Film der Woche: Watchmen - Die Wächter

Christian Heller

Die literarisch hochgeschätzte Comicserie "Watchmen" von Alan Moore und David Gibbons erzählte vor einem Vierteljahrhundert in düsteren Bildern und Texten von Aufstieg und Fall einer modernen Superheldenkultur. Seitdem geisterte die Filmumsetzung durch viele prominente Hände, bevor es nun von Zack Snyder ("300") verwirklicht wurde.



Wie schon in seiner hochstilisierten Frank-Miller-Adaption 300 fordert Snyder mit Watchmen das Kino in seinen Konventionen heraus, indem er Comic-Ästhetik möglichst direkt, also unbeschliffen von bewährten Anpassungs- und Unformulierungsverfahren, auf die Leinwand hetzt. Zu großen Teilen nimmt er einfach die Panels als Storyboards, die Sprechblasen als Drehbuch und die Heft-Einteilung als Gesamt-Dramaturgie.


Das Ergebnis wirkt auf den ersten Blick nicht ganz so unmittelbar befremdlich und außerirdisch wie in 300; das liegt an der Realismus-Gaukelei der Vorlage, die sich in einem zeitgenössischen 1980er-Jahre-Setting verortet, zwischen Kaltem Krieg, Popkultur und Politikerköpfen der damaligen Gegenwart, und ihren Figuren eine betont tiefsinnige Psychologie gönnt; indes dem Spartaner-Gemetzel die historische Distanz und apsychologische Legendenhaftigkeit eines Herodot eingeschrieben war.

Aber Snyder sorgt schon dafür, dass auch die Welt von "Watchmen" in ihrer Künstlichkeit und Ferne offenbar wird; schon indem er ihre Oberfläche wortwörtlicher abbildet, als es vielleicht der Zielrichtung dahinter entspricht. Zudem pflegt er die zeitliche Distanz, die er der Vorlage zu ihrer Gegenwart voraus hat. Er hat sichtlich Spaß am karikaturesken Nachbauen inzwischen längst historischer Gestalten, Moden und Gesten.

Er arbeitet diese einmal gefassten Ansätze vor allem auch dort heraus, wo das filmische Spielfeld über die Möglichkeiten des Comics hinaus geht. Er schmettert von der Tonspur aus spielbegeistert eine 80er-Jahre-Musikauswahl von Nena und Leonard Cohen bis Philip Glass auf die Bilder. Die physische Welt von "Watchmen" dagegen gerät klaustrophobisch und auf eine sonderbare Weise synthetisch dadurch, dass die Symmetrien und Detailtiefen der zweidimensionalen Panels unmittelbar in körperlich-dreidimensionalen Filmraum projiziert werden.



Das Anschauen des Films "Watchmen" und die Lektüre des Comics "Watchmen" bleiben dabei zwei sehr unterschiedliche Erlebnisse:

"Watchmen" das Comic bemüht sich vor allem auch um Dekonstruktion früherer Comic-Welten, schreibt sich Entmythisierung und Profanisierung auf die Fahne, reißt die Geschlossenheit seiner Welt durch Realismus- und Diskurs- und Format-Einbrüche von Außen ein: den Comic-Panels sind Abdrucke von Essays, Sachbüchern, Korrespondenzen und Interviews aus der "Watchmen"-Welt gegenübergestellt, in denen Marshall McLuhan, amerikanische Außenpolitik, Posthumanismus und Comic-Figuren-Merchandising diskutiert werden.

"Watchmen" der Film dagegen dekonstruiert gerade die Realitäts-Bezüglichkeit seiner Comic-Vorlage durch Historisierung ihrer Bezugspunkte und Betonung ihrer ästhetischen Oberfläche. Für die Aufgabe, so meta und realistisch als möglich das Superheldengenre auseinander zu nehmen, scheint er sich weniger zu interessieren; der Pfad ist in den vergangenen Jahrzehnten ja auch schon zur Genüge ausgetreten worden und verwandelte das düstere "Watchmen" zuletzt in familienfreundliche Trickfilmunterhaltung ("The Incredibles").

Snyder eignet sich das Material "Watchmen" stattdessen für die Nerd-Liebe zur Konstruktion von und Eintauchen in geschlossene Parallel-Welten an. Und dafür weiß er gut das Kino zu nutzen, das so viel sinnlicher, räumlich plastischer, drastischer die Gestaltung einer Traumwelt ermöglicht. So passt auch das fanatische Einfangen noch der randständigsten Details aus der Vorlage hinein, so diese denn ein "Watchmen"-Paralleluniversum aufzubauen helfen.

Er beschränkt sich keineswegs nur auf das Abfilmen der Comic-Panels aus der Vorlage; er nutzt sie als Sprungbrett für filmische Fabulierfreude, die auch Dinge im Comic-Stil visualisiert, die in der Vorlage gar nicht visualisiert wurden. Er erfindet das "Watchmen"-Universum neu und weitet es über seinen eigenen Film aus: zur werblichen Vorbereitung auf diesen wurde soviel an kreativem Zusatzmaterial in Form von Videoarchiv-Schnipseln, Plakaten, Zeitungsausschnitten, Fotos, Polizeiberichten usw. usf. aus dem Film-Universum in unsere Internet-Realität gespühlt, dass sich die Richtung des Durchdringens fiktionaler und realer Welt, wie sie noch in der Comic-Vorlage gepflegt wurde, umkehrt.



Dieses Zerfasern der Produktform Film hinterlässt seine Spuren auch darin, dass die Kinofassung von "Watchmen" nur eine Untermenge dessen ist, was am Ende auf DVD herauskommen soll. Neben einer massiven Verlängerung zu einem Director's Cut steht auch noch Snyders Trickfilmadaption eines makabren Piraten-Comic an, das als Comic-im-Comic die Vorlage durchzieht und nachträglich in den Film integriert zu werden verspricht.

Snyders Film ist groß vor allem in seiner ersten Hälfte, wo er reich ist an Exposition und dem Nacherzählen der persönlichen und historischen Hintergründe seiner Figuren - also all die Passagen, in denen Snyder Welt aufbauen kann. Umso eiliger wirkt dann der Plot durchgerattert, je näher das Ende rückt; den apokalyptischen Spannungsaufbau und das monströse Finale in gebotener Imposanz zu genießen, gönnt er sich so kaum die Zeit.

So tut sich vor allem in der zweiten Hälfte oft der Verdacht auf, dass hier nicht nur dramaturgisch intelligent komprimiert, sondern auch einfach auf eine Maximallänge hin Material weggekürzt wurde, das später in der Ultra-Large-DVD-Edition enthalten sein mag. Dieser Gedanke enttäuscht bei Kinosichtung etwas, macht aber auch Hoffnung, irgendwann in naher Zukunft einen noch volleren "Watchmen" sichten zu können.



fudder-Bewertung

Anspruch



Gagdichte



Action



Schauspielerische Leistung



Story



Kamera



Informationsgehalt



Musik





 

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Trailer: Watchmen - Die Wächter

Quelle: YouTube