erklärte der Richter dem Angeklagten zu Beginn der Anhörung. „Wollen Sie Einspruch gegen den Strafbefehl erheben?“

Der Ex-Student wollte und eröffnete seine Rede überraschend: „Ich habe keine verdorbenen Lebensmittel verkauft.“

Dass der Angeklagte den Einspruch nicht zurückziehen wollte, lag wohl auch daran, dass er selbst keinerlei Schuldgefühle hatte. „Die Hähnchen lagen den ganzen Tag in der Heißauslage. Genau da gehören sie auch hin.“

Nur weil eine Methode Jahre lang gut gegangen ist, heiße das noch lange nicht, dass auf Kontrollen verzichtet werden kann, erklärte der Richter daraufhin.

Immer wieder klopfte der sichtlich erregte Ex-Student mit seinen Fingerkuppen auf die Tischfläche der Anklagebank, zupfte sich nervös fuchtelnd über den Kinnbart. Ein Geständnis war ihm nicht zu entlocken. Erst die finanzielle Schieflage, in der sich der 400-Euro-Jobber derzeit befindet, brachte ihn zum Einlenken.

„Nehmen wir mal an, ich akzeptiere die Strafe. Was muss ich dann zahlen? Dann bin ich doch arm.“ Der Richter erklärte, dass laut Strafbefehl eine Geldbuße von insgesamt 350 Euro auf ihn wartet.

Nach kurzer Beratung mit einem weiblichen Gast im Zuschauerraum willigte der ehemalige Hähnchenverkäufer ein: „Okay, dann ziehe ich meinen Einspruch zurück.“



Kurioses

Der Angeklagte war ohne Rechtsanwalt erschienen und hatte offensichtlich selbst keine Ahnung, was ihn erwartet, wenn er den Strafbefehl akzeptiert. „Bin ich dann vorbestraft? Kann ich das in Raten zahlen?“ waren nur zwei seiner Fragen, die zeigen, dass er mit seiner Selbstverteidigung schlichtweg überfordert war. Außerdem sagte er zum Richter: „Ich bin ja sowieso schon verurteilt.“

Das schönste Zitat

Richter zum Angeklagten: „Ich habe als Student auch in Hotelküchen gearbeitet. Wenn da der Lehrling nach der Toilette nicht Hände gewaschen hat, sind aber die Messer geflogen.“