Film der Woche: Zeiten des Aufruhrs

Carolin Buchheim

Vor elf Jahren spazierten Kate Winslet und Leonardo DiCaprio als Jack und Rose verliebt im erfolgreichsten Film aller Zeiten über ein CGI-Modell der Titanic. Für "Zeiten des Aufruhrs" stand das Film-Paar nun noch einmal gemeinsam vor der Kamera, um eine ganz andere Geschichte zu erzählen: die einer gescheiterten Liebesbeziehung.



Der Traum ist aus. Frank (Leonardo DiCaprio) und April Wheeler (Kate Winslet) sind so wie alle anderen. Das Paar lebt mit zwei Kindern in der Revolutionary Road, in der so gar nichts revolutionary ist. Hier wird im unerträglich perfekten Vorort-Idyll Connecticuts der amerikanische Traum gelebt.


Oder auch nicht. Denn April trauert ihrer verpassten Karriere als Schauspielerin nach und Frank pendelt jeden Morgen nach New York, zu einem bedeutungslosen Büro-Job, den er hasst. Frank und April führen genau das Spießerleben, dass sie nie haben wollten. Im vermeintlichen Ideal ihrer Zeit haben sie nicht nur ihre Träume und ihre Liebe, sondern auch sich selbst verloren. Soll das alles gewesen sein?



Ein Umzug nach Frankreich soll das Paar aus der Erstarrung erlösen und vom Vater-Mutter-Kind-Schauspiel für die Nachbarn, für die Gesellschaft befreien. Doch dass es zum dem Befreiungsschlag nicht kommen wird, weiß man als Zuschauer von Sam Mendes neuen Film nicht nur, weil der Film nicht "Frank und April ziehen nach Paris" heißt.

Bereits in den ersten zehn Minuten des Films, Frank und April giften sich auf einem Rastplatz, von den Scheinwerfern ihres Autos wie Bühnenschauspieler beleuchtet an, da ist klar: dieses Paar, diese Menschen sind nicht zu retten. Frank und April, beide wenig sympathisch, beide gleichermaßen schuld am gemeinsamen Unglück, steuern unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu.



Regisseur Sam Mendes, Kate Winslet's Ehemann, wendet sich mit "Zeiten des Aufruhrs" nach "American Beauty" zum zweiten Mal der Hölle der Vorstadt zu, und dem, was sie mit ihren Bewohnern anstellt. Sein Film ist die penible Umsetzung des 1961 erschienenen Romans "Revolutionary Road" des amerikanischen Autors Richard Yates. Und eigentlich macht Mendes in seiner Umsetzung des Romans alles richtig.

Er findet die richtigen Bilder, um die Statik von April und Franks Leben sichtbar zu machen, Thomas Newman untermalt mit einem monotonen Score und Drehbuchautor Justin Haythes hat die richtigen Worte für die nicht enden wollenden Wortgefechte des Paares, in denen sich jeder, der schon mal eine längere, ernsthafte Beziehung gehabt hat, schmerzhaft wiederentdecken dürfte. Leonardo DiCaprio deckt in diesen Streits das eigentliche Drama des Frank Wheeler auf: in seinem breiten, immer noch jungenhaften Gesicht ist Panik zu sehen. Die Panik eines Träumer, der keine Träume hat.

Einen ihrer stärksten Momente als Schauspielerin hat Kate Winslet, die für die Rolle der April bereits mit einem Golden Globe ausgezeichnet und als heiße Kandidatin für einen Oscar gehandelt wird, im Klimax des Films: dort erstarrt sie kurzfristig zur folgsamen Stepford Wife; eine schmerzhafte, traurige Szene.



"Zeiten des Aufruhrs" ist trotzdem kein Melodram. Die Perfektion von Ausstattung, Inszenierung und Spiel (und in der deutschen Fassung auch die zu wenig gealterten, unpassenden Synchronstimmen der Hauptdarsteller), das Fehlen von Kontext aus dem Roman und die Vorhersehbarkeit der Geschichte verhindern wahres Mitgefühl mit Frank und April. Und so bleibt man als Zuschauer zutiefst irritiert zurück.

Bei "Titanic" wurde in vollgepackten Kinos hemmungslos geflennt, als DiCaprio als Jack nach dem Sinken des Schiffes mit blauen Lippen und Wachs-Eis in den Haaren, die Tür, auf der Rose trieb, losließ, und mit ausgestreckten Armen im Meer versank. Nach "Zeiten des Aufruhrs" fragt man sich als Zuschauer, ob Jacks Tod vielleicht doch keine so schlechte Sache war. Denn so kamen  Rose und Jack schließlich nie in die Gefahr, sich und ihre Liebe so zu zerfleischen, wie April und Frank Wheeler.



fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Spannung



Schauspielerische Leistung



Story



Kamera



Informationsgehalt



Musik








Trailer: Zeiten des Aufruhrs

Quelle: YouTube