Flashmobs: Achtung, alle ausflippen! Jetzt!

Amelie Herberg

Seitdem die Menschheit die Macht des Flashmobbens entdeckt hat, werden hundertfach Kissen geschlachtet, Küsse getauscht und nackte U-Bahnfahrten unternommen – alles per organisierter Spontaneität. Ein Überblick zur Kultur der Blitzmeute.



Auf einmal geht alles ganz schnell. Über 300 junge Leute toben mit einem Kissen in der Hand wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen kreischend und johlend  über den Augustinerplatz. Passanten bleiben verdutzt stehen, Anwohner staunen. Dann beginnen die Leute, sich mit den Kissen gegenseitig zu verprügeln. Nach 15 Minuten ist das Spektakel so schlagartig wieder vorbei, wie es angefangen hat. Die Teilnehmer verteilen sich in alle Richtungen, übrig bleibt nur eine dünne Schicht aus Daunen, die sich über das gesamte Kopfsteinpflaster verteilt.


Die Freiburger Massen-Kissenschlacht aus dem vergangenen Jahr zählte noch zu den harmloseren Flashmobs. Manchmal kommen mehrere tausend Menschen zu den Spontanaktionen zusammen. Übersetzt bedeutet Flashmob so viel wie „Blitzmeute“ und genau darum geht es auch. Schlagartig sollen sich möglichst viele Menschen für kurze Zeit an einem Ort versammeln, mit einer skurrilen Aktion für Aufsehen sorgen und sich danach genauso schlagartig wieder in alle Himmelsrichtungen verstreuen.

Als sich die Nachricht von Michael Jacksons Tod verbreitete, setzen weltweit Fans zu einem spontanen Moonwalk-Flashmob an. Bei einer anderen Aktion blieben in der New Yorker Central Station mehrere hundert Menschen auf einmal wie versteinert stehen und in Amsterdam trafen sich Fans des Fußball-Vereins Ajax Amsterdam zum groß angelegten Trikottausch in der Innenstadt.



Sie stürmten aufeinander zu, gerade so, als ob ihnen bei einer gewonnen Meisterschaft die Tore zum Spielfeld geöffnet worden wären.
Bei den Spontan-Aktionen geht es allerdings nicht nur um ungläubig staunende Passanten, sondern auch um Spaß mit möglichst vielen anderen – auch wenn sich die Teilnehmer untereinander oft gar nicht alle kennen.

Die Organisation der Treffs läuft über E-Mail, SMS oder Online-Communitys wie StudiVz und Facebook. Der Ideengeber schickt den Termin an seine Freunde, die senden ihn wiederum weiter an ihre Freunde. Der Aufruf verbreitet sich rasend schnell und oft auch unkontrolliert weiter. Wie viele Menschen tatsächlich erreicht worden sind, weiß der Absender am Ende oft selbst nicht genau.

Die Gruppe, die im StudiVz die großangelegte Freiburger Kissenschlacht ankündigte, zählte am Tag vor der Aktion über 1500 Mitglieder. Das wurde dem Studenten Eddy Fischer, der den Flashmob ins Leben gerufen hatte, dann selbst etwas unheimlich: „Irgendwann habe ich doch Muffensausen bekommen und habe einen Anwalt eingeschaltet, denn ich habe mir Gedanken darüber gemacht, was da alles passieren kann, wenn so viele Menschen sich eine Kissenschlacht liefern.“



Aufhalten konnte er die ganze Sache jedoch nicht mehr. Die Abfallwirtschaft und Stadtreinigung Freiburg forderte im Anschluss für die Reinigungskosten 1700 Euro. Für einen Teil davon wurde allerdings ein Spendenmodell vereinbart, bei dem das Geld an eine gemeinnützige Organisation gespendet, statt an die Stadt gezahlt wurde.

Als ein Mitbegründer der Flashmob-Kultur gilt der amerikanische Journalist Bill Wasik, der 2003 in New York einige hundert Menschen in ein Kaufhaus lotste, die das Personal dort alle nach einem ganz bestimmten Teppich fragen sollten.

Seinem Beispiel folgten immer mehr Menschen mit ganz eigenen Ideen. Sie stürmten Fast-Food-Restaurants und bestellten auf einen Schlag mehrere hundert Burger, verwandelten Fußgängerzonen in riesige Tanzflächen oder fingen plötzlich alle an zu beten. Ein neuer Trend war geboren und die ganze Welt machte mit – bis heute. Vielleicht war es nur die Lust auf etwas Neues, vielleicht aber auch das Bedürfnis, ein Gefühl von Gemeinsamkeit in der anonymen hektischen Masse einer Großstadt zu entwickeln, wenn auch nur für einige wenige Minuten.



Wer Flashmobs als einen weiteren Auswuchs der ohnehin schnelllebigen Jugendkultur abtut, liegt falsch. Hinter einem Flashmob kann sich durchaus auch eine politische Botschaft verbergen. Auf den Philippinen wurde kürzlich eine Großdemonstration per SMS organisiert, die mithalf, den Sturz des Präsidenten Joseph Estrada herbeizuführen.

Die Organisatoren von politisch motivierten Flashmobs wollen aber meistens keine Demonstration auf die Beine stellen, sondern ihre politische Botschaft  in einer lustigen Flashmob-Aktion verpacken. Zum 60. Geburtstag des Grundgesetzes brachte eine Gruppe auf dem Platz vor dem Berliner Hauptbahnhof  200 Bürger zusammen, die am 23. Mai 2009 gemeinsam den Gesetzestext laut vorlasen. Veranstalter war eine Gruppe, die sich gegen eine Zensur des Internets stark macht.

[Fotos: Thomas Kunz, dpa]

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